Rugby - brutal anders
Strahlend blauer Himmel, Golden Hour: Der Sportplatz ist gefüllt mit rennenden Kindern, auch einige Jogger*innen drehen ihre Runden auf der Tartanbahn. In einer offenen Garage neben dem Platz sammeln sich immer mehr junge Frauen. Alessia ist eine der Ersten, die das Trainingsgelände des Stuttgarter Rugby Clubs (SRC) betritt. Nachdem sie ihre türkis-weißen Stollenschuhe angezogen hat, läuft sie mit einer Mitspielerin zum Feld und wirft sich locker warm mit einem der vielen eiförmigen Rugbybälle. „Hast du heute gearbeitet?“, wird sie gefragt.
Alessia Sedelnikov ist 23 Jahre alt und studiert Wirtschaftsinformatik im Master. Sie spielt schon seit sieben Jahren Rugby. Oftmals bekommt sie deshalb komische Fragen aus ihrem Umfeld. „Wenn ich erzähle, dass ich am Wochenende Rugby gespielt habe, kommen da immer irgendwelche Blicke und die Leute bauen sich ihr Bild“, erzählt sie. Für sie ist der Sport wie eine Familie: „Ich weiß gar nicht, wo ich wäre ohne Rugby. Das klingt so klischeehaft, aber mein ganzer Umkreis ist Rugby oder hat irgendwie mit Rugby zu tun.“ Dieses familiäre Gefühl lässt sich bereits beim Aufwärmen der Mannschaft spüren. Mehr und mehr Spielerinnen stoßen zu den beiden hinzu, stellen sich im Kreis auf und rufen den Namen der Person, zu der sie den Ball als Nächstes werfen.
Die meisten tragen die Vereinsfarben des Stuttgarter Clubs, Blau und Gelb, entweder als Stutzen oder auf dem Trikot. Der SRC hat aktuell ca. 270 Mitglieder, Tendenz steigend. Vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit lasse sich das spüren, berichtet der Vorstandsvorsitzende des SRC Moritz Brombacher. Als Alessia in ihrer Jugend mit einem Mannschaftssport anfangen wollte, hatte sie zunächst einen anderen Plan als Rugby: „Eine Freundin von mir wollte unbedingt bei uns in der Stadt American Football spielen. Und bei uns in Fürstenfeldbruck hieß es, das dürfen nur die Jungs machen. Es gab nicht mal ein Probetraining. Und dann war Rugby das Naheliegendste.“
Was ist eigentlich Rugby?
Das Ziel beim Rugby ist es, den Ball über die gegnerische Linie, in das sogenannte Malfeld zu bringen und abzulegen. Dabei darf der Ball allerdings nur nach hinten geworfen werden, aber auch Kicken nach vorne ist möglich. Die verteidigende Mannschaft versucht, die Angreifenden mit Tackles, das heißt mit einem tiefen, gezielten Griff, auf den Boden zu bringen und somit aufzuhalten. Dabei gibt es aber strenge Regeln, die beachtet werden müssen.
Quelle: Rugby Deutschland
Nach dem allgemeinen Aufwärmen bereiten sich die Spielerinnen auf das Tackle-Training vor. Alle stellen sich im Kreis auf und Alessia macht die Ansage: „Jetzt kreisen wir unsere Arme so groß wie 29 Zoll Reifen.“ Danach werden Liegestützen gemacht. „Sieben!“, „Down!“, „Sechs!“, „Down!“, „Fünf!“, „Down!“… Die Liegestützen machen sie gemeinsam als Team. Eine der jungen Frauen zählt herunter und die anderen antworten im Chor. Teamsport wird hier gelebt. Es geht um Einheit als Mannschaft. Gerade bei Auswärtsspielen, wie beim letzten Turnier in der Nähe von München gilt das. „Danach sind wir alle gemeinsam in die Amper, den Fluss neben dem Platz, gesprungen“, schwärmt Alessia. Das Team aus Stuttgart nimmt an Turnieren in ganz Deutschland teil und muss dafür weite Strecken auf sich nehmen. „Das ist anders, wenn du Fußball spielst. Da fährst du am Samstag zehn Minuten ins Nachbardorf, spielst da und drei Stunden später bist du wieder daheim. Das ist hier nicht drin, das geht gar nicht“, erklärt der Trainer der Damenmannschaft Daniel Leiß.
Laut dem Verband Rugby Deutschland gibt es in Deutschland aktuell 44 Rugby-Damenmannschaften, die 7er-Rugby spielen. Unter ihnen wird der Deutsche Meister ausgemacht. Dabei ist es normal, dass Amateur-Teams wie der Stuttgarter SRC auf Mannschaften treffen, in denen die Spielerinnen der deutschen Frauen-Nationalmannschaft spielen. Heidelberg gehört zu den Hochburgen des Rugbys und die meisten Leistungssportlerinnen spielen dort. Die Überschaubarkeit des weiblichen Rugbysports in Deutschland hat für Alessia Vor- und Nachteile: „Einerseits ist es cool, wenn man spielt und man sieht: Ey, ich habe dich im Fernsehen gesehen! Wenn man dann 60 zu Null verliert, kann das auch ein bisschen frustrierend sein.“
Auch Dirk Frase, Vorsitzender des Frauenausschusses im Verband „Rugby Deutschland“, wünscht sich mehr Breite in der Frauenbundesliga. Mehr Mannschaften würden den Sport sowohl für Zuschauende als auch für Athletinnen und potenzielle Nationalspielerinnen attraktiver machen. „Man muss viel entbehren, wenn man Leistungssport macht. Die meisten machen das als Ehrenamt oder während des Studiums“, so Frase.
