Hype Marathon: Laufen on record
Beeilung, sonst sind alle Plätze weg! Laufveranstaltungen melden Rekordzahlen und Startplätze sind innerhalb weniger Minuten ausgebucht. Die Königsdisziplin des Laufens scheint zum neuen Must-Do einer Generation geworden zu sein. Auf TikTok findet man allein unter dem Hashtag „Marathon” 1,5 Millionen Beiträge, Running-Influencer*innen dokumentieren jeden Trainingskilometer und in vielen Städten sprießen Laufclubs aus dem Boden. Woher kommt dieser Laufboom auf einmal?
Hinter dem Social-Media-Hype verbirgt sich eine tiefere Motivation, die sich durch die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan erklären lässt. Nach diesem Modell strebt der Mensch nach der Befriedigung von drei psychologischen Grundbedürfnissen, die als „Nährstoffe“ für eigene Motivation und persönliches Wachstum dienen: soziale Eingebundenheit, Kompetenz und Autonomie. Ein Blick auf diese drei Bedürfnisse zeigt, warum der Marathon so viele Menschen begeistert: Er verbindet Gemeinschaft, persönliche Entwicklung und die Freiheit, sich selbst neue Ziele zu setzen.
Gemeinschaft auf 42 Kilometern
Besonders deutlich wird das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit. Laufgruppen bieten eine einfache Möglichkeit, gemeinsam Sport zu treiben und neue Menschen kennenzulernen. Laut dem SportOnSocial Global Running Culture Report 2025 stiegen die Suchanfragen nach „Laufgruppen in meiner Nähe“ in den USA zwischen Juni 2024 und Mai 2025 um 200 Prozent gegenüber dem vorherigen Niveau.
Der Trend zeigt sich nicht nur in Daten, sondern auch vor Ort. Die Studentin Lilian Nouvertné organisiert eine Laufgruppe für die Bewohner*innen ihres Augsburger Wohnheims. Die Idee entstand aus einem einfachen Wunsch: Bewohner*innen zusammenzubringen, die sonst meist hinter den Türen ihrer Einzelzimmer verschwinden. Treffpunkte und Strecken werden über einen Gruppenchat abgestimmt.
Trotzdem erschienen zu einem gemeinsamen Pizzaessen der Laufgruppe nur 16 der fast 300 Mitglieder. Das zeigt eine Kehrseite digital organisierter Laufgruppen: Der Einstieg ist einfach, die Teilnahme bleibt oft unverbindlich.
Der Psychologe Leon Festinger erklärt diesen Effekt mit der Social-Comparison-Theory: Menschen bewerten ihre Leistung im Vergleich zu anderen. Besonders dann, wenn Vergleichsdaten wie Laufzeiten oder Distanzen vorhanden sind. In Lauf-Apps und sozialen Medien sind diese Daten ständig präsent. Laufgruppen wie die von Lilian entstehen dadurch leichter, gleichzeitig wächst aber auch der Druck, mit anderen mithalten zu können.
Wenn der Algorithmus mitläuft
Der Marathon passt perfekt in die Logik sozialer Medien. Influencer*innen gelten längst als „neue Laufcoaches". Eine Studie im Fachjournal Digital Health zeigt, dass Fitness-Influencer*innen vor allem dann verhaltenswirksam sind, wenn sie als glaubwürdig und kompetent wahrgenommen werden – deutlich stärker als durch reine visuelle Attraktivität. Auch Sportinfluencerin Sophie Gebehart erlebt diesen Effekt: Rund 9.000 Menschen verfolgen ihre sportlichen Ziele online, zudem organisiert sie einen Social Run Club.
Über Social Media lassen sich Trainingsfortschritte dokumentieren, Bestzeiten vergleichen und Zieleinläufe emotional inszenieren. Die weniger glamourösen Seiten der Marathonvorbereitung bleiben laut Sophie häufig unsichtbar. „Immer noch sehr wenige sagen: Mach Pausen, lege regelmäßig Ruhetage ein, achte auf deinen Körper. Dein Nervensystem ist schnell erholt, aber deine Knochen und Bänder nicht.” Der Hype motiviert immer mehr Menschen zum Laufen, lässt jedoch die körperlich anstrengende Vorbereitung oft außen vor.
Hauptsache ins Ziel
Die 42,195 Kilometer sind nicht mal eben so gelaufen. Es erfordert vor allem sportliche Kompetenz, um diese Challenge zu bewältigen. Kaum eine Freizeitbeschäftigung macht Fortschritt so sichtbar: Über Apps wie Strava mit über 100 Millionen Nutzer*innen weltweit werden Kilometer gesammelt, Bestzeiten dokumentiert und Trainingsziele abgehakt.
