Zeig mir dein Make-up und ich sag dir wer du bist
Das Letzte, was Frauen gerade dringend brauchen, ist, mal wieder nach dem Aussehen beurteilt zu werden. Und trotzdem beurteile ich Frauen jetzt nach dem Aussehen. Ich befürchte nämlich, dass ich Kristi Noem (US-Sondergesandte des Shield of the Americas), Laura Ingraham (umstrittene Fox-News-Moderatorin) oder Karoline Leavitt (Pressesprecherin der aktuellen US-Regierung) nicht auseinanderhalten kann. Zugegebenermaßen sehen sie alle sehr unterschiedlich aus. Aber bevor mir auffällt, dass sie mehr als 30 Jahre und drei unterschiedliche Haarfarben trennen, bemerke ich ihre Gemeinsamkeit: Sie sehen für mich durch und durch republikanisch aus.
Anmaßend wie ich nun mal bin, stelle ich also eine These auf. Ich erkenne die politische Überzeugung eines Menschen, ganz allein am Style. Und nein, das liegt nicht nur am FOX-Logo unten links im Bild, sondern an einem Phänomen, das MAGA-Make-up genannt wird. Dieser Begriff schwebt seit 2025 durch die internationale Klatsch- und Modepresse. Ausschlag- und namensgebend war wohl ein TikTok der Comedienne und Podcasterin Suzanne Lambert. Nachdem Lambert, die in der US-Präsidentschaftswahl 2024 Kamala Harris unterstützt hatte, in ihren Kommentaren von Trump-Anhänger*innen angefeindet wurde, schlug sie sich in Form eines typisch republikanischen Make-up-Tutorials zurück.
Das Make-up der MAGA-Frauen kommt in diesem Video, trotz Lamberts wohlwollendem Valley-Girl-Unterton (Perfeeect! Gooorgeous!), wirklich nicht gut weg. Schlaff, müde, nicht verblendet und vor allem nicht passend zum Hautton. Das sind nur ein paar Charakteristika, an denen Lambert das MAGA-Make-up fest macht. Ich bin beruhigt, scheinbar fällt nicht nur mir diese Ähnlichkeit auf. Aber es ist natürlich auch gemütlich in meiner kleinen, algorithmusbasierten Echokammer, in der mir Satire über Menschen zugespielt wird, hinter deren Politik ich eh schon nicht stehe. Gut, Suzanne Lambert hat es sich in einem Interview mit CBS auch als Ziel gesetzt, gemeiner zu sein und härter gegen feindselige Kommentare vorzugehen. Aber mein Ziel ist das eigentlich nicht, und auf einmal komme ich mir problematisch vor.
Die MAGA-Uniform
Erschaffe ich mir hier ein Feindbild, nur weil ich finde, dass Erika Kirk zu viel Foundation trägt? Weil mir Karoline Leavitts Lidschatten nicht gefällt? Wie viel ver-vorurteile ich? Oder steckt hinter MAGA-Make-up wirklich ein politischer Hintergrund?
Ja, sagt Teresa Fischer, Medienwissenschaftlerin beim modewissenschaftlichen Rechercheprojekt NeoFashFarRight. Sie forscht zu den Styles der politischen Rechten. „In Style geht es immer darum, Identität zu kommunizieren. Und ein Style ist durchaus auch politisch.“ Die Identität, die die MAGA-Frauen kommunizieren wollen, ist sehr komplex. Sie stehen in einem schwer definierbaren Bereich zwischen Tradwife und politischer Machtposition, natürlich schön und trotzdem modelmäßig perfekt. Looksmaxxing mit politischem Ausmaß, bloß geht es den Republikanerinnen - anders als den typischen Looksmaxxern - nicht nur darum, mehr Dates abzukriegen. Stattdessen ist das Ziel, schick, reich und politisch einflussreich auszusehen.
Looksmaxxing
Looksmaxxing beschreibt eine Selbstoptimierung des eigenen Körpers, mit dem Ziel, das eigene soziale (oder romantische) Standing zu verbessern, und wird häufig in der sogenannten „Manosphere“, einer Onlinecommunity für tradtionelle Männlichkeitsideale, betrieben. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Incel-Szene.
