Parklücken und Spätzünder
Rückwärtsgang. Vorwärtsgang. Einschlagen. Rückwärtsgang. Pieeep. Bremse. Ich schwitze. Stelle den Rückspiegel neu ein, obwohl ich ihn sowieso nicht benutze. Omas Auto hat eine Rückfahrkamera. Durch sie sehe ich den verurteilenden Blick des Mannes, der gerade Zeuge meines fünften gescheiterten Einparkversuchs wurde. „Maus, sicher, dass ich es nicht machen soll?“, kommt es voller Mitgefühl vom Beifahrersitz. Mein Ego schluchzt laut auf, aber ich höre mich zustimmen. Wird ja eh nix mehr. Ich zeige meiner Freundin kurz wo der Wählhebel ist und steige aus. Und warte. Und schäme mich.
Wofür eigentlich? Dafür, dass ich es heute nicht in die Parklücke geschafft habe? Oder dafür, dass ich meinen Führerschein erst letztes Jahr, also mit 21, gemacht habe? Mit Fortbewegung war ich immer spät dran. Laufen habe ich mit anderthalb gelernt, schwimmen mit zehn und Fahrradfahren mit elf. Auch mit dem Studium (dem hier jedenfalls) habe ich mit 21 angefangen. Ohne meinen Teddy konnte ich peinlich lange nicht schlafen, habe vor kurzem das erste Mal erfolgreich Reis gekocht und merke jetzt, nach sechs Hochschulsemestern, dass vier Stunden Schlaf pro Nacht nicht edgy, sondern ungesund sind. Ich habe sogar fast meine letze Abitur-Prüfung verpasst und bin allgemein einfach oft spät dran. Für die Bahn, beim Führerschein, im Leben.
Mein eigenes Tempo
Aber ist das so schlimm? Ok, die Bahn zu verpassen ist einfach super nervig, aber meine Eltern haben sich gefreut, dass ich so lange nicht laufen konnte. Während andere Eltern ihren Kindern hinterherrennen mussten, konnten meine mich einfach absetzen und Kaffee trinken. Auch das mit dem Führerschein war ganz angenehm so. Ich musste Abi und Fahrstunden nicht unter einen Hut bekommen und konnte mich mit einem anderen Selbstbewusstsein das erste Mal hinters Steuer setzen, als ich das mit 16 gekonnt hätte. Wenn ich früher mein Studium in Stuttgart begonnen hätte, wären mir die Leute entgangen, die jetzt Zuhause für mich bedeuten. Wer weiß, vielleicht bin ich sogar schon mal einem Unfall entkommen, weil ich die spätere Bahn genommen habe.
Und sowieso, manchmal bin ich auch früher dran. Sprechen konnte ich zum Beispiel, bevor ich laufen konnte. Mit dem Lesen war ich ähnlich schnell. Mein Gerechtigkeitssinn hat sich bemerkbar gemacht, bevor mich irgendjemand ernst nahm und schon als Kind wusste ich, dass ich meine tägliche Me-Time brauche, um nicht unerträglich zu werden. Ich hab‘ halt mein eigenes Tempo.
Lebenswege
Außerdem ist so ein Leben kein Wettrennen. Was rennen wir denn entgegen? Dem Tod? Dahin kann ich meinen Bachelor nicht mitnehmen. Es wird nicht auf meinem Grabstein stehen: „Sie hat ihren Führerschein erst mit 21 gemacht.“ Eine gerade Laufbahn gibt es sowieso nicht. Alle sind auf einem eigenen Weg unterwegs, spazieren mal, sprinten kurz, halten inne. Ab und zu trifft man sich. Geht vielleicht in unterschiedliche Richtungen davon. Ist jemand, der an mir vorbei läuft, schneller als ich? Oder hatte die Person einen anderen Startpunkt? Ein anderes Ziel? Es gibt so viele Lebenswege wie Menschen und sie zu vergleichen wäre wie Memory mit Schneeflocken zu spielen. Nämlich völlig irre. Es gibt wiederkehrende Muster und ähnliche Typen aber selbst aus zig Milliarden werden niemals zwei identisch sein. Und das ist doch eigentlich ganz gut so.
Zack. Zwei Züge und das Auto steht in der Lücke, die auf einmal gar nicht mehr so eng aussieht. Die parallel stehenden Räder scheinen mich spöttisch anzugrinsen, aber egal. Irgendwann bekomme ich das auch noch hin.
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Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
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