Code-Switching 4 Minuten

Wann hast du dich das letzte Mal verstellt?

Welches Pärchen ist gerade am Flirten und welches nur befreundet? Abhängig von unserem Gesprächspartner, verändern wir unsere Sprache – also auch unsere Körperhaltung und Gesichtsausdrücke. (Symbolbild) | Quelle: Tinka Ruhnau
15. Mai 2024

Diese Gedanken bei dem ersten Date: „Warum habe ich so komisch gelacht? War das peinlich. Cool bleiben! Wieso verhalte ich mich so? Ich bin gar nicht ich selbst.“ Hast du dich dabei schon einmal erwischt? Dann bist du hier genau richtig.

Vor ein paar Tagen stand ich mit meinen Freundinnen an der Theke unserer Lieblingsbar und konnte ein interessantes Phänomen beobachten: Zwei Männer haben sich zu uns gestellt und die Haltung, die Gesichtsausdrücke und Stimmen jeder meiner Freundinnen haben sich schlagartig verändert. Von einer entspannten Haltung zum Hintern und Brust rausstrecken, von einem normalen Blick zu einem verspielten Lächeln und von einer normalen Tonlage zu einem fast schon kindischen Kichern. Doch warum ist das auf einmal passiert?

Die Antwort: Code-Switching. Und was hat es damit auf sich?

Code-Switching ist auf viele Bereiche anzuwenden. Kurz gesagt, ist es das Hin- und Herspringen zwischen Sprachen während eines Gesprächs bspw. bei bi- oder multilingualen Menschen. Es gibt jedoch auch Theorien dazu, wie Code-Switching auf der Arbeit oder in Beziehungen passiert, um einer bestimmten Rolle gerecht zu werden.

Quelle: PsychCentral

Wir kennen es alle: Wir sehen jemanden, der uns gefällt und wollen dieser Person auch gefallen. Besonders in Bars und Clubs kann man dieses Verhalten gut beobachten. Die Blicke, die ausgetauscht werden und die Art, wie sich danach bewegt wird. Doch auch unabhängig von dieser Umgebung findet Code-Switching überall statt. Wer hat nicht schon einmal lange über die Wirkung einer Nachricht nachgedacht oder seine Freunde um Rat gefragt, wie diese Nachricht ankommen könnte?

Was dahinter steckt, ist eine Verhaltensanpassung, um dem Gegenüber besser zu gefallen. Das führt dazu, dass wir uns besonders in der Kennlernphase auf eine gewisse Weise verstellen. Wir zeigen die beste Version von uns, um liebenswerter oder sogar „beziehungsfähiger“ zu wirken. Oder aber, wir sind so aufgeregt, dass wir uns selbst im Gespräch gar nicht wiedererkennen, weil wir zu viel oder gar nicht reden. 

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen

Auch wenn die traditionellen Rollenbilder in der Gesellschaft teils veraltet sind, werden diese durch Filme und die Erziehung weiterhin vermittelt. Demnach müssen Frauen lieb, harmoniebedürftig und emotional sein. Männer hingegen müssen die starken Beschützer sein, die rational denken und kommunizieren. In Bezug auf Code-Switching könnte das Verhalten und dieses Phänomen als Männer- und Frauensprache verallgemeinert werden. Was ich oft beobachtet habe: Frauen versuchen beim Daten weniger emotional und Männer weniger rational zu sprechen. Diese Ebene könnte eine gute Grundlage für eine gelungene Kommunikation zwischen den beiden Geschlechtern sein. Aber kann man diese Art und Weise dauerhaft aufrechterhalten? Wieso genau neigen wir dazu, in unserer Sprache zu „switchen“ und welche Folgen hat das auf unsere Psyche und Beziehungen?

