„Vielleicht find ich das wie ich bin, gar nicht mal so gut – vielleicht wär ich eigentlich gern ein bisschen mehr wie du.“
„Ich hab einfach keinen Bock mehr darauf ich zu sein“
Selbstoptimierung. Arbeite an dir. Immer weiter und weiter, bis du das optimale Level erreicht hast. „The mountain is you“, der Name eines Ratgebers für Selbstoptimierung. Hat mir meine Mama geschenkt. Der Staub von etwa einem Jahr hat sich seitdem auf ihm angesammelt. Kein einziges Mal habe ich es auch nur geöffnet. Lächerlich ist das. Warum sollte man sich ständig verändern, kann man sich nicht auch einfach mal akzeptieren? Und doch, täglich finde ich etwas an mir, dass mir nicht so ganz in den Kram passt.
Ich spreche nicht von Äußerlichkeiten, sondern von Eigenschaften, Angewohnheiten, Launen und regelmäßigen Gedanken – Dinge, die unter meinem Einfluss stehen. In dem Lied „Wie ich“ der Band Kraftklub, singt Felix Kummer davon, was er gerne wäre, aber leider überhaupt nicht ist. Die Verse könnten aus meiner Feder stammen, ich kann ohne groß nachzudenken mitsingen: „Ohne Schweiß auf den Handflächen jemanden ansprechen. Teil einer Diskussion sein, ohne anzuecken.“
An eigentlich allen meinen Freunden kann ich positive Eigenschaften finden, die ich gerne übernehmen würde. Mein bester Freund Mark kann mit jedem einfach so und aus dem Nichts heraus ein Gespräch anfangen. Er ist der absolute Meister im Smalltalk. Meine Freundin Lisa ist wahnsinnig lustig und ihr ist es scheißegal, was andere von ihr halten. Kathi geht so leichtfüßig durchs Leben und ist im Reinen mit sich selbst.
Häufig erwische ich mich dabei, auf eben diese Eigenschaften eifersüchtig zu sein. Denn ich habe einen fetten Stock im Arsch. Mache mir über jede kleine Sache stundenlang Gedanken, hinterfrage jeden meiner Schritte, jeden meiner Gedanken. Ich bin dauergestresst und im Endeffekt viel zu viel mit mir selbst beschäftigt.
Zum Schluss bleiben mir zwei Möglichkeiten. Ich könnte den Ratgeber aufschlagen und endlich die Weisheit darüber erlangen, wie ich weiterwachsen und zum „ultimate me“ werden kann. Oder ich setze meine Kopfhörer auf und höre Kraftklub, während ich mich in meine selbst gestrickte Decke aus Selbstmitleid und -hass kuschele.
Welche Möglichkeit ich wähle?
Das ist ganz leicht, das Lied läuft doch schon im Hintergrund. Für wirkliche Veränderungen bin ich doch viel zu faul.
*Namen der Freund*innen wurden geändert.
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind:
- Ich bin so unsicher
- Video Games: Eine Liebeserklärung an die Vergangenheit
- Flowers: Kauf ich mir selbst
„Wie ich“ gefällt uns so gut, dass es dazu noch eine weitere Kolumne gibt: