Inklusion 6 Minuten

Mit Schwung zurück ins Gleichgewicht

Drei Rollstuhlbasketballer*innen mitten im Spiel
Beim Training der Wheelers des MTV Stuttgart steht die Freude am gemeinsamen Sportmachen im Vordergrund. | Quelle: Natalia Schöberl
21. Mai 2026

Anfangen, anrollen, abwerfen. Und dabei die Balance behalten. Thomas hat genau das getan: Vor Kurzem hat er mit Rollstuhlbasketball bei den Wheelers des MTV Stuttgart angefangen. Im inklusiven Sport zählt jeder Punkt – jedoch nicht nur auf dem Spielfeld.

Mit dem Blick nach hinten gerichtet kurven die Rollstuhlbasketballer*innen des MTV Stuttgart rückwärts um gelbe Hütchen herum. Der Slalom wird bewältigt, indem abwechselnd das linke und rechte Rad angedreht wird, um so präzise Richtungswechsel zu vollführen. Gelächter erfüllt die Halle, während sich die Sportler*innen aufwärmen. Vor allem hört man, wie sie sich während des Parcours durchgehend anfeuern.

Thomas* ist einer von ihnen. Auch er fährt geübt um die Kurven, dabei hat er erst vor drei Wochen angefangen. Er erzählt, wie sich sein Leben mit geschädigtem Gleichgewichtsorgan gestaltet. Da es teilweise noch funktionsfähig ist, empfängt sein Gehirn ständig Fehlinformationen. Wenn er sich zum Beispiel nach hinten lehnt, wird seinem Gehirn signalisiert, dass er geradesteht. Er besitzt somit noch die Fähigkeit zu gehen, entscheidet sich jedoch oft, den Rollstuhl zu benutzen. „Die Leute gucken weniger, wenn man im Rollstuhl sitzt, als wenn man wie betrunken durch die Gegend torkelt“, sagt Thomas leicht schmunzelnd. Er erlitt 2020 einen Gehörsturz, der durch eine Infektion im Ohr ausgelöst wurde. Die ersten Jahre bewältigte er jedoch ohne Rollstuhl. 

„Die Leute gucken weniger, wenn man im Rollstuhl sitzt, als wenn man wie betrunken durch die Gegend torkelt.“
Thomas, Rollstuhlbasketballer beim MTV Stuttgart

Er erzählt, dass sich die Situation dann dieses Jahr verschlechtert habe – auch aus beruflichen Gründen. Thomas arbeitet momentan an der Universität an zeitlich begrenzten Forschungsprojekten. Der ständige Druck, neue Fördergelder zu beantragen, belaste ihn stark. „Das ist immer drei Jahre der Himmel und dann beginnt ab dem vierten Jahr die Hölle, weil man nach einem neuen Projekt suchen muss.“  Ein Arzt in Tübingen habe ihm bestätigt, dass sich der Stress negativ auf seine Gesundheit auswirke. Er vermutet, dass sich dadurch auch seine Gleichgewichtsstörung verschlechtert habe. Zudem seien im vergangenen Jahr Taubheitsgefühle in den Füßen hinzugekommen, deren Ursache bislang ungeklärt sei. 

Trotzdem gäbe es Tage, an denen er sich fühle, als könne er „Bäume ausreißen". Das sei total von der Tagesform abhängig. Der Rollstuhlbasketball helfe ihm dabei, die guten Tage zu bestärken und sich nicht zu bemitleiden: „Ich habe mir gesagt: mach jetzt nicht den armen, schwarzen Kater, sondern ich habe etwas gemacht, etwas angepackt.“

Ein später Start

Thomas fängt mit sechzig Jahren im Rollstuhlbasketball an. Obwohl das Training deutlich schwieriger ist als gedacht, betont er, dass es im Parasport keine schlechten Sportler*innen gäbe. Der Umgang sei anders als in unserer heutigen Ellenbogengesellschaft. Thomas ist es sehr wichtig sportlich aktiv zu sein, um Armmuskulatur zu entwickeln, seinen Körper intakt zu halten. Er hofft außerdem, dass sich seine Gleichgewichtsstörung durch den Sport verbessert. 

Wie funktioniert Rollstuhlbasketball?

Der Ursprung von Rollstuhlbasketball liegt im Jahr 1946. Professionelle US-Basketballer*innen wollten trotz schwerer Verletzungen aus dem zweiten Weltkrieg ihrem Sport nachgehen. Die Sportart wurde zusehend beliebter, weshalb Rollstuhlbasketball seit 1960 eine paralympische Sportart ist. 

Das Spielfeld und die Spielzeit sind gleich wie im Basketball. Bezüglich der Regeln gibt es wenige Anpassungen: der Ball darf hier mit beiden Händen aufgenommen werden, auf den Schoß gelegt und im Anschluss weitergedribbelt werden. Dabei darf man die Räder nur zweimal anschieben. 

Bei der Verteidigung gilt der Rollstuhl als Teil der Spielenden, entsprechend ist das Rempeln oder Wegdrücken des Gegners verboten. 

Quelle: Team Deutschland Paralympics, Sunrise Medical Blog

Im Training der Wheelers der Sportakademie MTV Stuttgart kann er sein Ziel verfolgen: Mit enormer Geschwindigkeit rasen die Rollstuhlbasketballer*innen auf den eigenen Korb zu, dabei schieben die Arme mit schnellen Bewegungen die schräg stehenden Räder an.