Code-Switching beansprucht unsere kognitiven Fähigkeiten. Wir handeln sehr bedacht und kontrolliert, lassen unser wahres Selbst nicht oder nur teilweise durchblicken. Und dieses Verhalten müssen wir immer beibehalten, wenn wir bei dieser Person sind. Paar- und Sexualtherapeutin Dimple Goertz sagt zu dem Thema: „Das hat langfristig auch keine guten Konsequenzen. Wenn ich mich dauerhaft verstelle, kann das im schlimmsten Fall zu einem Identitätsverlust und einem verminderten Selbstwertgefühl führen.“ 

Warum verstellen wir uns?

Oft finden wir Personen richtig gut, die wir auf den ersten Blick als attraktiv oder besonders interessant empfinden. Wir stellen uns vor, dass unser Gegenüber perfekt in unser Leben passt und fangen an zu fantasieren. Wir verlieben uns in eine Vorstellung, die wir nicht kommunizieren. Dabei vergessen wir die Realität und somit uns selbst.

„Wenn ich mich dauerhaft verstelle, kann das im schlimmsten Fall zu einem Identitätsverlust und einem verminderten Selbstwertgefühl führen.“

Paar- und Sexualtherapeutin Dimple Goertz

Vielleicht ist dieses Verhalten zurückzuführen auf die Erwartungshaltungen beim Dating. Die Romance-Gap spielt hier eine entscheidende Rolle. Sie ist die „Lücke“ zwischen den Erwartungen, welche wir beim Dating oder in Beziehungen an das jeweilige Geschlecht haben und der Realität. Die traditionellen Gendernormen beeinflussen somit unterbewusst unser Verhalten sowie unsere Denkweise. Dadurch könnten Liebesbeziehungen eingeschränkt und authentische Beziehungen verhindert werden.

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| Quelle: https://thebeehive.bumble.com/de/the-romance-gap

Hier sind die Rollenbilder gut zu erkennen. An diesen Erwartungshaltungen scheint sich zwar in den letzten Jahren einiges getan zu haben, dennoch haben wir alle eine ganz bestimmte Vorstellung, wie unser*e Partner*in sein soll und der potenzielle Partner oder die Partnerin gerecht werden möchte. Hinzu kommt die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft, wodurch viele jemanden suchen, der nicht zu aufdringlich ist. Wir suchen jemanden, der nicht so leicht zu haben ist, der uns herausfordert und für den wir die beste Version unseres Selbst sein möchten. 

Und was jetzt?

Im Endeffekt könnte man Code-Switching auf alles anwenden. Wir reden anders mit unseren Freund*innen, als mit unserem Chef oder unseren Eltern. Wir wechseln also in unserem Sprachverhalten jeden Tag – sogar mehrfach. Und das ist total normal und die Grundlage für eine funktionierende Kommunikation.

Doch besonders beim Dating oder einfach nur bei einem Barbesuch mit den Freund*innen sollten wir aufpassen, dass wir uns nicht zu sehr verstellen. Wir könnten stattdessen mit unserem Gegenüber reden wie mit unserer besten Freundin oder unserem besten Freund. Denn im Normalfall sind wir mit dieser Person am ehesten wir selbst. Und sind wir mal ehrlich: Wollen wir nicht alle einen Partner, bei dem wir, ohne darüber nachzudenken, einfach sein können? 

Wenn unser Date nicht zu schätzen weiß, wie offen, lustig, schlau oder verrückt wir sind, dann ist es vielleicht nicht der richtige Mensch, um Teil unseres Lebens zu sein. Unser Umfeld sollte aus Personen bestehen, die uns lieben, so wie wir sind; mit allen Macken und guten sowie schlechten Eigenschaften. Also überlege bei deinem nächsten Date nicht, wie du dem Gegenüber gefallen kannst. Denke lieber darüber nach, was dir in einer Beziehung besonders wichtig ist und prüfe, ob er oder sie diese Anforderungen auch erfüllt. Und wenn sich meine Freundinnen bei dem nächsten Barbesuch wieder so verhalten, lasse ich sie einfach diesen Artikel noch einmal lesen.