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"Kinder sind Kinder"

Sehbehinderte Kinder brauchen in der Schule oft mehr Unterstützung | Bild: Antonia Zwicker

Berufe "Kinder sind Kinder"

Sehbehinderte Kinder brauchen in der Schule oft mehr Unterstützung | Bild: Antonia Zwicker
 

30 Jun 2021

Ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kindergarten war ihr wohl zu gewöhnlich: Allie Schuster* hat sich dazu entschieden, ihr FSJ an einer Schule für Sehbehinderte zu machen. Dabei unterstützt sie hauptsächlich sehbehinderte Kinder beim Lernen.

Antonia Zwicker

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
Politik

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Welche Erlebnisse mit den Kindern sind am besten?

Einer der anderen FSJler lässt alles mit sich machen. Das nutzen die Kiddies natürlich voll aus. Manchmal machen die Sachen mit ihm, da bekomme ich mich nicht mehr ein wenn er zum Beispiel mal wieder von den Kiddies überrannt wird (lacht). Von mir wollen sie oft, dass ich sie auf einer Reifenschaukel anschucke, wir gehen nämlich oft zu einem Abenteuerspielplatz und ich kann scheinbar „am besten Achterbahn machen“.

Was ist denn „am besten Achterbahn machen“?

Man zieht den Reifen der Reifenschaukel nach oben und lässt ihn dann plötzlich runterfallen. Danach schwingt man sie wieder ganz nach oben und immer so weiter. Die Kiddies finden das mega geil, mein Körper findet es zum Schreien grässlich. Nach fünf Minuten tun mir schon die Arme weh. Vor allem die blinden Kiddies finden das super, weil sie dann nicht wissen, wann sie herunterfallen.

Und du darfst das dann sicherlich die ganze Freizeitgestaltung lang machen oder?

Wenn wir auf diesem Abenteuer sind, geht es alle 10 Sekunden „Können sie mir Achterbahn machen“, „Ich möchte gerne Achterbahn fahren“ oder „Die und die ist jetzt da und heute noch gar nicht Achterbahn gefahren“. 

Wie sieht dein typischer Tag aus?

Um viertel vor sieben beginnt meine Frühschicht. Ich beginne meist damit, dass mir zugewiesene Kind zu seinem Klassenzimmer zu bringen und gehe danach in eine andere Klasse. Dann fangen wir auch schon an Aufgaben zu machen. Nach der großen Pause, schaue ich welche Aufgaben die Kiddies erledigt haben. Wenn es zu wenig sind, muss ich ihnen noch Extraaufgaben geben. Wenn sie genug Aufgaben gemacht haben, dürfen sie machen was sie wollen, solange sie die anderen nicht stören. Je nach Wochentag ist die Schulzeit dann unterschiedlich lang. Wenn die Kiddies dann abgeholt wurden, gibt es danach noch Bürozeit. Für die bin ich in der Frühschicht aber nicht zuständig.

Also haben die Kinder gute Überredungskünste.

Naja, die probieren es halt solang, bis ich irgendwann keine Lust mehr habe.

In der Schule gibt es auch blinde Kinder. Musst du im Umgang mit ihnen auf viele Sachen oft besonders achten?

Nein, nicht wirklich. Die Klassenlehrerin kümmert sich darum, dass die Aufgaben so aufgeteilt sind, dass sie auch für die blinden Kiddies gut machbar sind. Natürlich sollen die anderen Kiddies auch nicht unterfordert werden. Aber das ist nicht oft ein Problem. Manchmal wird es mit der Freizeitgestaltung ein bisschen schwierig. Ich zeichne gerne und bringe dies auch gern dort mit ein. Das ist für die blinden Kiddies etwas schwierig, wenn sie das Papier nicht sehen.

Kinder stellen ja öfters mal recht interessante Fragen. Musstest du auch schon so eine beantworten?

Gute Frage. Ich weiß das gerade gar nicht so genau. Als wir einmal über Werkzeug gesprochen haben, wurde ich gefragt, warum ich mich mit Werkzeug auskenne. Ich hatte früher in der Schule Technikunterricht. Eines der Kiddies hat mitbekommen, dass ich eine Katze habe und hört jetzt nicht auf, mich über sie auszufragen. Nun muss ich ihr jeden Tag eine neue Katzengeschichte erzählen, obwohl mein Kater eigentlich nur zu Hause sitzt und schläft. Aber anderen FSJler wurden schon komische Fragen gestellt.

