Leistungsturnen 7 Minuten

Die Balance zwischen Training und Alltag: Leben im Leistungssport

Die Protagonistin Helena Laur turnt ein Element auf dem Schwebebalken
Konzentration, Körperspannung und Präzision – Helena Laur turnt einen Bogengang auf dem Schwebebalken. | Quelle: Liv Krautwasser
21. Mai 2026

Viermal pro Woche Training, Abiturstress und Wettkämpfe am Wochenende: Helena versucht, Leistungssport und Alltag miteinander zu vereinbaren. Dabei zeigt sich, wie viel Disziplin, Zeit und mentale Stärke das Leistungsturnen abverlangt.

Einmal tief durchatmen, Anlauf nehmen und los. Der Sprungboden federt unter den Schritten ihrer rot bandagierten Füße. Zum Takt der Musik landet Helena den Strecksalto. Ihr Trainer klatscht zustimmend, während im Hintergrund einige Turnerinnen lachen. Abendlicht fällt durch die Fensterfront der Turnhalle. Helenas Blick richtet sich wieder nach vorne, kurz darauf läuft sie erneut an. 

Bereits seit etwa fünf Jahren trainiert Helena Laur beim MTV Ludwigsburg, dem Turnverein ihrer Heimatstadt. Als Kind turnte sie einmal wöchentlich, merkte aber früh, dass ihr das nicht ausreichte. „Ich wollte immer mehr machen, ich habe die ganze Zeit nur geturnt“, antwortet Helena auf die Frage, warum sie sich für den Leistungssport entschieden hat. Heute trainiert sie viermal pro Woche, jeweils zwei bis zweieinhalb Stunden. Oft kommt die 17-jährige Schülerin mittags vom Unterricht nach Hause und fährt direkt mit dem Fahrrad zur Trainingshalle. Doch durch das Abitur sieht ihr Alltag momentan anders aus, in die Schule muss sie nur an Prüfungstagen. Auch am Vorabend ihrer Deutschprüfung steht es für sie außer Frage, am Training teilzunehmen. „Wenn ich in die Halle komme, dann vergesse ich den Rest.“ Helena beschreibt das Training als einen Ausgleich zu Schule und Alltag. Für sie sind Leistungssport und Alltag gut vereinbar, das Turnen steht dabei aber an oberster Stelle.

„Wenn ich in die Halle komme, dann vergesse ich den Rest.“
Helena Laur

Heute beginnt Helenas Training mit einer Einzeleinheit, um ihren gymnastischen Elementen mehr Ausdruck zu verleihen. „40 Minuten?!“, reagiert sie spielerisch schockiert auf die Anweisung ihrer Trainerin. Während sich die anderen Turnerinnen aufwärmen, zeigt ihre Trainerin, wie Helenas Bewegungen fließender wirken können und korrigiert dabei Arme, Haltung und Rhythmus. Nach einigen Versuchen wird auf der Musikbox ein Mashup verschiedener Billie Eilish Songs abgespielt, Helenas Kürmusik am Boden. Drei Durchgänge später lächeln Turnerin und Trainerin zufrieden und Helena läuft zu einer Trainingsmatte, um sich zu dehnen.

Was passiert beim Gerätturnen?

Beim Gerätturnen der Frauen treten die Athletinnen an vier Geräten an: Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken und Boden. Ziel ist es, Übungen mit möglichst hoher Schwierigkeit sauber und technisch präzise auszuführen. Gerätturnen gehört zu den ältesten olympischen Sportarten und ist die Kernsportart des Deutschen Turner-Bundes (DTB). 

Bewertung

Die Bewertung einer Übung setzt sich aus zwei Teilen zusammen: der D-Note, die den Schwierigkeitsgrad der gezeigten Elemente bewertet, und der E-Note, die die Ausführung beurteilt. Die E-Note beginnt bei 10,0 Punkten, wovon Fehler abgezogen werden.