Quelle: Sousbois in Body & Society
Eine Uniformierung der Frauen der neuen Rechten beobachtet Fischer weltweit, immer unter dem Deckmantel einer selbst definierten „Normalität“. Als politische Person müsse man schon „normcore“ aussehen, um Menschen zu mobilisieren. In der Kulturwissenschaft wird das auch „Bodyfascism“, Körperfaschismus, genannt: Eine Überhöhung bestimmter Körperideale mit dem Ziel einer Einheitlichkeit. Menschen, die aus dem Schema fallen, werden ausgrenzt. Gerade mit Blick auf die USA weist Fischer darauf hin, dass Politiker*innen auch die Ästhetik der etablierten Onlinekultur mitdenken müssten. Zu einem Reality-Star-Präsidenten gehören wohl auch kardashian-eske Politikerinnen. Es wäre auch ein komischer Zufall, wenn die Frauen der Trump-Regierung alle aus Versehen ihren Eyeliner so großzügig auftragen. „Sobald etwas total aufwendig inszeniert ist, ist es eigentlich gewollt“, so Fischer. Und selbst wenn es nicht gewollt sei, müsse man sich fragen, welches Weltbild damit indirekt unterstützt werde. „Ich weiß nicht, ob Mode theoretisch irgendwann unpolitisch sein kann.“
Die Looks der Trump-Frauen sind zwar einheitlich, aber nicht besonders professionalisiert. Karoline Leavitts Make-up wurde in den Kommentaren eines Vanity-Fair-Instagram-Posts zerrissen: „Anti immigration but that lipfiller is migrating“ ("Einwanderungsfeindlich, aber die Lippenaufspritzung migriert"). Sicher kann ein Fotograf wie Christopher Anderson jeden Menschen gut oder schlecht aussehen lassen. Auf mich als Laiin wirkt Leavitts Look aber nicht nur nicht besonders schmeichelhaft, sondern auch einfach schlecht gemacht. Müsste eine Pressesprecherin, die beruflich vor Kameras auftritt, nicht ein bisschen moderner und kameratauglicher gestylt sein?
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Vielleicht versteht sie es einfach als einen Teil ihrer traditionellen Rolle: Die Frau kocht, putzt und schminkt sich selbst, auch für TV-Auftritte. Das ist an dieser Stelle zwar rein spekulativ, würde aber zumindest durch ein inzwischen gelöschtes Make-up-Tutorial auf Karoline Leavitts TikTok-Kanal erklärt.
Blue-Haired-Liberals?
Sicher sind nicht alle Frauen, die MAGA-Make-up tragen, republikanische Hardlinerinnen. Gerade wer sich weniger auf Instagram und TikTok bewegt, hat von der Bezeichnung vielleicht noch nie gehört. Manche Creatorinnen scheinen sich ihres Looks allerdings so bewusst zu sein, dass sie sich von Lamberts Video angegriffen fühlen. Was das über sie verrät, sei hier mal offengelassen. Auf jeden Fall wird nach allen Regeln der Kunst (und nach allen Regeln der sozialen Netzwerke) hart zurückgeschossen. Die Zielscheibe: Blaue Haare.
Savannah Blaes, alias @patrioticpeach macht sich in politischen Satirevideos über - ihrer Meinung nach fehlgeleitete - Liberals lustig. Damit wir erkennen, dass der liberale Charakter, den sie spielt, nicht sie selbst ist, nutzt sie Filter, die ihre Haare in unnatürlichen Farben erscheinen lassen. Eine Art Demokratinnen-Verkleidung, nur komplett mit selbstgebasteltem Nasenpiercing aus Alufolie! Außerdem teilt sie ihre Reaktionen auf Videos, in denen androgyn aussehende Menschen mit bunten Haaren sich politisch äußern. Diese Posts finden großen Anklang bei ihrer Followerschaft, die einen Zusammenhang zwischen blauen Haaren und liberalen politischen Überzeugungen vermuten.
Mit Rosa de Lauro sitzt zwar wirklich eine blauhaarige, liberale Demokratin im Repräsentantenhaus, tatsächlich gibt es aber keine Forschung, die blaue Haare und politische Ideale in einen Kontext setzt. Zwar wurden unnatürlich gefärbte Haare in den 70er und 80er Jahren durch die (per Definition linken) Punks popularisiert, werden aber seitdem von allen, die Anti-Irgendwas sind, genutzt. Noch in den 90er Jahren sahen die Frauen der Skinhead-Community, mit ihren androgynen, ungeschminkten Looks und blondierten Kurzhaarfrisuren so aus, als ob sie auf dem Weg in einen linken Berliner Club wären. Dass Styles sich verändern, ist nichts Neues. Der vermeintlich klassische rote Lippenstift war in den 1920er Jahren für die Suffragetten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Vereinigten Königreich für das Frauenwahlrecht kämpften, ein Zeichen weiblicher Emanzipation. In den 1940ern stand er stattdessen für US-amerikanischen Patriotismus. Und in den 1970er Jahren griffen besonders Glam-Rocker*innen aller Geschlechter zu Rot. Dafür verzichteten viele Feministinnen aus Protest ganz auf Lippenstift.
Spätestens sobald ein Style sehr offensichtlich einer Gruppe zugerechnet werden kann, wandelt er sich also oft ins Gegenteil. Dass die neue Rechte gerade auf Hyperfemininität setzt, ist eine aktuelle Mode. Die Tendenz zur Uniformierung bleibt allerdings bestehen. Nur die Uniform wird angepasst. Vielleicht tragen die Republikanerinnen in 10 Jahren also alle blaue Haare. Und wahrscheinlich beurteile ich sie dann genau so wie jetzt.