Martin und Leoni sitzen vor einer braunen Backsteinwand und fassen, wie jede Woche, die neusten Nachrichten aus der Trash-TV Bubble zusammen. Wer hatte was mit wem, welches Paar hat sich getrennt und streiten die einen da immer noch? 2020 begann Martin in der Redaktion von Tag24 zu arbeiten. Das Format „Trashkurs“ baut er von Anfang an mit auf. Im Interview mit Edit. geben uns die beiden exklusive Einblicke in das „Universum Reality-TV”.
Viele Realitystars sind stark auf den sozialen Medien präsent, hier finden Streits, Freundschaften aber auch Beziehungskrisen statt. Gleichzeitig gibt es auch Boulevard-Medien, wie Promiflash, die darüber berichten und noch mehr Neuigkeiten liefern. Wie bereitet ihr diese Informationen für eure Videos auf?
Martin: Wir sind an die Redaktion von Tag24 angegliedert, mit der wir uns abstimmen und regelmäßig austauschen. Aber der Große Teil der Arbeit liegt bei uns.
Leoni: Wir recherchieren auch für Interviews vor Ort bei Premieren und Events. Ansonsten tragen wir viel von Instagram oder Promiflash zusammen. Da liefern die Leute eigentlich schon alles, was wir wissen müssen.
Martin: Gott sei Dank muss man das Thema nicht unbedingt mit Samthandschuhen anfassen. Bei anderen Themen ist eine tiefere Recherche wichtiger, bei uns kommt es eher darauf an Hintergrundwissen zu bieten.
Kann man denn Reality-TV heute überhaupt noch richtig verstehen, wenn man Reality-Stars nicht auf Social-Media verfolgt?
Martin: Das geht zwar, aber dann versteht man das große Ganze nicht. Wenn man Reality-TV nur als leichte Kost schauen möchte, funktioniert das. Aber dann hat man die Themenwelt nicht so tief begriffen, wie es an manchen Stellen nötig wäre.
Leoni: Diese Welten vernetzten sich immer stärker, in einem Jahr wird das vermutlich schon wieder ganz anders aussehen als noch vor zwei Jahren.
Martin: Eigentlich ist die extreme Vernetzung über Social-Media genau das, was man grundlegend kritisieren kann. Man merkt oft, dass Akteure in Shows irgendwie unter einer Decke stecken. Wenn man schon Bescheid weiß, wer mit wem zusammen ist, verdirbt man sich an vielen Stellen den Spaß. Man hat vermutlich mehr Freude daran, wenn man einfach nur den Fernseher einschaltet, die Show genießt und nicht das Handy als zweiten Bildschirm nutzt.
Reality-Stars sind stark untereinander vernetzt. Aus der gemeinsamen Teilnahme an einer Show können Freundschaften, Beziehungen aber auch Konflikte entstehen. Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass Kandidatinnen für mehr Sendezeit Konflikte inszenieren würden. Das aktuellste Beispiel zeigt sich in der Voting basierten Show "Kampf der Reality Allstars". Kandidatin Kader Loth, die bereits seit über 20 Jahren in der Reality-Branche tätig ist, beobachtet Hintergrundabsprachen beim Votingverhalten zwischen den Klienten des Managements Rosenschwestern. Das Management gehört Filiz Koc-Rose, der Schwester von Teilnehmerin Yeliz Koc. “Die sind alle im selben Management und die Schwester von ihr ist die Managerin, die schützen sich. Ich hab den Eindruck, dass Yeliz hier ihre Pitbulls reingebracht hat. Ja was tut man alles nicht, wenn man aus demselben Management kommt und den Arsch von Yeliz hier beschützen muss.”, so Loth.
Stimmt ihr dem Vorwurf zu, dass sich Teilnehmende desselben Managements nicht gegenseitig rausvoten?
Leoni: Bei „Kampf der Reality Allstars“ hatte man ja schon das Gefühl, dass die alle unter einer Decke stecken und sich gegenseitig niemals nominieren würden. Das ist ja auch logisch. Natürlich schützt man erst einmal die Leute, die man gut kennt, anstatt jemanden, mit dem man nichts zu tun hat und durch den vielleicht auch weniger Geld generiert wird.
Martin: Warum sollte man auch jemanden aus dem eigenen Management rauswerfen? Da gäbe es nach den Dreharbeiten nur unnötigen Erklärungsbedarf.
RTLZWEI antwortet auf eine Anfrage der Edit. Redaktion, dass Reality-Formate von authentischen zwischenmenschlichen Dynamiken leben würde. Bestehende Bekanntschaften und Vernetzungen könnten diese natürlich beeinflussen. Entscheidend sei, dass der Verlauf im Format aus den Situationen vor Ort entstehe. Redaktionelle Eingriffe oder externe Steuerungen, beispielsweise durch Managements, würden nicht stattfinden.
