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Ukraine-Krieg
Flucht aus der Heimat

UKRAINE SPEZIAL
Tatiana Bandolko (links) mit ihren Töchtern Maryna (Mitte) und Kateryna (rechts) | Bild: Tatiana Bandolko

Ukraine-Krieg Flucht aus der Heimat

Tatiana Bandolko (links) mit ihren Töchtern Maryna (Mitte) und Kateryna (rechts) | Bild: Tatiana Bandolko
 

24 Aug 2022

Als die russische Armee die Ukraine angreift, flüchtet Tatiana Bandolko mit ihren Töchtern aus der Ukraine nach Stuttgart. Zum zweiten Mal muss sie ihre Heimat verlassen. Ein Interview über ihre Flucht.

Laura Wallenfels

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
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Kateryna studiert Englisch und Deutsch in der Ukraine. Inzwischen nimmt sie online von Stuttgart aus an ihren Vorlesungen teil. Das Interview über die Flucht aus der Ukraine mit ihrer Mutter Tatiana fand auf Russisch statt und wurde von Kateryna für die Studierenden übersetzt.

Die Bandolkos teilen das Schicksal mit vielen ukrainischen Familien, die aus der Kriegsregion fliehen mussten, haben aber trotzdem ihre ganz eigene Geschichte.

Was war die erste Reaktion, als ihr vom russischen Angriff am 24. Februar 2022 erfahren habt?

Tatiana: Der Angriff kam für uns so plötzlich, aus dem Nichts. Im ersten Moment war es für uns unglaublich. Wir konnten es gar nicht fassen, die ganzen Informationen nicht verarbeiten. Als der Angriff passierte, war Maryna (die jüngste Tochter) gerade in der Schule. Ihr Klassenlehrer beendete den Unterricht und schickte die Kinder nach Hause.

Tatiana und Kateryna und Maryna kommen aus der Donbass-Region. Diese Region besteht aus zwei Verwaltungseinheiten, auch Oblaste genannt: Luhansk und Donezk. Gemeinsam mit der Halbinsel Krim gehört dieser Teil der Ukraine zu einer Region, in der besonders viele Menschen Russisch als Muttersprache angeben. So wie auch Tatiana und Kateryna.

Im Donbass herrscht bereits seit acht Jahren Krieg: 2014 proklamierten die prorussischen Separatisten dort die Oblaste Luhansk und Donezk als unabhängige „Volksrepubliken“. Diese wurden international nie anerkannt. Nach einer Phase mit offenen Gefechten zwischen Separatisten und der ukrainischen Armee wurde mit dem Zweiten Minsker Abkommen 2015 ein brüchiger Waffenstillstand vereinbart.

 

Quellen: Deutsche Welle, WDR

Ihr seid ja bereits vor einigen Jahren aufgrund des Konflikts in der Donbass-Region innerhalb der des Donbass umgezogen. War euch klar, dass ihr dieses Mal das Land verlassen müsst?

Nein, das war uns am Anfang nicht klar. Aus dem Land sind wir erst am 25. März geflohen.
Bevor wir unseren Heimatort verlassen haben, wurden wir nachts immer wieder von lauten Geräuschen und starken Schießereien geweckt. Wir haben uns sehr erschrocken. Danach wurde uns befohlen, dass wir uns im Keller verstecken sollen, um uns zu schützen. Mir und meinem Mann war ab diesem Zeitpunkt klar, dass wir unsere Kinder schützen müssen. Vor allem als wir in den Nachrichten aus Kiew gesehen haben, wie die russische Armee Ukrainer mitnahm. Eigentlich wollte ich nicht fliehen, ich habe es gemacht, um meine Kinder zu schützen.

Habt ihr Kontakt zu eurer Familie? Wo befinden sie sich momentan?

Meine Eltern und mein Mann sind noch in der Donbass-Region, sie konnten aus verschiedenen Gründen nicht fliehen. Anfangs hatten wir noch regelmäßig Kontakt, aber aufgrund der aktuellen Lage in der Ostukraine wird das immer schwieriger.

„Eigentlich wollte ich nicht fliehen, ich habe es gemacht, um meine Kinder zu schützen." – Tatiana Bandolko

Wie ist eure Flucht abgelaufen?

Es war ein harter Weg aus der Ukraine nach Deutschland. Wir wurden von zu Hause in einem Kleinbus von militärischen Helfern mitgenommen. Dort haben wir auch eine Instruktion bekommen: kak vyzhit – Wie man überlebt.

Einer der der Helfer erklärte uns, wie wir uns während der Reise verhalten sollten, beispielsweise wenn wir Schüsse hören. Es war beängstigend. Sehr beängstigend. Nachts haben wir die meiste Zeit in dem kleinen Bus geschlafen. Manchmal gab es am Straßenrand ein Hostel, in dem wir unterkommen konnten, aber die meiste Zeit schliefen wir eigentlich im Bus. Durch große Städte konnten wir nicht fahren, wir mussten immer drumherum. Dort war es zu gefährlich, die meisten Städte standen unter Beschuss. Die Situation wurde besser, sobald wir die Zentralukraine erreicht hatten.

