Skispringen 5 Minuten

Adler fliegen auch im Sommer

Agnes Reisch beim Skispringen im Flug
Die deutsche Profiskispringerin Agnes Reisch in der Flugphase. Skispringen erfordert Mut und kontinuierliches Training. | Quelle: DSV
21. Mai 2026

Entspannen ist Schnee von gestern. Skispringen ist eine Ganzjahressportart. Monate intensiven Trainings legen die Grundlage für Erfolge auf der Schanze. Was später wie Schwerelosigkeit wirkt, beginnt dort, wo keiner zuschaut: Im Sommer auf Matten statt im Schnee. 

Sommerhitze. Die Sonne brennt, der Schweiß tropft. Und was wird trainiert? Skispringen. Was sich im ersten Moment abwegig anhört, ist für die deutschen Profiskispringer*innen Normalität. Agnes Reisch ist eine von ihnen. Die 26-Jährige belegt bei den Olympischen Spielen 2026 in Predazzo Platz neun, mit der Mannschaft Rang vier und wird Zweite beim Weltcup in Lake Placid 2025 in der Einzelwertung. Diese Erfolge entstehen nicht erst im Winter. Auch ohne Schnee bestimmen Trainingseinheiten den Alltag. Denn eins steht fest: Wintersportler*innen werden im Sommer gemacht. Wer im Winter auf das Podest springen will, muss schon im Sommer hart an sich arbeiten, sowohl körperlich als auch mental. 

Agnes Reisch wird vom Trainer in die Waagerechte gehoben.
Was hier nach „Dirty Dancing“ aussieht, zeigt Agnes Reisch beim Training für die Flugphase. | Quelle: DSV
Agnes Reisch springt von einer Schanze im Sommer.
…und da fliegt der Adler: Agnes Reisch auf der „Bauhenk-Schanze“ im slowenischen Ort Kranj. | Quelle: DSV
Agnes Reisch in der Hocke auf einem Holzbrett mit Rädern.
Der Sprung beginnt am Boden: Techniktraining für den optimalen Sprung. | Quelle: DSV
Agnes Reisch läuft konzentriert über eine Koordinationsleiter.
Schritt für Schritt zur Präzision: Koordinationsübungen schulen Körpergefühl im Sommertraining. | Quelle: DSV
Agnes Reisch im Kraftraum, in der Hocke mit einer Langhantel.
Training im Kraftraum: Maximalkraft entwickeln und Muskulatur stärken. | Quelle: DSV
Agnes Reisch sitzt am Startbalken einer Schanze im Sommer.
Bereit zum Flug - Konzentration am Balken. | Quelle: DSV

Während andere Skispringer*innen nach Saisonende in den Urlaub fahren, entscheidet sich Agnes, nach dem letzten Skifliegen in Planica ohne Pause weiter zu trainieren. Grund dafür sind verletzungsbedingte körperliche Probleme, die sie nach der Saison direkt mit Stabilisations- und Reha-Training angeht. In Planica hat die Allgäuerin zuletzt Geschichte hautnah miterlebt. Beim ersten Skifliegen der Frauen in Slowenien springt sie auf Platz acht. Ein Erfolg, der zeigt, was möglich ist. Und für Agnes gleichzeitig Startschuss für den nächsten Saisonaufbau. Ab sofort heißt es für sie, ihre Form über den Sommer auf ein neues Level zu heben. 

Skifliegen  –  die Königsdisziplin

Skifliegen ist die extremste Form des Skispringens. Die Schanzen sind größer, die Flugphasen länger, die Geschwindigkeiten höher. Das Risiko ist beim Skifliegen gegenüber dem normalen Skispringen noch einmal deutlich gesteigert. Aus Sicherheitsgründen dürfen Athlet*innen Skiflugschanzen daher nur im Rahmen offizieller Wettkampftage nutzen. Skifliegen kann also kaum trainiert werden. Nur direkt vor dem Wettkampf gibt es zwei Trainingssprünge und eine Qualifikation.

Quelle: Maximilian Jäger, Severin Freund

Laut Maximilian Jäger, Trainer der Regionenmannschaft vom SC Oberstdorf und Mitverantwortlicher für den D-/C-Kader des Deutschen Skiverbands, beginnt die Sommervorbereitung Mitte April und ist in drei Phasen aufgeteilt. Los geht’s, wie bei so vielen Sportarten im Hochleistungssport, mit der Athletik. Ziel ist es, eine körperliche Basis für den langen Winter zu schaffen. Im Mai geht es an die Schanze. Parallel wird auch schon neues Material getestet. Neue Anzüge. Neue Ski. Oft kleine Veränderungen mit großer Wirkung. 

Im August wird es dann langsam ernst. Die Sommer-Grand-Prix-Tour beginnt. Eine Art „Mini-Weltcup-Serie“ auf Matten gibt Orientierung, wie die einzelnen Bausteine zusammenpassen. Die Vorbereitung geht in ihre entscheidende Phase, jetzt muss alles sitzen. Das Training wird spezifischer. Je näher der Winter-Saisonstart rückt, desto geringer wird der Trainingsumfang. Dafür steigt die Intensität. Die Schnellkraft steht nun im Mittelpunkt. Also die Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen maximale Energie zu erzeugen. Denn am Schanzentisch, an dem Punkt, an dem die Athlet*innen abspringen, zählt Explosivität. Die Sprünge sollen sitzen und Bewegungen automatisiert ablaufen, damit im Winter die Leistung abrufbar ist. 