Wenn wir genauer auf die Beziehungen innerhalb der Show „Kampf der Reality Allstars“ schauen, fällt auf, dass die Teilnehmerin Yeliz Koc wenig polarisiert und trotz ihrer starken Bekanntheit kaum Sendezeit bekommt. Es scheint, als würde sie stark von einer Gruppe getragen werden, wie es auch Kader Loth bemerkte. Liegt das am Einfluss des Managements ihrer Schwester?
Martin: Yeliz ist ein Charakter, der wie fürs Fernsehen gemacht ist. Sie ist weniger leichtsinnig, naiv oder uninteressant, als viele denken. Auf einem Event haben wir mit ihrer Schwester Filiz gesprochen. Sie hat selbst ganz offen gesagt, dass sie jetzt eine Neue im Management habe, bei der sie wisse, sie sei nicht so langweilig wie Yeliz. Das sagt sie wohlgemerkt über ihre eigene Schwester, mit der sie wahrscheinlich das meiste Geld verdient.
Leoni: Yeliz bleibt im Gespräch und sei es nur, weil andere über sie sagen, wie langweilig sie sei.
Martin: Dabei spielt das Management definitiv eine entscheidende Rolle. Bei einem anderen Management wäre Yeliz vermutlich verloren, denn Filiz hat die richtigen Kontakte. Die lauten, starke Charaktere hat sie ohnehin fest in ihrem Team. Deswegen wirkt sie manchmal wie eine stille Anführerin im Hintergrund – alle hören auf Yeliz, obwohl von ihr selbst gar nicht so viel kommt.
Martin: Er bezeichnet sich als Model und Influencer und hat rund 300 Tausend Abonnenten. Aber ob diese Zahlen alle echt sind, weiß kein Mensch. Von dieser großen Model-Karriere hat man auch noch nie so richtig etwas gesehen. Jona ist ein weichgespülter, netter Kerl, aber inhaltlich hat er eigentlich wenig zu erzählen.
Leoni: Dann betitelt er sich eben zusätzlich als Creator und Event-Host, lädt die Leute zu seinen Partys ein und knüpft so direkt die nächsten Kontakte. Er hatte da wohl einfach ein glückliches Händchen und den richtigen Riecher.
Martin: Es erinnert ein bisschen an das Yeliz-Phänomen, obwohl er nicht bei den „Rosenschwestern“ unter Vertrag ist. Er macht das mit dem Netzwerken eben auch geschickt, indem er sich sehr breit aufstellt. Jona polarisiert nicht krampfhaft, sondern die Dinge ergeben sich für ihn organisch, weil er einfach immer irgendwie mitmischt.
Auf eine Anfrage der Redaktion hatten sich weder Jona Steinig noch Yeliz Koc, sowie deren Managements gemeldet. Die Vernetzung in der Reality-Bubble scheint immer präsenter zu werden. Während RTLZWEI beteuert, dass kein Einfluss auf die Shows genommen wird, sieht die Außenwahrnehmung anders aus.
Leoni: Wir haben keinen Bock auf diese offensichtlichen Vorabsprachen. Das trübt den Unterhaltungswert einer Show für die Zuschauenden massiv. Durch die digitale Vernetzung ist das heute aber gar nicht mehr anders möglich. Wenn man selbst an einer Sendung teilnehmen würde, würde man es vermutlich genauso machen und sich davor mit anderen austauschen. Als Konsument vor dem Fernseher ist es aber einfach extrem nervig.
Martin: Jeder ist für seinen eigenen Konsum verantwortlich. Das ist im Grunde wie beim Fußball. Wir sind keine Fußballfans und schauen vielleicht mal die Weltmeisterschaft an. Aber es gibt eben Leute, die sich jeden Tag drei Spiele anschauen und sich riesig darüber freuen. Man muss also seine eigene Dosis finden. Manchmal wird es einem zu viel, aber das muss man in dieser gewachsenen Branche wohl einfach akzeptieren. Wir können die Entwicklung sowieso nicht bestimmen. Das Reality-TV ist inzwischen wie eine eigene kleine Gesellschaft, wie ein eigenes kleines Land im Fernsehen.
Um herauszufinden, ob die Management-Zugehörigkeit einen Einfluss auf das Voting-Verhalten in Shows nimmt, haben wir Daten aus sechs deutschen Reality-Shows erhoben und analysiert.
Die Daten könnt ihr hier einsehen.