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Sex&Identität

Interview
Body Positivity: Ein Trend - zwei Stimmen

Kurvige Frauen sind in der Modewelt im Trend. | Bild: Laura Gruebler

Interview Body Positivity: Ein Trend - zwei Stimmen

Kurvige Frauen sind in der Modewelt im Trend. | Bild: Laura Gruebler
 

27 Jan 2022

Plus Size oder Size Zero. Schönheitsideale kommen und gehen. Die Modewelt prägt solche Trends und hat großen Einfluss darauf, was die Gesellschaft als Ideal empfindet. Zwei Stimmen aus der Branche sprechen über den Body-Positivity-Trend und wie er die Modeindustrie verändert.

Priscila Egas Montalvo

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
seit Sommersemester 2021
FotografieFilmproduktionPsychologieNachhaltigkeit

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Laura Wallenfels

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
GesellschaftPolitikSport

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Cristina Salazar

Crossmedia Redaktion/Public Relations
seit Wintersemester 2020

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Laura Gruebler ist 24 Jahre alt und kommt aus Hamburg. Vor knapp vier Jahren wurde sie von The curvy magazine, einem Magazin für kurvige Frauen, über Instagram für ein Shooting angefragt. Seither modelt sie nebenbei für unterschiedliche Kund*innen. Michelle Hoffmann arbeitet bei der Modelagentur The models in Bielefeld. Die Agentur setzt auf Vielfältigkeit und ein breites Spektrum an Models.

Beide haben gemeinsam, dass sie in derselben Branche arbeiten. Die eine vor der Kamera und die andere dahinter. Im Gespräch wurden beide unabhängig voneinander zum Thema Body Positivity in der Modebranche befragt.

Werden andere Models gebucht als noch vor zehn Jahren?

Michelle Hoffmann: Ja, auf jeden Fall. Das Buchungsverhalten unserer Kund*innen hat sich in den letzten drei Jahren stark verändert. Weg vom „klassischen Model“ mit der Konfektionsgröße 34/36 und einer Körpergröße von mindestens 1,70 Meter. Es werden immer häufiger Models gebucht, mit denen sich die Menschen identifizieren können. Hierzu gehören natürlich auch Fältchen und das ein oder andere Kilo mehr.

"Body Positivity wird nur bis zu einem bestimmten Grad akzeptiert." – Laura Gruebler

Laura Gruebler: Es fällt auf, dass die Besetzung der Models in den letzten Jahren deutlich diverser geworden ist. Beispielsweise in Magazinen oder in der Werbung. Curvy Models haben auf jeden Fall Anschluss in der Branche gefunden. Auch außergewöhnliche Personen oder Models, die das „ideale Alter“ überschritten haben, sind mehr zu sehen. Die Branche wird vielfältiger.

Findet Body Positivity also Anklang in der Modebranche?

Michelle Hoffmann: Definitiv. Man sieht es auf den Fashion-Shows, in Online- und TV-Werbungen. Der Trend wird gefördert und auch wir als Agentur sind große Fans des Wandels.

Laura Gruebler: Meine Erfahrung ist, dass Body Positivity nur bis zu einem bestimmten Grad akzeptiert wird. Häufig wird nur ein sehr kleines Spektrum der Plus-Size-Community im kommerziellen Bereich repräsentiert. Eine Größe 42 oder maximal eine Größe 46. Aber Frauen, die zum Beispiel eine Größe 50 oder größer tragen? Was ist mit denen? Solche Frauen werden noch wenig repräsentiert. Das finde ich sehr schade. Ab einer bestimmten Größe ist für Body Positivity kaum Platz in der Modebranche. Der Trend wird oft nur als Marketingstrategie verwendet, um ein diverses Bild nach außen zu präsentieren.

Laura ist 24 Jahre alt und arbeitet nebenbei als Plus-Size-Model. | Bild: Laura Gruebler (Bildrechte)
Repräsentation von verschiedensten Körpertypen findet sie sehr wichtig. | Bild: Laura Gruebler (Bildrechte)
Laura arbeitet inzwischen mit den unterschiedlichsten Marken und Fotografen zusammen. | Bild: Laura Gruebler (Bildrechte)

Welche Voraussetzungen muss ein Plus-Size-Model erfüllen? Gibt es eine „Grenze“?

Michelle Hoffmann: Curvy Models beginnen bei uns ab einer Konfektionsgröße 40. Ansonsten haben wir keine Voraussetzungen.

Laura Gruebler: Das ist natürlich von Agentur zu Agentur unterschiedlich. Doch es gibt einige Hürden. Selbst Agenturen, die ausschließlich Curvy Models unter Vertrag nehmen, haben einen bestimmten Typ, nach dem sie suchen. Meine Bewerbungen bei diesen Agenturen verliefen meist schwieriger, als ich erwartet hatte. Ein Problem gab es immer. Eine Delle zu viel am Po, meine Figur hat nicht gepasst oder ich war doch eine Konfektionsgröße zu groß. Denn auch ein Plus-Size-Model muss bestimmte Richtlinien erfüllen, die in den meisten Fällen einfach unrealistisch sind. Am besten kurvig, aber bitte an den richtigen Stellen. Auch das Tragen von Shapewear ist gängig, um den Bauch doch etwas zu kaschieren. Das entspricht für mich nicht der Kernidee von Body Positivity.

Was denkst du? Handelt es sich um einen kurzzeitigen Trend oder eine langfristige Veränderung?

Michelle Hoffmann: Ich denke, es handelt sich hierbei um eine langfristige Veränderung. Auch auf Plattformen wie TikTok oder Instagram sorgen Influencer*innen für mehr „Realness“ im Internet, indem sie sich vor laufender Kamera abschminken und damit ihr wahres Hautbild präsentieren. Oder sie zeigen ihre unbearbeiteten Bilder, auf denen Dellen und Fältchen sichtbar sind. Gerade unter Frauen schwindet das Konkurrenzdenken und wird zum Support, es gibt mehr Unterstützung und Zuspruch als früher.

„Ein Trend kann ein guter Anfang für eine längerfristige Veränderung sein." – Laura Gruebler

Laura Gruebler: Ich denke, es ist ein wenig von beidem. Ein Trend ist es auf jeden Fall, dadurch wurde Body Positivity im kommerziellen Bereich ja eher zum Thema. Aber ein Trend kann ein guter Anfang für eine längerfristige Veränderung sein. Es muss einen ersten Schritt geben und ich finde es gut, dass Marken anfangen, mehr Größen aufzunehmen. Es ist ein langsamer Vorgang, aber es passiert etwas. Natürlich lässt sich die Art und Weise kritisieren, wie Body Positivity in manchen Fällen für falsche Zwecke genutzt wird, und es ist auch wichtig, das weiterhin zu tun. Aber, wenn ich an meine Jugend denke, fühle ich mich und meinen Körper schon deutlich besser repräsentiert als noch vor einigen Jahren. Nie hätte ich früher damit gerechnet, dass ich später mal als Model arbeite. Allein das zeigt, dass ein Wandel stattfindet. Ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Hinweis: Die Redakteurinnen haben sich dazu entschieden, die Aussagen der Interviewpartnerinnen, bei denen nicht explizit gegendert wurde, gendergerecht anzupassen.