"Ich habe nicht alles wegen der Sozialleistungen verlassen."
"Menschen müssen behandelt werden wie Menschen"
Mustafa, du warst Boxer in der afghanischen Nationalmannschaft, dein Traum von Olympia realistisch – eine vielversprechende Zukunft. Warum bist du aus Afghanistan geflohen?
Ich wurde in einem Land geboren, in dem ich keine Perspektive mehr gesehen habe. Mein Leben war geprägt von Armut und Unsicherheit. Jeden Tag, wenn ich zur Schule gegangen bin, habe ich mich von meiner Familie verabschiedet, weil ich nie wusste, ob ich je wieder zurück nach Hause komme.
Hattest du von Anfang an Deutschland als Ziel?
Nein. Ich wusste gar nicht, dass Deutschland auf Deutsch Deutschland heißt. Ich kannte es als Germany. Ich wollte einfach irgendwohin, wo ich sicher bin und mein Leben neu aufbauen kann. Infrage kamen viele europäische Länder. Aber damit habe ich mich erst in Österreich auseinandergesetzt.
Mustafa floh über Pakistan, den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, und Österreich. Er kam 2021 in Österreich und am 1. März 2021 in Deutschland an. In den Jahren vorher war der Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylbewerber*innen in Österreich stark beschränkt. Der Bartenstein-Erlass von Mai 2004 hatte die Arbeitsmöglichkeiten für Asylbewerber*innen auf Saisonarbeit und Erntehilfe beschränkt. Der Hartinger-Klein-Erlass von 2018 hatte den Zugang zur Lehre für Asylbewerber*innen aufgehoben. Beide Erlasse wurden im Sommer 2021 für gesetzeswidrig erklärt und aufgehoben.
Ich habe Leute kennengelernt, die seit fünf, sechs Jahren, seit zwölf, zehn Jahren in Österreich waren, aber immer noch nicht zur Schule gehen oder arbeiten durften. Diese Leute waren aus meiner Sicht am Ende und hatten keine Hoffnung mehr. Das hat mich erschreckt und ich habe mich gefragt: Was mache ich, wenn ich hier zehn Jahre bin und immer noch nicht arbeiten und in die Schule gehen darf? Das ist kein Ort, an dem ich mich weiter in der Gesellschaft einbringen kann. Für mich war wichtig, an einen Ort zu gehen, an dem ich die Sprache lernen, arbeiten und die Gesellschaft unterstützen kann. Deshalb bin ich nach Deutschland gekommen.
Gab es ein Erlebnis auf deiner Flucht, das dich besonders geprägt hat?
Einmal wurde ich allein im Dschungel zurückgelassen. Das war eine krasse Nacht. Wir waren in einer Gruppe unterwegs. Die Gruppe hat sich kurzfristig geteilt und dann wieder an einem Treffpunkt getroffen. Aber ein Kumpel von mir kam nicht an den Treffpunkt zurück. Irgendwann haben dann ein paar Leute aus der Gruppe gesagt, dass sie gehen. Ich habe gesagt: Ich habe versprochen, dass ich hier warte, ich komme nicht mit. Und ich finde es unfair, wenn ihr jetzt geht und mich hier allein lasst. Das haben sie trotzdem gemacht. Ich war etwa 30 bis 60 Minuten allein und habe die ganze Zeit an meinen Kumpel gedacht. Ich hatte auch Angst. Das Krasse war, sie sind zurückgekommen, weil sie Angst hatten, weil es so dunkel war. Ich habe kurz gedacht, dass mein Kumpel gekommen ist. Aber es war nicht er.
Wie hast du dich gefühlt, als du hier angekommen bist?
Ich war erleichtert, nach zwei Jahren Flucht an einem sicheren Ort zu sein, an dem ich die Perspektive hatte, arbeiten zu dürfen und bleibende Freundschaften zu schließen.
Vermisst du Afghanistan?
Ja, sehr.
Möchtest du zurückgehen?
Auf jeden Fall. Aber nur wenn es sicher ist. Ich würde gerne helfen, die Gesellschaft voranzubringen.
Was bedeutet Heimat für dich?
Das Essen meiner Mama.
Ist Deutschland für dich zur Heimat geworden?
Ich habe meine ganzen Freund*innen hier und fühle mich in Stuttgart wohl. Ich kann das nicht so richtig beschreiben, aber irgendwie würde ich nicht sagen, ich bin Stuttgarter.
Oft heißt es, Geflüchtete kämen wegen der Sozialleistungen. Wie erlebst du dieses Narrativ?
Für mich waren Sozialleistungen kein Grund, meine Heimat zu verlassen. Ich habe mir nicht gewünscht, meine Eltern in einer Zeit verlassen zu müssen, in der ich sie gebraucht habe.
Wie alt warst du, bei deiner Flucht?
Ich war 15, als ich gegangen bin. Ich habe nicht alles wegen der Sozialleistungen verlassen. Meine Eltern haben keine Perspektive mehr gesehen. Sie haben die Entscheidung getroffen. Ich glaube nicht, dass sich jemand, der Kinder hat, vorstellen kann, sein Kind nur wegen der Hoffnung auf Sozialleistungen auf einen anderen Kontinent zu schicken. Die Sozialleistungen sind auch nicht wirklich hoch.
