"Historisch kommen viele Musikrichtungen aus Widerstand und Schwarzen Communitys, bevor eine weiße Person den Durchbruch damit geschafft hat."
"Zuhören ist der erste Schritt"
In deiner Musik geht es häufig um Empowerment, Gesellschaftskritik und Heilung. Erinnerst du dich an den Moment, in dem du gemerkt hast: Meine Stimme gehört auf eine Bühne?
Ich habe in Berlin studiert und in Brandenburg Situationen erlebt, in denen ich Angst hatte und mich – vor allem in Bezug auf weiße Männer – unwohl gefühlt habe. Das waren Mut-Momente, über die ich dann geschrieben habe. Mein damaliger Freund hat Musik gemacht und dann war ich einfach mal mit ihm im Studio und wir haben angefangen, Songs zusammen zu schreiben. So habe ich den Mut gefasst, eigene Tracks zu schreiben. Dabei habe ich gemerkt, dass meine Musik empowernd ist, in erster Linie für mich selbst, aber auch für andere.
Ist Empowerment auch das, was Musik für dich persönlich erfüllt?
Ja, Musik war für mich schon immer eine Kraftquelle, aber das habe ich lange nicht realisiert. Meine Eltern kommen aus Ghana, ich bin hier in Baden-Württemberg geboren. Ich war oft das einzige schwarze Kind in der Klasse und im Kindergarten. Das habe ich lange gar nicht realisiert oder hatte keine Worte dafür, also für Rassismus. Gleichzeitig wurde ich schon zu Hause politisiert, weil man mit diesen Erfahrungen umgehen musste. In Kunst und Musik habe ich Menschen gefunden, Vorbilder, bei denen ich mich gesehen und verstanden gefühlt habe.
Wenn du die Bedeutung von Musik für dich in einem Satz zusammenfassen müsstest, welcher wäre das?
Musik war immer ein Safe Space für mich, in dem ich Emotionen verarbeiten und mich ausleben konnte, in dem ich nicht in eine Box passen musste, aber Musik erlaubt es auch, auszusprechen, was man sich im One-on-One-Kontakt vielleicht nicht trauen würde.
An wen richtet sich deine Musik?
Zuerst war es mir wichtig, mich als Schwarze Frau frei auszusprechen. Wenn ich Songs schreibe, gehe ich von meinen Vibes aus, von den Kulturen, die mich inspirieren: Ghanaian Culture, African Culture. Ich denke dabei nicht, ich müsse Musik für einen weißen Mann schreiben, sondern ich mache das ungefiltert. Es gibt aber auch weiße Typen, die meine Musik anhören und gut finden, und das ist ja eigentlich das Goal: Dass man sein kann, wer man ist, und sich nicht mehr verstecken muss.
Was wünschst du dir, dass deine Musik bei Menschen auslöst?
Sie soll empowern und helfen, sich mit der Queen in Yourself zu verbinden. Gleichzeitig soll sie überraschen und vor allem Schubladen sprengen, einen aus der Komfortzone herausholen.
Auf Instagram sprichst du offen über mentale Gesundheit in der Musikbranche. Warum ist das so ein wichtiges Thema?
Als Schwarze Frau in diesem Business wird man schnell mit Rollenbildern konfrontiert. Für Männer gibt es im Rap viele Möglichkeiten, sich auszuleben, aber die Frau muss einfach nur gut aussehen. Ich versuche gerade, mich freizumachen von diesem linearen Erfolgsweg. Wenn ich weiß, ich mache die Musik, die ich machen möchte, und Menschen schreiben mir, dass sie sich davon angesprochen fühlen oder dass ich ihnen damit weiterhelfe, dann ist das vielleicht meine Definition von Erfolg, und das reicht mir. Dann muss ich mich nicht mit jemandem mit fünf Millionen Klicks auf Spotify vergleichen. Teil von Spotify-Streaming, und von Social Media ist Pressure, dass man konstant produzieren muss, weil alles so schnelllebig geworden ist, und eben dieser ständige Vergleich – das kann ganz schön an einem nagen. Man hat das Gefühl, nie genug zu sein. Und ich glaube, dass wir uns als Artists untereinander noch mehr supporten könnten.
Wie kam es, dass du mit deiner Musik politische Botschaften verbindest?
Durch mein Studium der Politikwissenschaften habe ich gemerkt, wie komplex viele gesellschaftliche Themen sind und wie wenig Zugang viele Menschen dazu haben. Deswegen sind meine Texte oft akademisch angehaucht. Ich versuche das durch Rap, weil ich den Eindruck habe, Rap ist eine unterschätzte Poesieform, die zum Teil auch durch rassistische Klischees abgewertet wird. Historisch kommen viele Musikrichtungen aus Widerstand und Schwarzen Communitys, bevor eine weiße Person den Durchbruch damit geschafft hat.