Mit dem Herzen bei der Sache

Im Rollstuhlbasketball verschwimmen Grenzen. Beim Training können alle mitmachen – unabhängig davon, ob mit oder ohne körperliche Beeinträchtigung. Mandy Pierer, Inklusionsmanagerin beim MTV Stuttgart, erlebt diesen Wandel täglich. Sie betont, dass Menschen heutzutage anders mit dem Thema Behinderung umgingen. Sie sähen sie eher als ein Vielfältigkeitsmerkmal und versuchten sich in die Lage der betroffenen Menschen zu versetzen. Pierer ist selbst Mutter eines Kindes, das bei den Wheelers mitspielt. 

„Zur gelungenen Inklusion braucht man auch exklusive Angebote. Wenn man mit Gleichgesinnten zusammen ist, wird man gemeinsam stärker. Für Situationen, in denen man ausgeschlossen wird.“
Mandy Pierer, Inklusionsmanagerin beim MTV Stuttgart

Sie erzählt: „Zur gelungenen Inklusion braucht man auch exklusive Angebote. Wenn man mit Gleichgesinnten zusammen ist, wird man gemeinsam stärker. Für Situationen, in denen man ausgeschlossen wird.“ Jeder Mensch würde inkludiert und gefördert werden. Das zähle für eine gerade erblindete Frau Mitte 40 genauso wie für einen Neunjährigen, der davon träume, in die Fußstapfen großer paralympischer Athlet*innen zu treten.

Mehr als nur ein Begriff

Das Projekt „Handicap-Schule“ des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands e.V. ist ein Ansatz, um Präsenz zu stärken und mithilfe von Schulbesuchen und Veranstaltungen Aufmerksamkeit auf Parasport zu lenken. Marie Schüler, Inklusionsbeauftragte des Verbands, sieht vor allem in der Wahrnehmung noch Herausforderungen. Sie erklärt, dass der Begriff Inklusion oft groß wirke, aber oft Klarheit darüber fehle, was er konkret bedeute.

Thomas fährt rückwärts und im Slalom um gelbe Hütchen herum
Thomas wärmt sich auf verschiedenste Art und Weise auf: Er dreht Kurven, wirft auf den Korb oder fährt rückwärts. | Quelle: Natalia Schöberl
Schlussszene
Nach dem Spiel gratuliert sich die Runde sportlich per Handschlag: das Spiel wurde nur knapp gewonnen. | Quelle: Natalia Schöberl
Alltagsrollstuhl an der Seite des Spielfelds
Bevor das Training startet, stellen die Parasportler*innen ihre Rollstühle für den alltäglichen Gebrauch an die Seite. Stattdessen werden Rollstühle genutzt, die schräg stehende Räder, Bügel und Stützräder haben. | Quelle: Natalia Schöberl
Die Spielenden rasen in einem bewegten Bild auf den Basketballkorb zu.
Die Rollstühle rasen beim Umschaltspiel auf den gegenüberliegenden Korb zu. Schnelligkeit ist hierbei der Schlüssel, um eine Chance auf den Korbwurf zu haben. | Quelle: Natalia Schöberl

Eine Studie, die sich mit den Paralympics befasst, zeigt: Über 60 Prozent der Bevölkerung sind der Meinung, dass die Paralympics zu einer besser gelebten Inklusion in der Gesellschaft beitragen.  Die Erfahrungen vieler Athlet*innen selbst fallen jedoch deutlich kritischer aus. Nur 42 Prozent sind der gleichen Ansicht.

Barrieren außerhalb des Spielfelds

Während auf dem Spielfeld vieles möglich erscheint, stoßen die Athlet*innen im Alltag oft auf Grenzen: Thomas sagt, dass es nach wie vor strukturelle Probleme gäbe. Einen zehn Zentimeter hohen Bordstein käme er mit dem Rollstuhl nicht hoch. Oftmals fehlen in öffentlichen Verkehrsmitteln die nötigen Vorkehrungen, um eine barrierefreie Reise zu ermöglichen. Thomas beschwert sich über kaputte Behindertentoiletten und Schwierigkeiten beim Einstieg. 

Mitspieler Henning Wendler, der als Fußgänger zum Rollstuhlbasketball gekommen ist, erklärt, dass oft das Problem in öffentlichen Strukturen nicht die mangelnde Einsicht, sondern die mangelnde Sichtbarkeit sei. Sein Eindruck: Würde das Wissen von Betroffenen stärker in den Planungsprozess einfließen, könnten viele Barrieren im Alltag vermieden werden. Die Paralympics schaffen genau diese Sichtbarkeit.

Paralympics sind jedoch nicht nur ein Weg, Parasport in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Dabei schwingt etwas ganz Persönliches mit. Das zeigt die Studie von Aktion Mensch: 71 Prozent der befragten paralympischen Athlet*innen gaben nach den Paralympics an, besser mit Barrieren im Alltag zurechtzukommen, 57 Prozent, ihre eigene Beeinträchtigung als Stärke anzusehen. Eine deutliche Mehrheit, 86 Prozent gaben an, mental widerstandsfähiger zu sein.

Das bringen die Spielenden gleich mit aufs Feld. Zurück in der lichtdurchtränkten Halle rollen die Wheelers über den Hallenboden in Richtung Korb. Die letzten Minuten des Trainings sind nervenaufreibend. Der Spielstand ist 16 zu 16. Immer wieder jagt der Ball in den Händen der Rollstuhlbasketballer*innen übers Spielfeld. Der entscheidende Treffer lässt nicht lange auf sich warten. Die lächelnden Gesichter von Thomas und seinen Mitspielenden zeigen: auf dem Spielfeld ist alles möglich – auf Augenhöhe.

*Der Nachname ist der Redaktion bekannt, der Protagonist möchte jedoch nicht, dass er genannt wird