Das Zeichnen ist das A und O im Automobildesign. | Bild: Tom Beyer

edit.Challenge Automobildesign
Der visionäre Architekt

Das Zeichnen ist das A und O im Automobildesign. | Bild: Tom Beyer

23 Jan 2020

Unter Design versteht man Vieles. Vom Nagelstudio bis zum Modedesign: Fast jeder Bereich wird durch die kreative Ader abgedeckt. Doch wie sieht es in der Automobilbranche aus und welche Arbeit und Herausforderung kommen mit dem Beruf? Ein Chefdesigner von Opel bietet Einblick.

 

Tom Beyer

Crossmedia-Redaktion-Public Relation
seit Sommersemester 2019
NaturwissenschaftenDesign

Zum Autorenprofil

Es ist ein sonniger Samstagmorgen und mein Protagonist sitzt schweigend am Tisch. Vor ihm eine frisch gebrühte Tasse Kaffee und das Aufnahmegerät. Langsam rührt er in der Tasse und fängt an, sich vorzustellen.

Kurt Beyer ist sein Name, geboren in Aachen und heute Chefdesigner beim Automobilkonzern Opel. Was für eine komische Idee, meinen Vater als Interviewpartner zu nehmen, jedoch ist es nahezu unmöglich, ein Interview mit einem Automobildesigner zu bekommen. Ich muss schmunzeln, während sich mein Papa weiter vorstellt. Damals hat er eine Berufsausbildung als Werbetechniker abgeschlossen und Industriedesign studiert. Seine Blicke schweifen durch das Zimmer. Er erläutert mir, dass er durch ein Praktikum bei Opel seine ersten Eindrücke in die Arbeitswelt im Automobildesign erhalten und auch seine Diplomarbeit im Opel Design Center geschrieben hat. Nach seinem Abschluss erhielt er ein Stipendium an der Eliteuniversität Royal College of Arts in London. Stolz zeigt er mir seine eingerahmte Urkunde des "Master of Transportation".

Lächelnd schaut er aus dem Fenster. Wahrscheinlich erinnert er sich an seine Zeit von damals. Warum hast du dich für das Automobildesign entschieden?" Mein Papa nimmt einen Schluck seines Kaffees. Seit der Grundschule war es klar, dass ich künstlerisch talentiert bin und das ist eine Investition, die sich immer lohnt. Man muss seine Affinität finden", erklärt er mir. Ich wollte irgendetwas mit Design machen. Alles, was mit Design zu tun hat, finde ich super toll. Durch das Praktikum bei Opel kam ich auf den Geschmack und ich wusste, dass der berufliche Weg in der Autoindustrie der erfolgreichste sein wird." Design ist seine Leidenschaft und ein Teil seines Lebens.

 

„Viele im Automobildesign sind Autofreaks. Ich bin kein Autofreak, sondern ein Designfreak." – Kurt Beyer, Chefdesigner Opel

Das Berufsbild des Designers habe sich extrem verändert, erklärt er mir. Damals war der Designer noch der Stylist für Zeichnungen. Heute ist er nicht nur hochtalentiert und professionell im Zeichnen, er muss auch verstehen, wie technische Dinge und Zusammenhänge funktionieren, da viel mit dem Engineering zusammengearbeitet wird. Nach dem vielen Reden über die Vergangenheit, kommen wir auf das Thema Konkurrenz und Veränderungen.

Wie sieht es denn mit dem Wettbewerb unter Designer aus?", frage ich ihn. Papa kratzt sich am Bart und zögert eine Weile. Der Wettbewerb ist immens groß. Es gibt viele Top-Designer, aber zu wenig Arbeitsplätze. Damals gab es nur einige Eliteuniversitäten, aber in der heutigen Zeit strömen so viele hochtalentierte Designer auf den Markt." Ich frage ihn nach einer Zahl. Bei vielleicht 700 Stellen gibt es bis zu 10.000 Bewerber", schätzt er, Wenn du jedoch einmal in einer Firma drin bist, beginnt der Wettbewerb erst richtig. Dort sind die Besten der Besten, mit denen du dich dann vergleichen musst. Das ist wie in der Bundesliga."

