Sportförderung 7 Minuten

Absprung ins Ungewisse

Johannes Böcher Wettkampf
Im Hochsprung zählt perfektes Timing. | Quelle: Niklas Pohl
21. Mai 2026

Nicht nur Talent und Fokus entscheiden über sportliche Leistung. Hochspringer Johannes Böcher zeigt, wie abhängig Leistungssport von Förderung und stabilen Rahmenbedingungen ist – und wie schnell Erfolg ohne diese ins Wanken gerät.

Die Spikes stechen in den Boden, als Johannes Böcher (19) zum Anlauf ansetzt. Ein kurvenförmiger Anlauf, drei große Schritte, dann springt er ab. Für einen Moment scheint sein Körper still in der Luft zu stehen, er windet sich über die Latte. Die Latte bleibt in der Halterung liegen. Er landet auf der Matte. Dann steht er wieder auf und geht zurück an den Startpunkt. Johannes ist Hochspringer und deutscher Meister der U20-Altersklasse. Seit mehreren Jahren ist er Nachwuchsathlet im Bundeskader des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV) – sein Zugang zur Sportförderung.

Sport auf diesem Niveau nimmt viel Zeit in Anspruch. Sechs Tage die Woche steht er auf der Anlage, teilweise zweimal am Tag. Die Regeneration und Trainingsbelastung sind stringent durchgetaktet. „Man merkt einfach, dass das Verständnis fehlt“, sagt er über Erfahrungen als Leistungssportler während seiner Schulzeit. Im Frühjahr hat er nun sein Abitur bestanden. Nicht alle Lehrer*innen konnten den sportlichen Aufwand nachvollziehen. Wer nicht selbst im Leistungssport stecke, sehe oft nur Fehlstunden, aber nicht die Aufopferung und das Ziel dahinter. 

„Man merkt einfach, dass das Verständnis fehlt.“
Johannes Böcher, Hochspringer USC Mainz

In Deutschland werden Nachwuchssportler*innen abhängig von ihrem Kaderstatus durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe und Verbände gefördert. Im Optimalfall durchlaufen Bundeskader-Athlet*innen die Kaderstrukturen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes bis hin zum Olympiakader. Die Kaderplätze werden jährlich, abhängig von den erbrachten Leistungen, neu vergeben. Wenn die erwartete Leistung nicht erbracht wurde, verlieren Athlet*innen den Kaderstatus mit allen an ihn gekoppelten Förderungen.

Quelle: Deutscher Leichtathletik Verband

Die Förderrealität

Johannes' Fördernetz besteht aus finanziellen Zuschüssen der Stiftung Deutsche Sporthilfe, seines Vereins und der Landessporthilfe Rheinland-Pfalz. Diese Mittel sind an seinen Kaderstatus gekoppelt. Für ihn und andere Nachwuchssportler*innen heißt das: Es funktioniert gut, solange die Leistung stimmt. Fällt der Kaderstatus weg, verschwinden alle Förderungen auf einen Schlag. Viele Karrieren enden an diesem Punkt. Johannes ist überzeugt, die Leistung weiterhin zu erbringen. Der Gedanke an die Leistungserwartung und der damit einhergehende Druck bleiben jedoch. 

Trainingssprung
Auf der Anlage des USC Mainz verbringt Johannes einen Großteil seiner freien Zeit. | Quelle: Pio Karle
Krafttraining
Damit der Körper mit dem Trainingspensum mitgehen kann, gehört gezieltes Krafttraining zur Routine. | Quelle: Pio Karle
Schnellkraft
Schnellkraft ist entscheidend, um das Maximale aus einem Sprung herauszuholen. | Quelle: Pio Karle

Die Berufsoptionen für junge Leistungssportler*innen wie Johannes sind vielfältig. Ein Weg führt in die Uniform: Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll bieten Sportfördergruppen an, die ein geregeltes Gehalt mit Rücksicht auf den Trainingsalltag verbinden. Voraussetzung hierfür ist der Kaderstatus. Wer sich in Zukunft in einem solchen Beruf sieht, findet hier eine gute Möglichkeit, Sport und Ausbildung zu kombinieren. 

Andere Sportler*innen gehen in die USA, wo Sportstipendien an Colleges Programm sind. Studienplan und Training sind eng aufeinander abgestimmt. Dadurch wird Sport auf höchstem Niveau nahtlos in den College-Alltag eingebunden. Zuletzt bleibt natürlich auch die Möglichkeit „klassisch“ zu studieren. Das erfordert jedoch ein hohes Maß an Selbstorganisation, da Stundenpläne an Universitäten oft keine Rücksicht auf die Lebensrealität junger Leistungssportler*innen nehmen. 

Was all diese Wege gemeinsam haben: Sie sind nicht nur sportliche Entscheidungen, sondern vor allem finanzielle. In Deutschland können sich nur die wenigsten Leistungssportler*innen leisten, ihren Fokus ausschließlich auf den Sport zu legen. Finanzielle Rahmenbedingungen bestimmen daher immer wieder maßgeblich sportliche Entscheidungen, wie Vereinswahl oder Trainingsumfang.