Gerade in Bezug auf Rassismus könnte deine Musik auch Bildungsarbeit leisten. Ist das ein Ziel von dir?
Ja, voll. Da überschneidet sich meine Arbeit. Ich mache auch Bildungs- und Diskriminierungsarbeit. Kunst benutze ich dafür gerne als Brücke, weil sie Barrieren umgehen kann und direkt ins Gefühl geht. Kunst und Musik bauen automatisch zwischenmenschliche Verbindungen auf und verstärken Emotionen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass es Kunst gibt, die einfach Entertainment ist und bleibt. Etwas, das mich stört, ist, dass viel Rap materialistisch oder frauenfeindlich ist. Generell ist die Musikindustrie in kapitalistische Muster gerutscht und es geht viel darum, was sich gut verkaufen lässt. Aber ich möchte Musik machen, auf die ich proud bin. Und da hängt für mich die Community und diese Bildungsaufgabe mit dran.
Viele Deutsche sind überzeugt, nicht rassistisch zu sein.
Ja. Das muss man an irgendeinem Punkt tatsächlich auch erstmal realisieren.
Hast du Tipps, wie man damit umgehen kann?
Was Betroffene sich wünschen, ist Zuhören. Man muss nicht direkt eine Lösung haben, aber es ist schon ein cooler Schritt, wenn Menschen sich eingestehen können, dass sie Rassismen in sich tragen. Man hat eine besondere Rolle als weiße Person, weil man super viele Privilegien und Vorteile bekommt und sie gar nicht realisiert. Ich habe früher sehr viel darüber nachgedacht, wie ich mich anziehe. Das ist ein Grundbaustein für sicheres Überleben für viele migrantische Personen. Dass man sich diese Gedanken nicht macht, zeigt schon, dass man Vorteile hat. Diese Privilegien sind eine Art Verantwortung. Es sollte nicht dieser Saviourism sein, sondern beobachten, hinhören, zuschauen, Zivilcourage zeigen, den Mund aufmachen, wenn man merkt, irgendwas läuft nicht cool.
Du versuchst in deiner Arbeit auch Hoffnung zu vermitteln. Woraus schöpfst du sie?
Ich habe ein sehr positives Menschenbild und ich weigere mich, bitter zu werden, zu denken, dass die Welt schlecht ist, denn dann bräuchte man ja nichts mehr anfangen. Es kommt darauf an, worauf wir unseren Fokus und unsere Energie richten, und zu merken: Wandel beginnt in mir. Ich kann nicht die Welt retten, aber kleine Handlungen können sehr viel Impact haben. Man kennt das ja, wenn man einen schlechten Tag hat und eine Freundin für einen da ist. Das kann den Tag wirklich verändern. Und ich glaube einfach, dass wir gerade in einem demokratischen Land als Bevölkerung Handhabe darüber haben, wie sich was entwickelt. Und deswegen denke ich, wenn jeder Mensch sozusagen seine Agency nutzen würde, dann wäre die Welt ein anderer Ort. Es ist ein bisschen doof am Menschsein, dass man selten proaktiv ist, sondern immer Krisen kommen müssen, bis man versteht, dass es so nicht weitergeht. Ich fühle mich durch meine Herkunft mit diesem Spirit beschenkt und bin motiviert, die Privilegien, die ich hier habe, zu nutzen.
Hat das mit Religion zu tun?
Ich würde es nicht Religion nennen, eher Spiritualität. Ich sehe eine Verantwortung der Erde und den Lebewesen gegenüber und fühle mich als Teil dieses Ökosystems. Es hat mir geholfen, im ländlichen Raum unterwegs zu sein, auch indigenous cultures zu sehen. Es braucht eine respektvolle Beziehung von Menschen zur Natur, von Menschen untereinander und Selbstliebe.
"Das Leben scheint ernst, aber es ist zum Leben da und wir sollten Liebe und Verbundenheit nicht unterschätzen."
Zum Abschluss: Welche Botschaft möchtest du den Leser*innen mitgeben?
Zwei Dinge: den Mund aufmachen und zuhören. Es ist wichtig zuzuhören, gerade wenn es um gesellschaftlichen Wandel geht. Und zu beobachten, auch Lebensrealitäten, die einem vielleicht nicht so nah sind, oder Musik aus anderen gesellschaftlichen Schichten zu hören. Andererseits würde ich sagen: Speak up, weil unsere Zeit erfordert, dass Menschen mutig sind. In Deutschland haben wir die Möglichkeit zu sprechen und unsere Stimme zu nutzen und zu erkennen, dass wir mehr bewegen können, wenn wir zusammenarbeiten. Das Leben scheint ernst, aber es ist zum Leben da und wir sollten Liebe und Verbundenheit nicht unterschätzen.