Quelle: DTB

„Als Kind habe ich in jedes Freundebuch geschrieben, dass ich Turn-Weltmeisterin werden will.“ Den Traum, einmal professionell zu turnen, hat Helena jedoch früh abgelegt, dafür habe sie zu spät mit dem Leistungsturnen begonnen. Im Turnen müsse man sehr früh auf sehr hohem Niveau sein, weshalb Helena mit zwölf Jahren bereits zu alt gewesen sei. Jetzt ist sie froh, wie alles gekommen ist, denn so kann sie auch anderen Leidenschaften nachgehen. Wenn sie nicht selbst in der Turnhalle steht, besucht sie gerne Fußballspiele oder unterstützt gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen die Männermannschaft des MTV Ludwigsburg. Große Turniere wie EM, WM oder Olympia verfolgt Helena ebenfalls gerne im Fernsehen. Vorausgesetzt, sie werden übertragen.

Erfolge ohne Öffentlichkeit

Für Helena ist das Turnen in Deutschland unterrepräsentiert, besonders angesichts des enormen Trainingsaufwands. „Wenn, dann sind es eher die Skandale, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen“, sagt sie. „Aber wer dann die EM gewonnen hat, das weiß keiner.“ Die Missbrauchsvorwürfe gegen Trainerinnen und Trainer am Bundesstützpunkt in Stuttgart 2024/2025 beispielsweise werden medial stark diskutiert. Für Helena und einige ihrer Freundinnen seien sie aber keine große Überraschung gewesen. Ähnliche Fälle habe es auch international bereits gegeben. Für den Sport bedeutet dies eine hohe öffentliche Sensibilität. Die Vorwürfe selbst wiegen dabei selbstverständlich schwer, beschreibt Helena. Gleichzeitig geraten aus ihrer Sicht die sportlichen Leistungen häufig zu sehr in den Hintergrund.

Eine Staubwolke aus Magnesia umhüllt Helena, als sie sich für den Stufenbarren bereit macht. Sie beginnt damit, ein paar einzelne Elemente zu turnen, als ihr Trainer ihr einen neuen Abgang vorschlägt, worauf Helena zunächst skeptisch reagiert. Kurz vor Wettkämpfen werden eigentlich kaum neue Elemente ausprobiert, hatte sie zuvor erzählt. Jetzt allerdings versucht sie sich an dem neuen Abgang und schafft es zu ihrer eigenen Begeisterung nach wenigen Versuchen. Freudig geht Helena in die Mitte der Halle und zieht eine goldene Glocke aus einem Stoffbeutel. Während das Klingeln die Halle durchschallt, applaudieren ihre Kolleginnen und das Trainerteam – ein Zeichen dafür, dass ein neues Element erlernt wurde.

Helena turnt ihren neuen Abgang am Stufenbarren
Nach wenigen Versuchen gelingt Helena der neue Abgang am Stufenbarren. | Quelle: Liv Krautwasser
Helena läutet mit einer goldenen Glocke
Erfolgsmomente werden im Training besonders zelebriert: Mit dem Läuten der Glocke feiert Helena ihr neu erlerntes Element. | Quelle: Liv Krautwasser
Helena turnt einen Strecksalto am Boden
Zwischen Absprung und Landung vergehen nur wenige Momente, in denen Körperspannung und Konzentration entscheidend sind. | Quelle: Liv Krautwasser

Das Erfolgserlebnis beim Erlernen neuer Elemente zählt Helena zu den schönsten Momenten im Training. Auch das erste Mal im Wettkampf an allen Geräten turnen zu dürfen und somit eine zentrale Rolle in der Mannschaft einzunehmen, ist für sie eine besondere Errungenschaft. Damit verdient sie sich sowohl die Anerkennung ihres Trainerteams als auch von sich selbst. Besonders stolz ist Helena auch auf ihre Übung am Schwebebalken, bei der sie einen hohen Schwierigkeitswert hat. Die persönlichen Erfolge, das Gefühl nach einer gelungenen Übung und die Gemeinschaft mit ihren Teamkolleginnen begeistern sie am meisten an dem Sport.

Die Schattenseiten des Leistungssports

Doch diese Motivation ist nicht immer da. Helena hat auch schwierige Phasen erlebt und zeitweise mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören. Besonders, als sich ihre Freundesgruppe im Team auflöste, weil einige Turnerinnen zum Studieren wegzogen. „Ich war dann auch oft allein im Training, das hat mir damals überhaupt keinen Spaß gemacht“, erzählt sie. Mit der Zeit und durch die Unterstützung ihrer Mannschaftskolleginnen habe sich das aber wieder gelegt.

