Ein neuer Trend entwickelt sich: Mut zur Selbstliebe – was sind die Risiken des neuen Lifestyles? | Bild: Estella Solecki

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Selbstliebe oder Lebensgefahr?

Ein neuer Trend entwickelt sich: Mut zur Selbstliebe – was sind die Risiken des neuen Lifestyles? | Bild: Estella Solecki

31 Jan 2019

Ein definierter Bauch, schlanke Beine plus trainierter Po: die typischen Schönheitsideale. Wer identifiziert sich damit überhaupt noch? Plus Size Blogger vermitteln die Botschaft zur Selbstliebe, auch ohne Sport und gesunder Ernährung – vorbildlich oder verantwortungslos?

Sechs Mal die Woche zum Sport, Kalorien zählen, geplante Mahlzeiten und wenig Zeit für Freunde – so sah das Leben von Bloggerin Anne-Marie Berlin aus, bevor sie wieder zu sich selbst fand und lernte, sich mehr zu akzeptieren. Mit ihrem Blog „unboundedambition“ vermittelt die 25- Jährige ihren Lesern die Message „Glücklich sein kann jeder. Mit sich selbst. Mit allem.“ Gerade von Menschen mit einer Figur, die in der heutigen Gesellschaft eher als unästhetisch gilt, bekommt sie positive Rückmeldungen. Durch sie hätten viele den Mut, sich mehr auszuprobieren und auch mal Röcke anstatt die gewohnten Hosen zu kaufen, erzählt sie stolz.

„Früher war es Motivation zum Abnehmen und Diät machen. Heute ist es Motivation zum glücklicher sein.“ – Anne-Marie Berlin

Den Sport und das Kalorienzählen hat Anne-Marie aufgegeben, erlaubt sich abends wieder Kohlenhydrate wie Sushi und Pasta, außerdem verbringt sie mehr Zeit mit ihren Freunden. Den Anstoß für ihren Sinneswandel gab ein Praktikum, durch das sie weniger Zeit für Fitness hatte. Die Blicke ihrer neuen Kollegen, wenn ihr Teller in den Pausen leer blieb, brachten sie wieder dazu mehr zu essen. Am meisten hat sie aber zu Beginn ihres Studiums zugenommen. „Ich habe gemerkt, dass es gar nicht so wichtig ist, Kalorien zu zählen und immer zum Sport zu rennen“, erklärt sie.

„Ich zähle keine Kalorien mehr, wie man vielleicht erkennen kann – ist aber auch kein Problem.“ Anne-Marie Berlin | Bild: Estella Solecki

Aktuelle Zahlen zum Thema Übergewicht liefert der Gesundheitsbericht 2018 der Weltgesundheitsorganisation. Darin wurde veröffentlicht, dass jede zweite deutsche Frau übergewichtig ist. Die Männer schneiden mit 65 Prozent deutlich schlechter ab, jeder vierte Mann ist hierzulande fettleibig.

Allgemeinmediziner Karl-Albrecht Rapp erklärt, dass Übergewicht am Body-Maß-Index (BMI) bemessen wird. Dabei wird das Verhältnis zwischen Körpergewicht und Körpergröße ausgerechnet. Bei einem BMI zwischen 25 und 30 gilt man als übergewichtig, alles darüber fällt in den Bereich der Fettleibigkeit, auch Adipositas genannt. Ab einem Wert von 40 spricht man von massiver Adipositas. Die Folgeschäden von Übergewicht können sein: Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, durch die große Menge Fett im Organismus ist mehr Zucker und dafür wenig Insulin im Körper. Darüber hinaus droht die Gefahr von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkankungen: Der Bluthochdruck überbeansprucht wichtige Organe wie das Herz und diese altern dadurch schneller. Außerdem werden die Blutgefäße verengt, Blut und Sauerstoff kommen daher nicht mehr in ausreichenden Mengen zum Herz. Ein weiterer gesundheitlicher Schaden ist Arthrose, also Gelenkprobleme, denn durch das zusätzliche Gewicht müssten die Gelenke mehr tragen und würden sich so schneller abnutzen, fährt der Mediziner fort.

Die Entwicklung des Anteils der übergewichtigen Männer und Frauen in Deutschland von 2005 bis 2017. Quelle: Statista | Bild: Estella Solecki

Angaben zu ihrem aktuellen Gewicht möchte Anne-Marie nicht machen, sie erzählt lediglich, dass sie während ihres Praxissemesters zusätzlich zehn Kilogramm zugenommen hat. Die gesundheitlichen Auswirkungen davon merkt sie bereits beim Treppenlaufen: Ein Zeichen für sie abzunehmen. Es ist ihr wichtig, aus eigenem Willen etwas an ihrem Gewicht zu ändern, nicht weil ein anderer meint, sie sei zu dick. Einen Diätplan oder ein konkretes Sportprogramm stehen allerdings nicht auf der Agenda der Bloggerin. Das Abnehmen soll nebenbei geschehen, zum Beispiel durch weniger Süßigkeiten. Eine effektive Diät bestehe immer aus einem Zusammenspiel von Bewegung und Ernährung, also auch Kalorienreduktion. Natürlich könne man auch durch das Weglassen einiger Laster wie Fast Food oder Süßigkeiten sein Gewicht reduzieren, am erfolgreichsten sei Abnehmen aber im Zusammenhang mit Sport, meint der Arzt.

„Beim Treppensteigen schnaufste mehr. Wie wenn du jetzt Berge hochläufst.“ – Anne-Marie Berlin

Nicht nur in Deutschland wird der Trend zur Selbstliebe gefeiert. In den USA werden sogar Pole Dancing Kurse nur für Plus Size Frauen angeboten. Die Kursleiterin „Da Queen of Curves“ sprach in einem Interview mit 60 Second Docs darüber, wie sie Frauen dadurch beibringen möchte, sich selbst zu lieben und sexy zu finden, egal wie viel sie wiegen. Ein weiterer Aufruf zur Selbstliebe ist der Hashtag #fatfashion. Unter dem Hashtag brechen hauptsächlich Frauen die einstigen Fashion Tabus für dickere Menschen und zeigen sich dabei in Skinny Jeans, engen Kleidern und Bikinis.

Allgemeinmediziner Rapp blickt diesen Trends zwiegespalten entgegen: Es sei gut, den Menschen, die vielleicht nicht in das Schönheitsideal der heutigen Gesellschaft passen, Selbstliebe und Selbstwertgefühl zu vermitteln und ihnen zu zeigen, dass sie trotzdem tolle Menschen sein können. Andererseits sollte den Followern dadurch nicht die Motivation zum Sport und zur gesunden Ernährung verloren gehen. Sonst setzen sie sich gesundheitlichen Risiken aus.

So einfach kannst du deinen BMI-Wert ausrechnen:

Dein Körpergewicht in kg ÷ Deine Körpergröße in m ÷ Deine Körpergröße in m

Werteliste:

< 18: Untergewicht

18,5 - 24,5: Normalgewicht

25 - 30: Übergewicht

30 - 40: Fettleibigkeit

ab 40: massive Fettleibigkeit

Bei Kindern wird der BMI-Wert anders berechnet und auch zwischen Jungen und Mädchen unterschieden, da sich die Körperfettmasse unterschiedlich entwickelt.

Ab einem Alter von 65 wird der Bereich des Normalgewichts bei Männern auf 27 erhöht, bei Frauen sogar auf 29.