Was das System kann – und was nicht

Sportförderung wird in Deutschland auf zwei Ebenen organisiert: Die Unterstützung von Bundeskaderathlet*innen liegt auf Bundesebene. Die Förderung des Nachwuchsleistungssports hingegen erfolgt primär auf Ebene der Bundesländer. Das Land Baden-Württemberg stellt hierfür beispielsweise seit 2022 Mittel in Höhe von ca. 20 Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Diese Förderung wird neben dem Leistungssport auch in den Breitensport und Vereinsstrukturen investiert. 

Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg erkennt das Problem, dass die wenigsten Sportler*innen von ihren Einkünften aus dem Sport leben können. Eine Förderung, die Sport und Karriere vereint, sei hierbei wichtig. Simone Höhn, Pressereferentin des Ministeriums, hebt dies als großes Anliegen hervor. „Ziel muss es sein, die zur Verfügung stehenden Mittel effizient und bedarfsgerecht einzusetzen, um dem organisierten Sport verlässliche und qualitativ hochwertige Strukturen zu bieten“, sagt sie. Kindern und Jugendlichen den Sport nahezubringen, erachtet sie als besonders wichtig.

„Ziel muss es sein, die zur Verfügung stehenden Mittel effizient und bedarfsgerecht einzusetzen.“
Simone Höhn, Pressereferentin Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

Im internationalen Vergleich hat die deutsche Spitzensportförderung noch Verbesserungspotenzial. Trotz stetig steigender Bundesförderung im Spitzensport bleibt die deutsche Medaillenbilanz bei Olympischen Spielen im langfristigen Trend hinter den Erwartungen zurück. 

Bundesregierung und organisierter Sport sind sich einig, dass die Spitzensportförderung reformiert werden muss, um den deutschen Sport wettbewerbsfähiger zu gestalten. Im März 2026 wurde auf Bundesebene ein Sportfördergesetz als Entwurf beschlossen. Es soll die Spitzensportförderung gesetzlich regeln und eine unabhängige Spitzensportagentur schaffen, die die Förderung des deutschen Spitzensports zentral bündelt und steuert. Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), begrüßt den Schritt, kritisiert aber die bisherige Förderung deutlich: „Deutschlands Spitzensportlerinnen und Spitzensportler sind international konkurrenzfähig – unsere Förderung ist es leider bislang nicht.“ 

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) fungiert als Bindeglied zwischen Sportler*innen und Staat: Er bündelt Interessen von Sportler*innen und trägt sie in die politische Debatte. Ohne ihn gäbe es keine einheitliche Stimme des deutschen Sports gegenüber der Politik und kein „Team Deutschland“ bei Olympia. 

Quelle: DOSB

Neben staatlichen Strukturen spielt die Stiftung Deutsche Sporthilfe für Bundeskaderathlet*innen eine zentrale Rolle. Sie wird überwiegend durch privatwirtschaftliche Quellen, aber auch Steuermittel finanziert. Auch Johannes wird als Bundeskaderathlet finanziell von ihr unterstützt. 

Abseits der klassischen Förderstrukturen entwickeln viele Sportler*innen eigene Wege, um ihren Leistungssport zu finanzieren. Ein außergewöhnliches Beispiel dafür ist Radprofi Anton Schiffer, der während seines Studiums an der Deutschen Sporthochschule Köln parallel zu seinen Wettkämpfen durch Coaching und Leistungsdiagnostik ein Einkommen hatte. Damit wird deutlich, dass sich immer mehr individuelle Wege der Selbstfinanzierung finden. Auch in den USA zeigt sich dieser Trend deutlich: College-Sportler*innen positionieren sich zunehmend als Marke und nutzen Social Media zur Vermarktung. Dadurch kann ein Einkommen neben klassischer Förderung aufgebaut werden. Universitäten und der amerikanische College-Sportverband bereiten sie aktiv darauf vor.

Wie geht es für Johannes weiter?

Im Sommer beginnt Johannes beim USC Mainz einen Bundesfreiwilligendienst im Spitzensport. Polizei, Zoll oder Bundeswehr bieten finanzielle Sicherheit, aber noch will Johannes sich auf nichts festlegen. Solche Entscheidungen sind für ihn und andere Sportler*innen selten nur beruflich oder finanziell. Sie entstehen in einer Lebensphase, die stark vom Sport geprägt ist, reichen aber oft weit über die sportliche Karriere hinaus. Häufig bleiben sie bestehen, auch wenn sich die Lebensumstände später verändern. 

Johannes geht von der Matte hinüber in den Kraftraum. Am Kabelzug steht er allein, ganz bei sich, der Blick fest, jede Bewegung kontrolliert. Hier klingt das Training aus. Morgen ist sein trainingsfreier Tag. Und am Montag steht Johannes wieder bereit, mit vollem Fokus und dem Blick nach vorn.