Du arbeitest beim Flüchtlingsrat und hast noch andere Projekte. Warum ist es dir so wichtig, dich gesellschaftlich zu engagieren?
Ich will die Gesellschaft voranbringen und selbst mit aufbauen. Ich bin der Meinung, dass alle Menschen gleich behandelt werden müssen. Menschen müssen behandelt werden wie Menschen. Ich engagiere mich nicht nur für Menschen mit Migrationsgeschichte, sondern für alle. Viele hilfsbedürftige Menschen in Deutschland haben keinen Migrationshintergrund.
Viele Menschen befürchten, es könnten Terroristen nach Deutschland kommen.
Wenn hier (Mustafa deutet auf die Tür des Cafés, in dem wir miteinander sprechen) eine Frau mit Kopftuch reinkommt, wird sie angestarrt und als gefährlich wahrgenommen. Das ist eine rassistische Ideologie.
Woher kommen diese rassistisch motivierten Angstbilder deiner Meinung nach?
Rassismus kann bewusst oder unbewusst sein. Jeder sollte sich reflektieren. Ich habe schon mit Menschen geredet, bei denen rassistische Witze zu Hause ganz normal sind. Ich war fast zwei Jahre auf der Flucht und wusste nicht, ob ich überhaupt in Europa ankomme. Diese Zeit war nicht einfach und wird mich mein ganzes Leben lang begleiten. Viele Industrieländer destabilisieren andere Länder. Wer profitiert am meisten von den ganzen Kriegen? Die Unternehmen, die Waffen produzieren. Wir müssen Verantwortung übernehmen. Sei es für das Klima oder die weltweite Unsicherheit. Dass Menschen sich von A nach B bewegen, ist nicht nur deren Problem. Das betrifft uns alle. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.
Was wünschst du dir im Umgang mit Rassismus?
Ich glaube, einige Menschen, die rassistische Narrative verbreiten, haben erstmal ein Problem mit sich selbst. Es ist immer einfacher, einen Feind zu finden, als das Problem gemeinsam zu lösen. Ich wünsche mir, dass wir nicht sagen, „wir gegen die“, sondern „wir alle gemeinsam“. Es ist demokratisch, dass wir nicht alle die gleiche Meinung haben. Aber wir müssen miteinander reden.
Integration wird häufig als Einbahnstraße verstanden. Wie erlebst du das?
Ich leite ein kleines Projekt. Dabei ist es mir wichtig, die Community ernst zu nehmen. Ich rede mit ihnen auf Augenhöhe und schaue: Wo brauchen sie Unterstützung? Unterstützung ist für erfolgreiche Integration sehr wichtig.
Was läuft dabei deiner Meinung nach politisch oder strukturell falsch?
Aussagen wie „alle jungen Männer sind radikal oder Islamisten“ kommen häufig von demokratischen Parteien, auch von sehr gebildeten Menschen. Integration geht nicht nur von einer Seite aus. Mit Fachwissen können wir keine Menschen integrieren. Dafür braucht es emotionales Wissen. Wir müssen mit den Leuten gemeinsam arbeiten, statt für sie zu entscheiden. Die Ausländerbehörde Stuttgart braucht manchmal ein Jahr, um einen Termin zu vergeben. Ich kenne Leute, die Arbeitsverbot bekommen, weil die Ausländerbehörde es nicht schafft, ihnen rechtzeitig eine Verlängerung zu schicken.
Hast du damit persönlich auch Erfahrungen gemacht?
Ja. Meine Aufenthaltserlaubnis wurde drei Monate nicht verlängert und dann habe ich Arbeitsverbot bekommen. Am Ende behauptete die Ausländerbehörde, mir den Ausweis ausgehändigt zu haben. Das stimmte nicht. Mein Arbeitgeber hat mich nach Hause geschickt. Nicht, weil ich nicht arbeiten wollte, sondern weil ich keine Verlängerung bekommen habe. Viele Menschen beschweren sich darüber, dass Geflüchtete nicht arbeiten oder kein Deutsch sprechen. Sie kennen aber die bürokratischen Hürden oder die Schwierigkeiten, einen Sprachkurs zu bekommen, oft nicht. Dabei müssten wir viel mehr dafür tun, Geflüchteten den Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
"Ich wünsche mir, dass wir nicht über Menschen entscheiden, sondern mit Menschen."
Hast du Wünsche an die deutsche Gesellschaft und den Umgang mit Migration?
Ich wünsche mir, dass wir uns weltweit mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich wünsche mir, dass wir nicht über Menschen entscheiden, sondern mit Menschen. Egal welche Hautfarbe, welche Sprache, welche Kultur. Letztendlich sind wir alle Menschen. Und dass wir anerkennen, dass viele Probleme auch unsere Probleme sind. Wir müssen uns mit den Ursachen globaler Probleme auseinandersetzen. Wir sind alle gemeinsam auf dieser Welt und wir kriegen die Probleme auch gemeinsam gelöst.