Skispringen ist ein sehr individueller Sport. Generell wird das Training stark auf die Bedürfnisse der jeweiligen Sportler*innen abgestimmt. Während manche Skispringer*innen in einer Trainingseinheit bis zu acht Sprünge absolvieren, springt Agnes meist nur dreimal von der Schanze. Für sie ist in solchen Momenten manchmal weniger mehr.

Auch Ausgleichssportarten sind im Training kein Tabu. Agnes hilft es zum Beispiel, nebenbei zu boxen und Golf zu spielen, um Fokus, Körpergefühl und Reaktion zu trainieren. 

Körperliche Physis durch hartes Training und wissenschaftliches Herumtüfteln am Material sind aber nur zwei elementare Bausteine im Leistungssport. Auf höchstem Niveau entscheiden oft vor allem mentale Faktoren.

Skispringen ist Kopfsache

Bereits im Nachwuchstraining spielt das Mentale eine entscheidende Rolle. Dort wird das Thema über die „Mutschule” eingeführt. Die Idee dahinter: Junge Athlet*innen lernen, ihre eigenen Grenzen zu überwinden. Schritt für Schritt. Schon früh geht es nicht nur um Technik, sondern darum, Vertrauen in den eigenen Sprung zu entwickeln. Denn, wie Trainer Maximilian Jäger sagt: „Skispringen ist und bleibt eine Risikosportart.“ Für ihn ist klar: „Wenn ich Angst habe vor dem, was ich tue, dann werde ich niemals auf einem gewissen Niveau springen.“

Mit den Jahren wächst nicht nur die Sprunghöhe, sondern auch der Druck. Damit am Wettkampftag abgeliefert werden kann, muss der Kopf mitspielen. Agnes bringt es auf den Punkt: „Alle, die im Weltcup unter den Top zwölf sind, sind gut trainiert und körperlich auf einem extrem hohen Niveau.“ Nicht die Physis, sondern der Kopf ist das, was die Besten vom Rest trennt. Die Gesamtweltcup-Siebte 2025/2026 ist sich sicher: „Das Mentale ist brutal entscheidend bei jedem Athleten. Beim Skispringen kann es so schnell so gut gehen, aber es kann so schnell auch nicht mehr funktionieren. Weil einfach der Kopf nicht stimmt.“ Für sie steht fest: „Das Mentale ist am Ende alles." Das weiß die Skispringerin aus eigener Erfahrung: Trotz anhaltender Knieprobleme und Schmerzen bei der Landung steht sie am Startbalken. Beim Absprung gelingt es ihr, die Schmerzen auszublenden und Bestweiten zu erzielen.

„Das Mentale ist am Ende alles.“
Agnes Reisch, Skispringerin im deutschen Nationalteam

Diese Fähigkeit, im entscheidenden Moment alles andere auszuschalten, gehört zur Kunst des Skispringens dazu. Deshalb gehören Mentaltrainer im Skispringen, wie im Profisport allgemein, längst zur Grundausstattung. Sie helfen den Kopf dort zu stabilisieren, wo Technik und Kraft allein nicht mehr ausreichen.

Der Plan formt, der Sprung entscheidet

Sieben Monate Training für vier Monate Saison. Was im Sommer erarbeitet wird, muss im Winter im richtigen Moment abrufbar sein. Genau dann, wenn es zählt. Eine Menge Arbeit für den perfekten Sprung. Wobei es den „perfekten Sprung“ für Agnes gar nicht gibt. Sie arbeitet konsequent, selbstkritisch und geduldig an sich; immer mit Blick für Details, die aktuell noch nicht ganz passen. Selbst ein starker Sommer garantiert keine reibungslose Saison. Agnes betont: „Egal wie gut der Sommer ist, im Winter kann alles anders sein.“ 

Es erfordert Vertrauen, dass der Trainingsplan zur richtigen Zeit greift. Erfahrung spielt eine große Rolle. Jemand mit außerordentlich viel Erfahrung ist Severin Freund. Der 38-Jährige ist Gesamtweltcupsieger der Saison 2014/2015, Olympiasieger mit der Mannschaft 2014 und derzeit als ZDF-Skisprungexperte tätig. In der Audiospur erzählt er, wie sich seine Sicht auf die Sommervorbereitung im Laufe der Jahre verändert hat:  

Die drei wichtigsten Faktoren, die im Sommer über den Erfolg im Winter entscheiden, sind für Severin: Ein klarer Plan, Kontinuität und „immer auch ein bisschen Glück, dass du dir das Richtige gedacht hast und das Richtige rausgesucht hast. Aber dafür gibt es ja auch Trainer.“ Erst Monate später zeigt sich also, ob der Plan aufgeht. Wenn der erste Schnee fällt, ist ein Großteil der Arbeit längst getan. Dann beginnt die Weltcupsaison. Winter, kalte Luft, sichtbarer Atem, der Schnee knirscht unter den Skiern. Die Athlet*innen sitzen am Startbalken. Still. Konzentriert. Jetzt entscheidet sich, was der Sommer wirklich wert war.

Der Kontakt zu Severin Freund ist durch die produktionelle Tätigkeit der Autorin beim ZDF zu Stande gekommen.