Die Theoretiker Deci und Ryan gehen davon aus, dass Menschen besonders motiviert sind, wenn sie selbstbestimmt handeln und dabei erleben, dass sie besser werden. Genau dieses Gefühl vermittelt die Marathonvorbereitung. Wer monatelang trainiert, kann seine Entwicklung beinahe in Echtzeit verfolgen. Der promovierte Sportpsychologe Christian Zepp bringt diesen Wunsch nach Erfolg auf den Punkt: „Keiner will am Ende sagen: Did not finish. Keiner will sagen: Did not start.“
Für viele wird der Marathon zur ultimativen Challenge auf der Bucketlist. Selbstgewählt, wohlgemerkt. Gerade darin liegt sein Reiz. Anders als viele Mannschaftssportarten, ließe sich Laufen jederzeit und nahezu überall ausüben. Gerade diese Autonomie mache den Reiz des Marathons aus, betont Zepp. Man könne immer und überall laufen.
Laufen ist jedoch kein frisch gebackenes Phänomen. Laufbooms waren bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren im amerikanischen Raum zu beobachten, betont Gesundheitswissenschaftlerin Juliane Mackenbrock. Der New York Marathon gilt seit Jahrzehnten als prägendes Beispiel. Neu ist die öffentliche Inszenierung über soziale Medien.
Genau darin unterscheidet sich der Marathon von vielen anderen Lebensbereichen. Wer monatelang trainiert, erlebt Schritt für Schritt, wie aus fünf Kilometern zehn werden und aus einem Trainingslauf schließlich ein Marathon. Während berufliche oder persönliche Entwicklung oft schwer messbar sind, folgt die Marathonvorbereitung einer klaren Logik: Wer trainiert, verbessert sich.
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Immer schneller, immer weiter?
Doch auch dieses Bedürfnis hat eine Kehrseite. Man unterscheide zwischen Motivation von innen und Anerkennung von außen, erklärt Juliane Mackenbrock. Während manche Menschen laufen, weil sie Spaß daran haben, motivieren sich andere durch andere Likes, Kommentare oder Trainingsdaten. Problematisch kann es dann werden, wenn Vergleiche mit anderen unrealistische Erwartungen an einen selber erzeugen.
Wie schnell aus Motivation Leistungsdruck entstehen kann, erlebt auch Lilian. „Was ist, wenn ich beim Marathon deutlich länger brauche als die Norm, die ich im Internet sehe?“ Gedanken wie diese zeigen, wie eng Motivation und Leistungsdruck miteinander verbunden sein können. Christian Zepp empfiehlt deshalb, sich selbst als Maßstab zu nehmen: „Das Gesündere und langfristig Effektivere ist, wenn ich mich immer selbst als Referenzwert nehme.“ Denn wie man so schön sagt: „Der Kopf läuft mit.”
Doch wer profitiert von dem historischen Run aufs Laufen? Marken. Unternehmen wie Nike oder Adidas setzen dabei gezielt auf Influencer*innen als Markenbotschafter*in. Brands nutzen die Reichweite der Influencer*innen, um ihre eigene Bekanntheit zu steigern. Dass diese Strategie funktioniert, zeigen auch aktuelle Studien: Laut dem Influencer Marketing Report 2024 von Sprout Social treffen mindestens 49 Prozent der Konsumierenden monatlich Kaufentscheidungen aufgrund von Influencer-Inhalten. Social Media, Laufsport und Vermarktung sind inzwischen eng miteinander verflochten.
Internationale Laufveranstaltungen sind längst bedeutende Wirtschaftsfaktoren. Laut einer Analyse von Brand Finance erzeugen die 50 größten Marathons weltweit einen jährlichen wirtschaftlichen Effekt von rund 5,2 Milliarden US-Dollar. Allein die World Marathon Majors (darunter auch der Berliner Marathon) stehen für mehr als die Hälfte dieses Werts.
Der Boom wird dabei nicht nur beobachtet, sondern aktiv mitgestaltet. Veranstalter und Marken haben ein gemeinsames Interesse daran, Laufevents sichtbar und attraktiv zu machen. Der Marathon ist deshalb längst mehr als ein sportlicher Wettkampf. Er ist auch ein vermarktbares Lifestyle-Produkt geworden.
Mehr als nur ein Lauftrend
Der aktuelle Marathon-Boom erzählt deshalb auch etwas über die Gegenwart. Die zu bewältigenden Kilometer versprechen vieles zugleich: Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstbestimmung, die sich teilen lassen. Gleichzeitig entstehen neue Formen von Leistungsdruck, Selbstoptimierung und Vermarktung.
Vielleicht erklärt das genau, warum der Marathon besonders bei Millennials und der Generation Z zum Statussymbol geworden ist. Anders als eine Siebträgermaschine oder ein Rennrad lässt er sich jedoch nicht einfach kaufen. Die 42,195 Kilometer müssen tatsächlich gelaufen werden.