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Wirtschaft&Forschung

Immer mehr Personen bestellen online, wollen es aber nicht zugeben.
Hat die steigende Tendenz zum Onlineshopping nicht auch gute Seiten?

MEINUNG
Die Anzahl der verschickten Päckchen steigt jedes Jahr. | Bild: Antonia Zwicker

Immer mehr Personen bestellen online, wollen es aber nicht zugeben. Hat die steigende Tendenz zum Onlineshopping nicht auch gute Seiten?

Die Anzahl der verschickten Päckchen steigt jedes Jahr. | Bild: Antonia Zwicker
 

16 May 2021

Wir alle tun es: Onlineshopping. Immer wieder wird reden wir darüber, wie schlecht es ist, im Internet einzukaufen. Doch bringt der Handel im Netz nicht auch einige Vorteile mit sich?

Antonia Zwicker

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020
Politik

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Und wieder einmal klingelt es an der Tür. Schon schlägt mein Hund Alarm. Dabei hat er sich mit der Postbotin in den letzten Wochen eigentlich recht gut angefreundet. Sie entspricht nämlich nicht dem Klischee der ängstlichen Paketlieferant*innen, die einem das Päckchen quasi entgegenwerfen, um schnell vor dem bellenden Vierbeiner zu flüchten. Meine Paketbotin hat selbst einen Hund. Wir haben uns ganz gut kennengelernt. Als ich mein Paket und Chico sein Leckerli entgegennehme, fällt mir auf, dass sie tatsächlich eine der Personen ist, die ich mittlerweile am häufigsten sehe. Dabei ist auch mir bewusst, dass Paketbot*innen nicht den besten Job haben. Immer wieder hört man, wie schlecht die Arbeitsbedingungen bei den verschiedenen Unternehmen sind . Doch das Warten auf Pakete ist bei mir mittlerweile zu einem Hobby geworden. Sobald etwas bestellt ist, wird der Liefertermin gecheckt und am angegebenen Datum stehe ich in den Startlöchern, um meine ersehnte Ware entgegenzunehmen. Ich frage mich daher, halb verteidigend, halb angriffslustig: Ist es denn wirklich so schlimm, dass der Onlinehandel immer mehr unseren lokalen Handel ablöst?

Alle beschweren sich darüber und tun’s am Ende dann doch.Lauthals wird sich darüber echauffiert, wie schlecht das Onlineshopping doch sei, und dass man unbedingt die lokalen Läden unterstützen müsse. Doch abends auf der Couch wird das nächste Buch dann doch noch schnell am Handy über die Amazon-App bestelt. Es ist bequem und schnell. Die 24/7-Verfügbarkeit ist einer der großen Vorteile des Onlinehandels.

Hinzu kommt, dass es im Internet viel einfacher ist, verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen. Dies bringt jedoch auch einen Nachteil mit sich:Online fällt die Kundenberatung oft sehr knapp aus oder komplett weg. Zwar findet man für viele Produkte Reviews, weiß oft aber nicht, wie vertrauenswürdig diese sind. Denn Empfehlungen auf Händlerseiten, in Blogs oder YouTube-Videos lassen sich leicht kaufen. Geht man einem gefälschten Review auf den Leim, kann das bei teuren Produkten, wie beispielsweise Laptops, sehr ärgerlich sein.

Anzahl der beförderten Pakete durch die Deutsche Post in Deutschland Anzahl der beförderten Pakete durch die Deutsche Post in Deutschland. | Bild: Antonia Zwicker

Einen weiteren Pluspunkt bekommt der Onlinehandel in Bezug auf die Preise. Wie oft bin ich schon in einen Laden gegangen, um mich über ein Produkt zu informieren, und habe dann unauffällig das Handy gezückt und nachgeschaut, wie viel es online kostet. Oft ist es dort tatsächlich günstiger, besonders auf der Seite des Herstellers, denn so umgeht man Zwischenhändler. Also ließ ich mich im Geschäft beraten und ging dann, nicht ohne schlechtes Gewissen, nach Hause, um das Produkt online zu bestellen.

Dieses Umgehen von Zwischenhändlern wird oft als Argument gegen den Onlinehandel verwendet. Denn auch sie sind Arbeitgeber, an denen verschiedene Jobs hängen. Jedoch bietet auch der Onlinehandel verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Würde er weiter ausgebaut werden, würde dies sogar noch mehr schaffen. In diesem Kontext muss aber auch angesprochen werden, dass die bisherigen Arbeitsbedingungen in diesem Bereich noch stark ausbaufähig sind. Der Online-Riese Amazon stand schon mehrfach in der Kritik für die harten Bedingungen, unter denen Paketfahrer*innen und Lagerist*innen arbeiten müssen. Überlastung, fehlende Pausen und Überwachung sind an der Tagesordnung. Hier müsste sich zum Beispiel in der Gesetzeslage noch etwas verändern. Zum Beispiel könnten Pausen im Arbeitsvertrag festgelegt und unbezahlte Überstunden, bei nicht erreichter Quote, untersagt werden. Zudem ist die Bezahlung vieler Arbeitskräfte im Onlinehandel mangelhaft. Ein Verbesserungsansatz dafür wäre, die Versandkosten zu erhöhen. Das würde auf jeden Fall mehr bringen, als dem*r Postbot*in an der Haustür jedes Mal zwei Euro in die Hand zu drücken. Dafür müsste dieses Geld dann jedoch auch bei der*m Paketzusteller*in ankommen.

