20. Jan. 2026

Musik ist für uns alle ein Alltagsbegleiter – meist läuft sie einfach so mit, ohne viel Beachtung. Doch wenn man mal genauer hinhört, trifft sie oft genau ins Schwarze und legt den Finger auf einen wunden Punkt unseres Lebens. Manchmal reicht ein Song aus, um uns in unsere Kindheit zurückzubringen. 

Freitagnachmittag im Müller. Ich bin mit zwei guten Freunden unterwegs, um ein paar Snacks für den Filmabend und Schreibwaren zu kaufen. Die Stimmung ist gut, ausgelassen. Auf dem Weg in die Schreibwarenabteilung kommen wir an der Spielzeugabteilung vorbei – und auch nicht um sie herum. Ich war schon lange nicht mehr hier. Hätte ich gewusst, dass mein letzter Besuch hier der letzte als Kind war, hätte ich mir wohl mehr Zeit gelassen, mehr mitgenommen. Wir sehen uns um. Es hat sich vieles verändert, seit wir Kinder waren. „Schau mal, jetzt gibt es die magische Knete sogar in der pinken Einhorn-Edition“, sagt meine Freundin unbeschwert. „Soll ich welche mitnehmen?“. Mein erster Reflex ist es, abwinkend zu lachen, doch dann kommt mir der Song „Almost“ von Hozier in den Kopf: „The same kind of music haunts her bedroom. I’m almost me again, she’s almost you.“

„The same kind of music haunts her bedroom. I’m almost me again, she’s almost you.“

Hozier

Die gleiche Musik, die dich verfolgt? Fast wieder man selbst sein? Mein Blick fällt zurück zu der knallpinken Knete, die mich früher so einfach hätte begeistern können. Was ist jetzt anders? Auf einmal erinnere ich mich daran, wie gerne ich als Kind mit bunten Lippenstiften gespielt habe. Wie ich bunte Loom-Armbänder mit Freunden tauschte und Bücher nur für gute Geschichten und nicht zum Lernen da waren. Wie ich mit viel zu großen, von meiner Oma geklauten, Stöckelschuhen, durch den Flur wankte. Doch es kam der Tag, da passten die Schuhe – ja, da wurden sie sogar zu klein.

Die Farbe zurückholen

Uns wird früh beigebracht, nicht aus der Reihe zu tanzen, zu funktionieren. Irgendwann tragen wir Make-up nicht mehr, weil es so schön bunt ist, sondern weil es Erwartungen erfüllt. Wir lesen Bücher nicht mehr, um in andere Welten zu tauchen, sondern um Prüfungen zu bestehen. Und die pinke Einhorn-Knete bleibt im Regal, weil sie nicht praktisch ist. Wir wollen immer weiter vorankommen und vergessen dabei das Wesentliche, uns. Ich denke an das Hozier-Lied zurück: „I got some color back, she thinks so too“, und frage mich, wie ich meine Farbe wieder zurückbekommen kann. Was würde wohl mein jüngeres Ich dazu sagen, wenn sie mich hier in der Spielwarenabteilung stehen sehen könnte? Vermutlich würde sie denken, was für eine Langweilerin aus mir geworden ist, wir sind uns so nah, aber doch so fern.

The same kind of music

Was ist, wenn wir im Grunde genommen immer der gleichen Melodie folgen? Ein Großteil unseres Erwachsenenlebens also daraus besteht, dieses alte Ich wiederzufinden? Sich zu fragen: Was würde mein inneres Kind jetzt tun? Entschlossen greife ich also nach der Knete und stimme meiner Freundin zu, dass dieser Kauf absolut notwendig ist. Wir kaufen noch einen bunten Anti-Stress-Ball und Jelly Beans dazu und plötzlich fühle ich mich ihr wieder ganz nah, meinem inneren Kind. „I’m almost me again, she’s almost you.“

 

Almost - Hozier