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Kultur&Gesellschaft

Hip-Hop
Stuttgart – Immer noch Mekka für Rapper?

Alex alias "Sickless", bei einem Auftritt in Stuttgart. | Bild: Alex Föll

Hip-Hop Stuttgart – Immer noch Mekka für Rapper?

Alex alias "Sickless", bei einem Auftritt in Stuttgart. | Bild: Alex Föll
 

03 Dec 2021

Hip–Hop ist relevanter als je zuvor und aus unserer heutigen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Ende der 1990er hat Hip–Hop aus Stuttgart das Genre nachhaltig geprägt. Welche Rolle nimmt die ehemalige „Mutterstadt“ heute ein?

Karolina Bischoff

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021

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Acht Zeilen. Kein Beat. Einfach losrappen. So begann Alex Fölls Musikkarriere. Mit 16 Jahren meldete er sich in einem Hip-Hop-Forum an, bei dem man in Rap Battles gegen andere User antreten konnte. Dort fing er an, selbst geschriebene Texte ins Mikrofon zu rappen. Ursprünglich kommt Alex aus Aalen, genau wie der bekannte Rapper mit der Pandamaske – Cro. „Wir hatten 2013 unsere ersten Auftritte gemeinsam in Jugendhäusern“, erzählt Alex. Unter seinem Künstlernamen „Sickless“ beginnt er Musik zu veröffentlichen. Anschließend gründet er sein Label „wirscheißengold“ mit Sitz in Stuttgart. In genau dem Stuttgart, das lange als die Hip-Hop-Hochburg Deutschlands galt.

Weshalb Stuttgart?   

Stuttgart fiel nach dem zweiten Weltkrieg unter die amerikanische Besatzungszone. Anfang der 1990er gingen die Soldat*innen aus den umliegenden Kasernen in den Stuttgarter Clubs feiern und trugen dabei den amerikanischen Hip-Hop ins schwäbische Nachtleben. Alexander Scheffel, der als „5. Ton“ die Musik der Band Massive Töne produzierte, erzählt: Die Kessellage der Stadt habe Ballungsräume geschaffen, in denen sich die Musik schnell verbreiten konnte und Gleichgesinnte leicht zueinanderfanden. Dort wurden selbst gemachte Mixtapes ausgetauscht und auf Hip-Hop-Partys, den sogenannten „jams“, gemeinsam gerappt, gebreakdanced und Graffiti gesprayt.

Aus diesem Prozess gingen populäre Bands wie 1986 die Fantastischen Vier oder wenige Jahre später das Künstlerkollektiv Kolchose rund um Max Herre, Freundeskreis, Afrob und die Massiven Töne hervor. Mit dem neuen Sound und der dazugehörigen Hip-Hop-Kultur hat Stuttgart eine musikalische Vorreiterrolle eingenommen. Gründungen von Plattenläden oder Clubs wie dem legendären „0711“ hatten zur Folge, dass Fans aus der ganzen Nation in die schwäbische Landeshauptstadt pilgerten, erinnert sich Scheffel. 

Strukturen und schwäbische Mentalität

Viele bekannte Deutschrapkünstler des letzten Jahrzehnts stammen aus dem Stuttgarter Raum: Rin, Bausa oder Cro gehören zu den beliebtesten Interpreten, die man ganz oben auf den Streaming-Listen findet. Verwunderlich ist das nicht, erklärt Daniel Bausch, DJ und Betriebsleiter der Schräglage, einem Stuttgarter Hip-Hop Club. Durch den Erfolg während der „Goldenen Ära“ wurden Grundsteine gelegt und Strukturen geformt, von denen spätere Künstler wie Cro profitierten, meint Bausch. Aus diesen Strukturen entwuchs unter anderem eines der größten europäischen Hip-Hop-Festivals, das „Hip-Hop-Open“. Bis 2015 fand es auf dem Festgelände des Cannstatter Wasen statt. Hier trat 2014 auch Alex alias Sickless neben Acts wie Afrob und Kid Ink auf. 

Darüber hinaus ist Alex davon überzeugt, dass neben Talent und „zur rechten Zeit am richtigen Ort sein“ auch die schwäbische Mentalität in die Erfolgsformel mit hineinspielt: „Es ist viel DIY-Attitude. Das Motto „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ haben wir verinnerlicht.“

 

Im Mainstream angekommen

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Daniel erinnert sich: „Noch Ende der 1990er war es ganz selten, dass Hip-Hop überhaupt im Radio lief“. Damals wären kaum Hip-Hop-Künstler*innen in den Charts vertreten gewesen, Rap galt laut ihm, im Gegensatz zu heute, eher als „underground“. Dagegen sind im Jahr 2021 Songs von Deutschrapper*innen keine Seltenheit mehr. Mit seiner 2017 erschienen Single „Was du Liebe nennst“, hat der aus Bietigheim-Bissingen stammende Rapper Bausa es geschafft, als erster Deutschrapkünstler eine Diamant-Auszeichnung zu erhalten. Damit verbunden ist auch ein stetiger Wandel innerhalb der Musikszene. Sie sei inklusiver, diverser, aber dennoch massentauglich und kommerziell geworden. Gerade junge Künstler*innen seien offen gegenüber anderen Genres und experimentieren gerne mit neuen Einflüssen, so Alex.

 

Wie steht es heute um die Mutterstadt?

Heute kann Stuttgart im nationalen Vergleich trotz des Legendenstatus und Nummer-eins -Künstlern wie Cro oder Bausa nicht mehr mithalten. Berlin hat sich mittlerweile als deutsche Hip-Hop-Hochburg durchgesetzt. „Wenn man von der Musikindustrie spricht, dann meint man heute einfach Berlin“, bestätigt Alex. Auch er ist nach Berlin gezogen. Heute findet seine Arbeit vor allem hinter den Kulissen statt. 

Durch soziale Netzwerke wie TikTok, Spotify und Co. können Künstler*innen ihr Publikum direkt erreichen und ihre eigene Plattform aufbauen, erklärt Alex. Zwar würden Musiker*innen immer noch durch ihr soziales Umfeld und ihre Herkunft geprägt, aber sie seien heute im Vergleich zu früher weniger auf Standortvernetzungen oder Plattenlabels angewiesen. „Aus jedem Kaff und aus jeder Vorstadt können die Leute Musik machen.“

„Aus jedem Kaff und aus jeder Vorstadt können die Leute Musik machen.“ – Alex Föll

Stuttgarts Status als Hip-Hop-Hochburg liegt also in der Vergangenheit, doch junge kreative Künstler*innen aus dem Kessel werden weiterhin ihren Weg nach oben finden - nur sind sie nicht mehr so stark an ihren Herkunftsort gebunden, wie es noch vor ein paar Jahren der Fall war.