Der Onlinehandel bietet zudem den Vorteil, dass es dort eine größere Auswahl gibt, als es im Laden überhaupt möglich wäre. Im Internet findet man alles. Egal, was das Herz begehrt, irgendwo gibt es eine Seite, die das Gewünschte bereithält. Und wenn nicht in Deutschland, dann nimmt man eben ein paar zusätzliche Versandkosten in Kauf und sucht auf internationaler Ebene. Ein Laden, der eine so extrem diverse und große Auswahl wie das Internet hat, wäre wahrscheinlich überhaupt nicht lukrativ, da einige Dinge nicht genug gefragt sind, um sie in einem Laden anzubieten. Sie würden nur Lagerplatz beanspruchen, da die Kundschaft, die an ihnen interessiert ist, aus den verschiedensten Ecken des Landes kommt. Viel besser ist es da, wenn der Händler diese Produkte einfach online anbietet und sie dann an die Kund*innen versendet. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass das ganze Versenden nicht gerade umweltfreundlich ist. Schließlich müssen Päckchen mit einem Auto an individuelle Adressen gefahren werden, was wiederum einen erhöhten CO2-Ausstoß verursacht. Wenn dieses Päckchen dann sogar noch aus dem Ausland importiert wird, kommt dazu noch eine Beförderung mit einem Flugzeug oder einem Containerschiff. Wird der Onlinehandel weiter ausgebaut, sollte auf umweltfreundlichere Logistik, wie beispielsweise den Elektrotransport gesetzt werden.

Ein großer Vorteil des Onlineshoppings, der vor allem durch Corona in den Vordergrund gerückt ist, ist das Vermeiden von Menschenmassen. Um etwas zu bestellen, muss man sich nicht in das Getümmel, in Einkaufszentren oder auf Einkaufsstraßen stürzen, es geht ganz einfach aus den eigenen vier Wänden. Dies ist in der momentanen Pandemie natürlich ein großer Vorteil. Viele versuchen, andere Menschen bewusst zu meiden und greifen für Bestellungen zu Laptop und Handy. Andererseits: Hätte die vor Corona in manchen Bereichen sogar noch als ein Nachteil zählen können? Wer ging früher nicht gerne ab und an mit Freunden shoppen. Gemütlich die Einkaufsstraße entlanglaufen oder durch das Einkaufszentrum streifen. Nebenbei etwas Window-Shopping betreiben und sich von seinen Freunden beraten lassen und zum Abschluss noch gemeinsam etwas essen gehen.

Oft wird das Argument, kleine Unternehmen unterstützen zu wollen, gegen den Onlinehandel angeführt. Viele kaufen daher in lokalen Geschäften oder Boutiquen ein. Dies geht aber auch online. Im Internet wimmelt es von kleinen Unternehmen oder Einzelpersonen, die ihre Produkte verkaufen wollen. Vor allem heutzutage, wo fast jede*r eine Webseite erstellen kann. Zudem gibt es Händlerseiten, die sich extra auf kleine Unternehmen spezialisiert haben. Zum Beispiel Etsy, eine Seite, auf der angemeldete User*innen ihre eigenen Produkte anbieten oder von anderen kaufen können. Das Angebot reicht von Klamotten bis zu Kunst und Dekoration. Seiten wie Etsy zeigen, dass man auch online kleine Unternehmen unterstützen kann und immer mehr Käufer dies auch tun.

Anzahl der aktiven Käufer auf Etsy Anzahl der aktiven Käufer auf Etsy. | Bild: Antonia Zwicker

Für viele zerstört der wachsende Onlinehandel die Innenstädte. Filialen von großen Ketten schließen und immer mehr Läden in den Innenstädten stehen leer. Der Onlinehandel scheint lokale Geschäfte zu vertreiben. Doch ist dies wirklich so schlimm? Es wird sich doch immer über den mangelnden Wohnraum in der Stadt beschwert, dieses Problem könnte behoben werden, wenn die früheren Läden zu neuem Wohnraum werden. In den nächsten Jahren wird das urbane Leben weiterhin vom wachsenden Onlinehandel beeinflusst. Dies muss allerdings nicht negativ sein. So zeigt die Industrie und Handelskammer der Region Stuttgart in ihrer Studie zur Studie zur City-Logistik neue interessante neue Möglichkeiten auf, die sich im Bereich es Onlinehandels ergeben. Ein Beispiel ist der „Multi-User Mikro-Hub“. Hierbei werden Pakete in ein regionales Verteilzentrum gebracht, von dem sie dann mit einer Kombination aus Lastenrädern und E-Kleinfahrzeugen verteilt werden. Dies würde zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Großstädten beitragen, da es zum Beispiel den Straßenverkehr entlasten würde.

Es sieht so aus, als würde der Onlinehandel in den nächsten Jahren nicht zurückgehen. Wäre es also nicht besser, ihn bewusst auszubauen, um ihn positiv zu verändern? Dann muss niemand mehr heimlich online bestellen und ich könnte meiner Paketbotin die Türe jede Woche mit gutem Gewissen öffnen. Wer weiß, vielleicht hört Chico dann sogar irgendwann auf, sie anzubellen.