Welche zum Beispiel?

„Warum darf ich dir nicht zwischen die Beine treten?“ Daraufhin hat er mich nur hilfesuchend angeschaut. Manchmal kommt auch eins der Kiddies, wenn man gerade mit den Kollegen redet, an und fragt einfach so etwas wie „Warum sehen Bananen eigentlich so scheiße aus?“ Und du weißt nicht, ob du als erstes sagen sollst „Fluch nicht“ oder man nachfragen soll, wie es jetzt auf Bananen kommt, wenn es doch einen Apfel in der Hand hat.

Warum hast du dich dein deinem FSJ für eine Sehbehindertenschule entschieden?

Hauptsächlich, weil ich selbst eine Sehbeeinträchtigung habe. Ich kann zum Beispiel nicht räumlich sehen. Deshalb hat es mich interessiert, wie das für Leute ist die noch schlechter sehen.

Wie unterscheiden sich die blinden Kinder von den anderen?

Sie sind um einiges weniger anstrengend als der Rest.

Warum sind die anderen anstrengender?

Weil sie nicht auf mich hören, (lacht). Die behinderten Kinder wissen logischerweise, dass sie behindert sind. Dadurch sind sie auch ein bisschen abhängiger von einem, sie sind es gewohnt, dass ihnen geholfen wird. Das führt dazu, dass sie meistens eher auf einen hören. Im Gegensatz dazu haben wir auch zwei Zwölfjährige in einer der Klassen, die ich betreue, und die sind halt typische laute zwölfjährige Jungs. Das kann ganz schön anstrengend werden. Von der Persönlichkeit her gibt es aber eigentlich keine großen Unterschiede. Die blinden Kiddies können genau so frech sein.

 

Blinde Kiddies können genau so frech sein. – Allie*

Gibt es Situationen, die dich überfordern?

Generell ist das Arbeiten mit Kindern manchmal sehr anstrengend. Dies hat aber nicht speziell etwas damit zu tun, dass die Kinder blind sind. Kinder sind Kinder. Bei den blinden Kiddies muss man nur etwas weiter vorausdenken, man kann nicht einfach sagen „Dir ist langweilig? Mal kurz ein Mandala.“

Hast du denn ein Lieblingskind?

Ja, bei uns gibt es das natürlich auch. Sie macht keinen Radau und erledigt ruckzuck ihre Aufgaben.

Hattest du schon mal ein unangenehmes Erlebnis mit den Eltern eines Kindes?

Ein direktes unangenehmes Erlebnis hatte ich noch nicht. Generell gibt es aber immer mal wieder ein paar kleine Probleme mit Eltern. Das eine Kind kommt immer zu spät und den Vater interessiert es nicht. Während Corona müssen sich die Kiddies auch zwei Mal in der Woche testen. Allerdings haben wir da ein Kind, bei dem das nie funktioniert. Da ist es auch schon vorgekommen, dass sie drei Mal hintereinander mit dem falschen Testergebnis kommen. Wir müssen sie dann logischerweise wieder heimschicken. 

Also sind die Eltern manchmal anstrengender als die Kinder?

Es ist halt so, auch wenn die Kiddies manchmal nicht auf einen hören wollen, gehen sie oft Kompromisse ein oder man muss einfach kurz erwähnen, dass es Eis in der Gefriertruhe gibt. Aber die Eltern können solche Sturköpfe sein. Zum Beispiel sagen wir immer wieder, dass die Kiddies momentan eine Maske brauchen und doch kommen immer wieder welche ohne Maske zur Schule. Eins der Kinder zerreißt immer seine Maske und wir sagen der Mutter deshalb immer wieder, dass sie eine Ersatzmaske mitbringen muss, da unsere Masken nur für Pfleger und Lehrer sind. Das funktioniert aber nie. Dann geben wir ihm letztendlich doch eine Maske, wir wollen ihn ja auch nicht heimschicken. Also: Ja, die Eltern sind anstrengender als die Kinder, einfach weil sie nicht auf einen hören.

 

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.