Die schwierigste Zeit war für sie allerdings ihre Verletzung in der Saison 2024. Im Training, kurz vor einem Wettkampf passierte es. Eine falsche Bewegung am Stufenbarren, dann sofort der starke Schmerz im Ellenbogen. Die Diagnose bedeutete das Saison-Aus: mehrere gerissene Sehnen und Bänder, auch die Gelenkkapsel war betroffen. Bis zur vollständigen Regeneration vergingen etwa sechs Monate, geprägt von Frustration und Physiotherapie. „Das schlimmste Gefühl war es, nichts machen zu können. Ich wollte immer, konnte aber nicht.“ Trotzdem kehrte Helena nur wenige Tage nach ihrer Operation wieder ins Training zurück, wenn auch zunächst nur zum Zuschauen und für einfache Übungen. Besonders die Unterstützung ihres Umfelds habe ihr in dieser Phase sehr geholfen.

„Das schlimmste Gefühl war es, nichts machen zu können.“
Helena Laur

Neben der körperlichen Belastung ist der Sport ebenso mental herausfordernd. Auch der Umgang mit Druck, Fehlern und Erwartungen gehört dazu. Besonders nach misslungenen Übungen oder bei Unsicherheit vor einem Wettkampf hat Helena bereits Zweifel und Frustration erlebt. Gleichzeitig beschreibt sie genau darin auch eine Stärke: Durch das Turnen habe sie gelernt, mit Nervosität und mentalen Blockaden besser umzugehen.

Nach gut zwei Stunden Training wechselt Helena zum letzten Gerät des Abends, dem Boden. Die Musik setzt ein, der Sprungboden knallt nach jeder Landung. Radwende-Rückwärtssalto, Rolle vorwärts und Schlusspose, damit endet Helenas Training.

Wenn jede Übung zählt

Das Publikum klatscht leicht außer Takt zur Musik, während die Turnerinnen der Landesliga Nord in die Halle einlaufen. Es ist der zweite Wettkampftag der Saison. Auch Helena und ihre Teamkolleginnen wollen sich Punkte für die Tabelle erturnen. 

Nach dem Einturnen richtet sich die Aufmerksamkeit in der Halle auf die ersten Turnerinnen. Helenas Wettkampf beginnt am Boden, an dem sie ihre Kür mit einem Lächeln auf dem Gesicht zu Ende bringen kann. Von den Rängen hallen Anfeuerungsrufe durch die Sporthalle. Es folgt der Gerätewechsel an den Sprung. Weiße Fußspuren aus Magnesia bedecken den Bodenläufer, der zum Gerät führt. Auch hier kann Helena ihren Sprung erfolgreich ausführen. Weiter geht es am Stufenbarren, einem von Helenas Lieblingsgeräten. Der Holm quietscht, während sie ihre Übung turnt – und direkt ihr im Training neu erlerntes Element präsentiert. 

Helena macht einen Spagat auf dem Schwebebalken
Mit ihrem Aufgang in den Spagat startet Helenas Übung am Schwebebalken.
Quelle: Liv Krautwasser

Das letzte Gerät des Tages: der Schwebebalken, Helenas Paradegerät. Die Kampfrichterinnen heben ein grünes Fähnchen, das Zeichen für die Turnerin, dass sie mit der Übung beginnen kann. Helena atmet tief durch, richtet ihren Blick auf den Balken und beginnt mit ihrem Aufgang. Doch dabei verliert sie die Balance und stürzt vom Gerät, wo sie auf der Matte liegen bleibt, während ihre Trainerin zu ihr eilt. Schnell ist klar, Helenas Übung ist damit beendet, denn sie hält sich die rechte Schulter. Ihr Blick wendet sich vom Gerät ab, frustriert über den Sturz. Kurz darauf verlässt sie schnellen Schrittes den Innenraum der Sporthalle. Erst nach dem Wettkampfende steht Helena wieder bei ihrer Mannschaft. Während sich ihre Teamkolleginnen unterhalten, lehnt sie mit einem Kühlpad auf der Schulter an der Wand, den Blick gesenkt. Schließlich nimmt ihre Trainerin sie in den Arm. 

Wie ihre nächsten Wochen nun aussehen werden, weiß Helena noch nicht. Sicher ist für sie jedoch, dass sie weiterhin turnen und dabei ihre sportlichen Ziele verfolgen will – von der Verbesserung ihrer Übungen bis zum Start in einer höheren Liga.