Rugby-Varianten
Beim Rugby gibt es zwei verschiedene Varianten des Spiels: 15er-Rugby, was die traditionelle Version ist und 7er-Rugby, welches die olympische Disziplin ist. Das 15er-Rugby ist die weltweit bekanntere Form. Ein Spiel dauert zwei Mal 40 Minuten und es stehen sich 15 Spieler*innen pro Team gegenüber. Bei der olympischen Variante wird die Anzahl der Spieler*innen pro Team auf sieben reduziert, die Spielfeldgröße bleibt aber die gleiche. Somit ist es ein sehr lauf- und vor allem sprintintensives Spiel. 7er-Rugby wird deshalb auch in Turnierform mit einer Spielzeit von zwei Mal sieben Minuten pro Spiel gespielt.
Quelle: Rugby Deutschland
Jetzt geht es weiter mit dem Tackle-Training. Während die jüngeren und wenig erfahrenen Spielerinnen an den Grundlagen des Körperkontakts arbeiten, widmen sich Alessia und der Rest einer fortgeschrittenen Übung. Eine Spielerin nimmt Anlauf, bekommt einen Ball in den Lauf gespielt und wird dann getackelt. Alessia läuft an und fängt den Ball mit beiden Händen. Ihre Gegenspielerin versucht, sie zu Fall zu bringen und greift Alessia an der Hüfte. Diese läuft aber locker weiter und wird nicht gestoppt. Auch bei Alessias nächstem Anlauf kann sie nicht zu Boden gezogen werden und setzt sich gegen ihre Gegenspielerin durch.
Als Alessia sich mit 16 nach einem Mannschaftssport umschaute, waren ihre Eltern zunächst einmal skeptisch: „Die meinten, das ist doch alles gefährlich“, erzählt sie schmunzelnd. Für sie ist Rugby nicht brutal, eher intensiv. Der Körperkontakt gehöre dazu, es gehe aber gerade darum, ihn zu vermeiden und die Lücken zu suchen. „Rugby ist alles andere als brutal. Rugby ist ein Kontaktsport. Das Wort Kontakt darf man nicht weglassen, das gehört dazu“, meint Trainer Daniel während einer Übung. Er denke aber, man könne durchaus darüber diskutieren, ob Rugby als Kontaktvermeidungssport gesehen werden könne. Es ginge schließlich darum am Gegner vorbeizukommen. „Man muss wissen, ob das für einen taugt. Ich habe auch Leute kennengelernt, die haben gesagt: Oh mir hat alles wehgetan danach. Ich glaube, die Rugbyspielerinnen finden das toll, wenn alles wehtut. Man fühlt, dass man etwas geleistet hat.“
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Ein Sport für Jedermann
Als alle Spielerinnen nach dem getrennten Tackle-Training wieder zusammenkommen und sich im Kreis sammeln, merkt man, dass einige schon ganz schön erschöpft sind. Nach einer kurzen Trinkpause erzählt Trainer Daniel stolz, dass ein paar der neuen Spielerinnen heute zum ersten Mal erfolgreich getackelt haben. Alle Spielerinnen applaudieren und freuen sich für die Neuen mit. Im Kreis blicken sich jugendliche Mädchen, Mitte 30-jährige Mütter und alles, was zwischendrin liegt an. Es lässt sich rein äußerlich nicht erkennen, wie eine typische Rugbyspielerin aussieht. Von klein bis groß und breit bis schmal gebaut ist alles dabei.
„Rugby ist eine Sportart für alle. Alt, jung, klein, dick. Alle dürfen mitmachen“, betont Verbandsvorstandsmitglied Frase. Er selbst habe in der Schule erlebt, dass adipöse Kinder und Jugendliche im Sport oftmals Ausgrenzung erfahren haben. Gerade im Fußball sei ein bestimmter Körpertyp gefragt gewesen. Auch Alessia empfindet Rugby als einen Sport, der jeden mit einbezieht: „Wir nehmen tatsächlich alle. Es ist auch wieder so klischeehaft, kommt einfach alle vorbei, das ist ja das Schöne. Man findet eigentlich für jede Körperposition was Positives und man muss sich einfach nur trauen.“
Es wird langsam dunkel auf dem Sportgelände. Mittlerweile ist es auch frisch auf dem Platz, die Sonne ist fast untergegangen. Das Flutlicht wird angeschaltet und das Abschlussspiel steht an. Trainer Daniel ist Schiedsrichter und die Damen spielen Sieben gegen Sieben. An diesem Abend wird ohne Kontakt gespielt. Diese Abwandlung des Sports nennt man Touch-Rugby. Dabei muss die angreifende Spielerin den Ball auf den Boden ablegen, sobald sie von einer verteidigenden Spielerin berührt wird. Nach dem Spiel geht es mit allen gemeinsam zurück zur Garage neben dem Feld. Es wird sich umgezogen und manche umarmen sich zum Abschied. Man spürt den Zusammenhalt der Mannschaft, auch wenn sich viele der Damen noch gar nicht lange kennen.
Auch für Alessia geht es nach Hause. Bald wird zu Hause aber anders aussehen. Für die Wirtschaftsinformatik-Studentin geht es ins Auslandssemester. In Irland wird sie einen Teil ihres Masterstudiums verbringen. Bei der Auswahl des Landes gab es ein klares Kriterium: Wo gibt es eine Rugbymannschaft?