Im Schatten der Gesetze

Mia Röhm

Im Schatten der Gesetze

Mia Röhm

Razzien, Abschiebungen, Legalisierung. In den USA verschärft sich der Umgang mit Migrant*innen, in Deutschland ist die Stimmung gegenüber Ausländer*innen trotz Fachkräftemangel zunehmend negativ. Spanien schlägt einen anderen Weg ein. Was bedeutet es, dort illegal zu leben?

Mia Röhm

Razzien, Abschiebungen, Legalisierung. In den USA verschärft sich der Umgang mit Migrant*innen, in Deutschland ist die Stimmung gegenüber Ausländer*innen trotz Fachkräftemangel zunehmend negativ. Spanien schlägt einen anderen Weg ein. Was bedeutet es, dort illegal zu leben?

Mia Röhm

Es ist der 8. Dezember 2022. Ein gewöhnlicher Tag am Flughafen in Madrid. Aber kein gewöhnlicher Tag für Nico* und Sofia*. Gerade ist ihr Flugzeug aus Paraguay gelandet. Die Geschwister gehen von Bord. Sofia wohnt bereits seit sechs Jahren in Spanien. Sie arbeitet hier und hat eine entsprechende Aufenthaltsgenehmigung. Nico ist gerade das erste Mal geflogen. Weihnachten und Silvester wird er in Spanien mit Sofia und ihrer Familie verbringen. Einen Monat wird er bleiben. Zumindest wird Sofia das den Beamten bei der Einreise erzählen. Nico hat die Anweisung, still zu sein. Seine Schwester hat seinen Reisepass und wird für ihn reden. 

Nicos Herz rast, um ihn herum verschwimmen das Rollen von Rollkoffern und Stimmen, die durcheinander reden zu einem Gewirr aus Geräuschen. Obwohl er fließend Spanisch spricht, versteht er nicht, was sie sagen. Alles, woran er denken kann, ist: Hoffentlich schicken sie mich an der Grenzkontrolle nicht zurück nach Paraguay. Doch die Beamten glauben, was Sofia ihnen erzählt. Die Einreise der Geschwister gelingt erfolgreich. Als sie den Flughafen verlassen, wirkt jede Straßenecke wie ein Labyrinth für Nico. Die Reise geht weiter in die Küstenstadt Valencia. Der Geruch von Abgasen steigt ihm in die Nase. In seinem Heimatort in Paraguay riecht es nach Mandarinenbäumen und feuchter Erde. Einen Teil seines Lebens trägt Nico in seinem Koffer bei sich. Vor allem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit besserer Bezahlung. 

Den anderen Teil seines Lebens hat Nico in Paraguay zurückgelassen. In Eusebio Ayala, dort steht sein Elternhaus, in dem er mit seinen drei älteren Geschwistern aufgewachsen ist.

Nico

Den anderen Teil seines Lebens hat Nico in Paraguay zurückgelassen. In Eusebio Ayala, dort steht sein Elternhaus, in dem er mit seinen drei älteren Geschwistern aufgewachsen ist.

Nico

So erinnert sich Nico heute an seine Ankunft in Spanien. Er ist jetzt 25 Jahre alt und lebt seit mehr als drei Jahren in Valencia. Er ist nicht nur über die Feiertage geblieben. Nach Ablauf seines Touristenvisums wurde er illegal. 

Etwa 840.000 illegal Eingewanderte lebten vergangenes Jahr laut Schätzungen in Spanien. 91 Prozent davon stammen aus Südamerika, der Großteil aus Kolumbien. Staatsbürger vieler südamerikanischer Länder, wie auch Kolumbien oder Paraguay, benötigen kein Visum, um nach Europa einzureisen. Als Angehörige ehemaliger spanischer Kolonien sind sie von der Visumspflicht befreit. 90 Tage dürfen Sie als Touristen einreisen. Viele von ihnen bleiben länger, arbeiten schwarz und werden nach drei Monaten illegal, sogenannte overstayers.

Illegal arbeiten, um legal zu werden

12 Uhr. Noch zwei Stunden bis zur Mittagspause. Nico steht in einem großen Raum, der mal eine Bürofläche wird. Sein zweiter Arbeitsort heute. Er nimmt den Schleifklotz in die Hand, steigt auf die Leiter und beginnt, die Ecken der Wände abzuschleifen. Nico ist Maler und Tapezierer.

Er sagt kaum ein Wort. Nur das rhythmische Schaben des Schleifklotzes begleitet ihn. In Paraguay hat er im Straßenbau gearbeitet.

Mia Röhm

Er sagt kaum ein Wort. Nur das rhythmische Schaben des Schleifklotzes begleitet ihn. In Paraguay hat er im Straßenbau gearbeitet.

Mia Röhm

Handschuhe hat er vergessen. Das stört ihn, denn das Schleifen trocknet seine Hände aus. 

Mia Röhm

Handschuhe hat er vergessen. Das stört ihn, denn das Schleifen trocknet seine Hände aus. 