Ich schreibe mir ein paar Notizen auf und schaue auf meinen Block. Stress und Problematik lese ich auf dem weißen Blatt. Der Stress muss enorm sein bei einem so großem Wettbewerb", werfe ich in den Raum. Druck und Stress sind gewaltig, erstmal untereinander und dann die zeitlichen Rahmen", äußert sich der Mann, der zu Hause sonst so gelassen Fernsehen schaut. Er vergleicht es mit den 70er-Jahren, indem ein Designer in einer Woche eine Skizze gezeichnet hat. Dads Designer zeichnen im Durchschnitt fünf bis zehn Skizzen in einer Stunde. Das ist wichtig, weil heute schneller und effizienter gearbeitet wird. Die Anforderung, Dinge schnell auf den Markt zu bringen, ist sehr hoch und lastet auch auf dem Designer." Es sei ja nicht so, dass gerade bei Kreativität Dinge aus dem Mund oder dem Kopf sprudeln, kommentiert mein Vater lachend.

Er selbst ist Chefdesigner für vier Abteilungen und ist jeden Tag mit Stress konfrontiert. Die Last ist sehr hoch und man muss sich darauf einstellen. Sich selbst zu disziplinieren und förderliche Wege zu finden, ist der Key. Gesund leben, Sport und andere Aktivitäten nehmen mir den Druck vom Kessel." Das ist das Schattenleben des Automobildesigners und die Herausforderung, die man meistern muss. Obwohl viele Design-Kollegen von Burnout und Tinnitus betroffen sind, kenne ich ihn als meinen selbstbewussten und optimistischen Vater.

Während mein Papa erneut einen Schluck Kaffee trinkt, frage ich ihn, ob das Automobildesign genauso abgeschottet ist, wie ich es mir vorstelle. Topsecret, versichert er mir. Keine Skizze geht raus, ohne dass sie vom Top-Management abgenickt wurde. In das Design als Außenstehender hineinzukommen ist unmöglich: Nur die wenigsten Leute haben Zutritt. Dadurch wird die Sicherheit gewährleistet." Und wie finde ich als Journalist am besten Kontakt zum Automobildesign, hake ich nach. Messen und Medienveranstaltung, auch an Pressetagen oder in Hochschulen, ist die Antwort. Mein Vater  unterrichtet selber als Gastdozent in Mainz, was für ihn auch ein wichtiger Punkt in seiner Entwicklung sei. Dozent zu sein ist eine gute Abwechslung, vor allem mit der Arbeit in der Firma. Wissen und Erfahrung weiterzugeben, ist ebenso ein guter Bestandteil des Lebens".

Zum Schluss frage ich meinen Papa, ob er einige Tipps für interessierte Studenten hat, die auch in die Branche wollen. Ich merke, dass er sich über die Frage freut. Es ist wichtig, dass du einen Fuß in die Firma bekommst und einen Plan hast, wo du gerne hin möchtest. Man muss lernen, breitgefächert zu denken, think out of the box, und teste immer neue Dinge! Zudem geht es nicht nur um die Qualität, die du als Designer bringst, sondern auch, ob du in das Team passt. Softskills, Empathie und Toleranz spielen eine wichtige Rolle, da die Teams international aufgestellt sind. Schaff dir eine Basis und baue darauf auf." Die Automobilbranche hat sich extrem verändert, vor allem durch Technik, autonomes Fahren und der Umwelt. Und das hat auch Einfluss auf das Design. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Computergezeichnete Bilder und Skizzen sind die Zukunft des Automobildesigns. | Bild: Tom Beyer
Ein Vergleich zu blattgezeichneten Skizzen. | Bild: Tom Beyer
Der Opel Antara 2016, gezeichnet im Computerprogramm. | Bild: Tom Beyer
Der Opel Speedster 2001, skizziert auf dem Blatt. | Bild: Tom Beyer