Wolltet ihr damals die Ukraine schon verlassen?

Ursprünglich wollte ich die Ukraine nicht sofort verlassen, sondern im westlichen Teil des Landes bleiben. Aber als wir Czernowitz erreichten, konnten wir bereits den Alarm hören, der vor Luftangriffen warnt. Wir hörten ihn sehr oft. Eine Anwohnerin sagte zu mir, dass auch Czernowitz kein sicherer Ort sei und wir die Ukraine verlassen sollten. Wir waren gezwungen zu gehen.

Wie habt ihr euch in diesem Moment gefühlt?

Mezhdu nebom i zemley – zwischen Himmel und Erde.

 Zwischen Himmel und Erde ist ein russisches Sprichwort und umschreibt das Gefühl der Ungewissheit. Man befindet sich gefühlstechnisch zwischen dem Himmel und der Erde, in einem großen Raum von Nichts. Auf eine bildhafte Art und Weise drückt dieses Sprichwort den unsicheren Blick auf eine Zukunft, die man sich noch nicht vorstellen kann, aus.

Wie seid ihr dann nach Deutschland gekommen?

Es war ein Zufall. An der Grenze zu Moldawien und Rumänien waren Busse, welche die Menschen an verschiedene Orte brachten. Der Bus, in den wir gesetzt wurden, ging nach Deutschland. Ich habe mir aber keine Sorgen darum gemacht, in welches Land wir kommen werden. Meine Tochter spricht zwei Fremdsprachen, Deutsch und Englisch. Ich hatte Vertrauen in sie und wusste, dass sie uns helfen kann.

Wie viele Tage hat eure Flucht gedauert?

Unseren Wohnort haben wir in der Nacht vom 23. auf den 24. März verlassen. Stuttgart haben wir dann am 27. März um 0 Uhr nachts erreicht. Wir waren von Mittwochabend bis Sonntag unterwegs.

„Ich fühle mich wie taub und stumm." – Tatiana Bandolko

Welche Schwierigkeiten haben in Deutschland auf euch gewartet?

An erstem Stellen meine fehlenden Kenntnisse der Sprache. Ich fühle mich wie taub und stumm. Und wir haben hier keine Familie oder Verwandten, die uns unterstützen könnten. Natürlich ist es auch schwierig, sich in die Gesellschaft zu integrieren, wenn man die Sprache nicht spricht. Aber unsere Gastfamilie, die uns in Stuttgart aufgenommen hat, ist eine große Unterstützung. Ich kann jetzt sagen, dass ich zwei Familien habe. Eine in Deutschland und eine in der Ukraine.

Was wünscht ihr euch von der deutschen Regierung?

Bitte unterstützt alles, was getan werden muss, um diesen Krieg zu beenden. Jetzt wurde mir klar, wie kurz unser Leben sein kann. Wir müssen jeden Moment einfangen, jeden Vogel, jede Brise, jedes Blatt. Wir sollten uns freuen über das Leben und es nicht in so einem schmutzigen Geschäft verschwenden. Ich habe angefangen, jede Sekunde zu schätzen. Ich kann nur zusehen, wie viele vielversprechende junge Menschen sterben aufgrund dieses grausamen Krieges. Es ist nicht normal. So viel Trauer wie dieser Krieg bringt, das ist nicht normal.

Viele Ukrainer*innen haben Familie in Russland. Habt ihr russische Verwandtschaft? Und habt ihr Kontakt zu ihnen?

Vor allem dort wo wir herkommen, im Osten der Ukraine, haben viele Familien Verwandtschaft in Russland. Für uns ist es auch völlig normal, zwei Muttersprachen zu haben. Russisch und Ukrainisch. Meine Mutter hat auch russischen Wurzeln, deshalb haben wir auch Verwandtschaft in Russland. Die meisten Verwandten kommunizieren überhaupt nicht mit uns. Wenn man ihnen von der Situation in der Ukraine erzählt, werden sie böse. Sie glauben uns nicht und behaupten, dass wir lügen.
Ich habe auch eine Tante, sie lebt auf der Krim. Sie sagte zu mir: „Wartet nur einen Moment ab, Russland wird euch helfen. Russland holt euch ab und alles wird gut.“ Aber das möchte ich nicht. Würde ich nach Russland wollen, wäre ich doch gegangen. Aber das möchte ich nicht. Die Ukraine ist meine Heimat, ich bin Ukrainerin.

Was gibt euch in so einer schweren Zeit die Kraft?

Moya Vera – mein Glaube. Der Glaube in mein Land. Der Glaube daran, dass das Gute gewinnt. Der Glaube in unsere Familie, in uns selbst.

Dieses Interview fand am 6. Juli 2022 im Rahmen der Gesprächsreihe „Information und Desinformation im Ukraine-Krieg“ statt. Studierende des Studienganges Crossmedia-Redaktion/Public Relations hatten die Gelegenheit, Fragen an die Gäste zu stellen. Dieses Gespräch wurde teilweise aus dem Russischen übersetzt.