Mia Röhm

Die Staubpartikel in der Luft und das dröhnende Geräusch, das Raúl*, sein Chef, mit dem großen Schleifgerät verursacht, stören ihn hingegen nicht. Raúl wirkt neben dem hochgewachsenen, schlanken Nico eher klein und stämmig. Er spricht kaum ein Wort, lächelt selten und arbeitet schweigend weiter, während Nico mit dem Eigentümer der Baustelle scherzt. Er kommt aus Bolivien und lebt schon seit etwa 20 Jahren in Spanien. Auch er kam damals als Tourist und wurde nach drei Monaten illegal.

Als illegale Person in Spanien kann man unter der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen legal werden. Nico hat Anfang Juli den Antrag auf Legalisierung durch das arraigo sociolaboral-Verfahren gestellt, das bedeutet arbeitsbasierte Verwurzelung. Damit können Illegale, die keine Vorstrafen haben, mindestens zwei Jahre im Land gelebt haben und einen Arbeitsvertrag von mindestens 20 Stunden pro Woche vorlegen können, legal werden. 

In Spanien werden insbesondere lateinamerikanische Einwanderer*innen überwiegend akzeptiert. Sie sprechen Spanisch und integrieren sich schnell. Auf gewaltvolle Razzien der Einwanderungsbehörde ICE in den USA und die zunehmend negative Stimmung gegenüber Ausländer*innen in Deutschland antwortet Spanien mit einer Sonderregelung. Etwa 500.000 Menschen, die vor dem 31. Dezember 2025 nach Spanien kamen, mindestens fünf Monate dort gelebt haben und nicht vorbestraft sind, sollen auf diese Weise legalisiert werden. Diese Maßnahme ist für den Zeitraum von April bis Juni dieses Jahres geplant. In der Geschichte Spaniens gab es bereits sechs dieser außerordentlichen Regularisierungen, die letzte 2005. 

In Deutschland gab es bis Dezember 2025 eine ähnliche Regelung, mit der Geduldete legal werden konnten: das Chancen-Aufenthaltsrecht, das im Dezember 2022 in Kraft trat. Diese Regelung bekam jedoch wenig mediale Aufmerksamkeit. Der Koalitionsvertrag sieht eine Folgeregelung vor.

Auf der Infografik werden die Voraussetzungen für das Chancenaufenthaltsrecht abgebildet: Mindestens 5 Jahre geduldeter, gestatter oder rechtmäßiger Aufenthalt in Deutschland zum Stichtag des 31. Oktober 2022, nicht für eine Straftat verurteilt worden sein, kein wiederholtes Täuschen über die eigene Identität und Bekennung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung.

Wer diesen befristeten Aufenthaltstitel erhielt, hatte 18 Monate Zeit, um die Voraussetzungen für eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis zu erfüllen. Dazu gehörten ausreichende Sprachkenntnisse und ein Job. In Deutschland hat das Ausmaß dieses Gesetzes jedoch eine andere Dimension. Von 137.100 Menschen, die formell für den Chancenaufenthalt infrage kamen, haben ihn 88.312 bekommen. 26.986 Menschen erhielten eine weitere Aufenthaltserlaubnis nach dem Chancenaufenthalt (Stand November 2025). 

Ohne Papiere, ohne Schutz?

Am Anfang erzählt Nico, habe Raúl versucht, ihn auszunutzen: lange Arbeitszeiten und Überstunden, deren Bezahlung ausblieb. „Aber ich habe ihm eine Grenze gesetzt, weil ich wusste, dass er eine Arbeitskraft braucht. Ich habe ihm gesagt, dass das so nicht geht, dass ich zu festgelegten Zeiten arbeite und er mir die Überstunden bezahlen muss“, sagt Nico. Das respektiert Raúl seither auch.
Bevor Nico mit Raúl arbeitete, war er bei seinem Schwager beschäftigt. Den Arbeitgeber musste Nico wechseln, weil er im Melderegister in der Wohnung seines Schwagers eingetragen war. Einen gültigen Arbeitsvertrag konnte er jedoch nicht von der Person bekommen, bei der er wohnt. 

Das padrón, also der Eintrag ins Melderegister, ist für illegale Migrant*innen in Spanien möglich und sogar wichtig für die Legalisierung. Sie können damit nachweisen, wie lange sie sich bereits im Land aufhalten. Das ist für den Erhalt der Dokumente durch Verfahren wie zum Beispiel arraigo-sociolaboral essenziell. Zudem ermöglicht der Eintrag illegalen Migrant*innen den Zugang zum Gesundheitssystem und für Minderjährige zur Bildung. 

„Das Recht auf Gesundheit besteht für alle Menschen, unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit und ihrem Aufenthaltsstatus. Formal gesehen ist es auch in Deutschland möglich, dass Menschen in der Illegalität zum Arzt gehen und die Kosten dafür erstattet bekommen“, erklärt Anna Suerhoff, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Menschenrechte. „Das große Problem ist, dass es eine Übermittlungspflicht in Deutschland gibt. Also dass sich die Behörden, sobald sie Kenntnis davon haben, dass sich jemand ohne Aufenthaltstitel in Deutschland aufhält, an die Ausländerbehörden wenden müssen. Das führt dazu, dass viele dieses Recht gar nicht in Anspruch nehmen.“

(Un)sichtbar systemrelevant

Im Alltag ist sich Nico seiner Illegalität immer bewusst. Er steht konstant unter dem Druck, sich vorbildlich zu verhalten, denn so sind die Chancen auf Legalisierung am höchsten. Außerhalb von Valencia und an öffentlichen Orten zu arbeiten, ist gefährlich für ihn, da Baustellen dort regelmäßiger kontrolliert werden. Werden illegale Arbeiter erwischt, müssen sie und ihre Arbeitgeber häufig Geldstrafen bezahlen. Innerhalb von Spanien kann sich Nico frei bewegen, solange er das Land nicht verlässt. Das nutzt er auch, besucht Freunde oder Familie, war schon in Madrid, Barcelona und Alicante. Seine Freunde kommen auch aus Südamerika. Spanische Freunde hat er keine. 

Die Illegalität ist besonders dann eine Belastung für ihn, wenn er krank wird, denn dann verdient er kein Geld. Sobald er legal ist, wird sich das ändern. Doch mit der Legalität kommen auch mehr Abgaben. „Weil ich auch die Sozialversicherung bezahlen muss. Ich werde mehr Ausgaben haben, aber der Lohn bleibt gleich. Schwarzarbeit lohnt sich manchmal mehr, die Bezahlung ist besser, aber was Kontrollen angeht, ist es stressiger, und wenn man krank ist, bekommt man gar kein Geld. Mit Papieren kann man hingegen Arbeitslosengeld beziehen und so weiter. Als Illegaler muss man aufpassen, dass man nicht krank wird“, sagt Nico und lacht. 

Laut einer Analyse der Europäischen Zentralbank (EZB) haben ausländische Arbeitskräfte in Spanien erheblich zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Die von der EZB veröffentlichten Daten legen nahe, dass zwischen 2019 und 2024 rund 80 Prozent des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts auf ausländische Arbeitskräfte zurückzuführen sind. Der Beitrag der einheimischen Bevölkerung lag bei etwa 20 Prozent. 

Isabelle Schäfer von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik bezeichnet das spanische Modell als pragmatisch und interessensorientiert. „Spanien gehört zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten in Europa, sogar noch hinter Deutschland. Daher ist es darauf angewiesen, Menschen in den Arbeitsmarkt zu bringen, die auch in das Rentensystem einzahlen können. Dass Spaniens Bevölkerung in den letzten Jahren überhaupt wachsen konnte, ist fast ausschließlich der Migration zu verdanken. Zentrale Sektoren der spanischen Wirtschaft sind der Tourismussektor, die Serviceindustrie und auch der Bausektor, und da arbeiten viele Menschen, die nicht in Spanien geboren sind. Wichtig ist auch, dass ein großer Teil der Migranten in Spanien aus Lateinamerika kommt. Aufgrund der gemeinsamen Sprache können sie sich schneller in den Arbeitsmarkt integrieren.“
Nico arbeitet viel. Häufig auch am Wochenende, manchmal sogar sieben Tage die Woche ohne Pause. 

Wenn er nicht arbeitet, dann trifft er Freunde oder macht Sport. Am liebsten Calisthenics und Fußball. Das hilft ihm, den Kopf freizubekommen.

Nico

Wenn er nicht arbeitet, dann trifft er Freunde oder macht Sport. Am liebsten Calisthenics und Fußball. Das hilft ihm, den Kopf freizubekommen.

Nico

Nico lacht viel. Er trägt sein Lächeln wie eine zweite Haut. Es schützt ihn wenn Worte scharf werden oder das Leben schwer. Für Nico ist es eine große Chance, in Spanien zu leben und zu arbeiten. „Der Lohn in Paraguay reicht für nichts. Ich habe mehr gearbeitet und weniger verdient, und deshalb habe ich beschlossen, mit meiner Schwester zu kommen“, sagt Nico. 

In Paraguay wollte er Polizist werden. Bereits vor der Prüfung stand fest: Besteht er nicht, geht er nach Spanien. Hier arbeitet er nicht darauf hin, Polizist zu werden. „Hier ist es komplizierter, sich für die Polizei zu bewerben. Aber ich würde gerne mehr übers Klempnern lernen. Und wenn ich die Möglichkeit habe, würde ich auch gerne etwas im Bereich Elektrik lernen“, erzählt er. 

Von dem Geld, das er in Spanien verdient, spart er alles, was möglich ist. Er hat sich damit von Spanien aus zwei Grundstücke in Paraguay gekauft und lässt ein Haus bauen. Ob er in Spanien bleiben möchte oder nicht, das weiß er noch nicht. Wenn er an Heimat denkt, denkt Nico an Paraguay und sein Herz wird auch immer Paraguay gehören, aber in Spanien sieht er bessere Chancen für seine Zukunft.

 

*Name von der Redaktion geändert, der echte Name ist der Redaktion bekannt.