Fasten 4 Minuten

Mehr als Verzicht – Was Fasten so kann

Frau auf leerem Teller, Küche im Hintergrund
Zwischen Küche, Uhr und leerem Teller zeigt Nadine, wie Fasten in ihren vollen Alltag passt. | Quelle: Lina Friesen; Nadine Thomainsky
01. Juni 2026

Fasten gilt in den sozialen Medien oft als Diättrend. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt etwas anderes: Ein Wechselspiel aus Körper, Psyche und Selbstwahrnehmung, das weit über Gewichtsverlust hinausgeht.

Nadine lächelt breit in die Kamera, während sie Magerquark, Joghurt und frische Beeren in eine Schüssel gibt. Die erste Mahlzeit nach einem Fastentag. Mit leuchtenden Augen fragt sie ihre Community, wie sie das Fasten erlebt hat. Für Nadine ist eine Sache klar: „Fasten ist keine Diät. Fasten ist wirklich ein gesunder Lifestyle for free.“ Auf ihrem Account @die.fastentante zeigt sie, wie sie das Fasten in den Alltag integriert.

„Fasten ist keine Diät. Fasten ist wirklich ein gesunder Lifestyle for free.“
Nadine, Fastenleiterin und Polizistin

Was Menschen zum Fasten motiviert, hat das NDR-Mitmachpanel NDRfragt im Februar 2026 untersucht. Befragt wurden ausschließlich Menschen mit eigener Fastenerfahrung.

Gesundheit schlägt Diät: Was Menschen wirklich zum Fasten bewegt. Nicht repräsentative, gewichtete Umfrage | Quelle: #NDRfragt | Grafik: Lina Friesen

Die Auswertung zeigt eine klare Tendenz: Für viele steht Gesundheit im Vordergrund.

Auch Nadine begann aus gesundheitlichen Gründen zu fasten. Sie kämpfte jahrelang mit Akne und einem Reizdarm, bis sie fast zufällig auf einen Artikel zum Thema Fasten stieß. Was sie las, klang verlockend: Fasten könne sich positiv auf die Haut und Gesundheit auswirken. Nach vergeblichen Versuchen, ihre Haut mit Cremes, Arztbesuchen oder Medikamenten in den Griff zu bekommen, war ihr erster Gedanke: „Was soll da passieren? Mehr als abbrechen kann ich nicht.“

Zehn Tage später stand sie vor dem Spiegel und traute ihren Augen nicht. Die Haut sah klarer aus, die Akne abgeklungen und die Reizdarm-Beschwerden, die sie jahrelang begleitet hatten, waren weg. Auch in den folgenden Jahren kamen sie nicht zurück. „Und es kann so einfach sein. Einfach durch Fasten?"

Trotz dieser positiven Erfahrungen ist bislang wissenschaftlich unklar, welche Effekte Fasten langfristig wirklich auf Haut, Verdauung und Gesundheit hat. Viele der Versprechen basieren eher auf Einzelfallberichten und kleinen Studien als auf gesicherten Belegen.

Nadines Entdeckung führte zu mehr Neugier. Sie kaufte sich Bücher, recherchierte und begann, ihre Erfahrungen auf Instagram zu teilen. „Ich war wirklich schockiert, was Fasten alles kann. Und noch schockierter, dass das eigentlich keiner erzählt.“

Es gibt viele Formen des Fastens, vier davon sind besonders verbreitet:

Von Heilfasten bis Basenfasten: Unterschiedliche Wege, bewusst auf Nahrung zu verzichten. | Quelle: DGE, „Heilfasten“; DGE, „Intervallfasten“; NDR, „Die Ernährungs-Docs – Saftfasten mit Gemüsesäften“; NDR, „Fasten: Diese Arten gibt es“ | Grafik: Lina Friesen

Welche Methode auch gewählt wird, die Prozesse im Körper ähneln sich, erklärt Ines Schauer, Allgemeinmedizinerin und Expertin fürs Fasten. Viele Fastende berichten von geistiger Wachheit, mehr Energie und Fokus. Diese Effekte seien biochemisch erklärbar, aber individuell sehr verschieden.

Ist das Fasten-Hoch wirklich real?

„Medizinisch gesehen ist Fasten Stress für den Körper“, erklärt Schauer. In den ersten zwölf bis 14 Stunden steigt das Cortisol, der Körper geht auf Alarm und sucht nach Energie. Gerade dieser Zustand könne Gefühle an die Oberfläche bringen, die im Alltag oft überdeckt werden. Nach etwa 24 Stunden kippe der Prozess, so Schauer: Der Cortisolspiegel sinkt wieder, die Aufmerksamkeit steigt. Der Körper greift nun auf Fettreserven zurück, dabei entstehen Ketonkörper — ein Energieträger, den Schauer mit besserem Fokus, mehr Wachheit und einer stimmungsaufhellenden Wirkung in Verbindung bringt. Daneben wird auch der BDNF ausgeschüttet, ein Wachstumsfaktor im Gehirn, der laut Schauer mit Lernprozessen, neuronaler Anpassung und mentalem Gleichgewicht zusammenhängt.

Was ist der BDNF?

BDNF steht für Brain-Derived Neurotrophic Factor. Das ist ein Botenstoff im Gehirn, der wichtig für Lernen, Gedächtnis und die Bildung neuer neuronaler Verbindungen ist. Er unterstützt die Neuroplastizität und kann dazu beitragen, dass wir uns konzentrierter, aufmerksamer und mental ausgeglichener fühlen.

Quelle: Dr. Ines Schauer

Gleichzeitig setzt nach 14 bis 16 Stunden auch die Autophagie ein, also ein Zellrecyclingprozess, bei dem der Körper beschädigte oder nicht mehr brauchbare Bestandteile abbaut und verwertet. Schauer versteht Fasten deshalb auch als bewussten Rückzug: „Es ist ein Prozess, bei dem man einfach mal in die Stille geht und merkt, was kommt da eigentlich hoch, wenn nichts mehr runtergeschluckt werden kann.”

Diese psychische Entlastung hat auch Nadine erlebt. In einer persönlich schwierigen Phase habe ihr das Fasten geholfen, aus einem mentalen Tief herauszukommen, erzählt sie. Sie fing an, ihre Erfahrungen auf Instagram zu teilen – zunächst nur für Freunde. Doch die Reaktionen überraschten sie: Viele interessierten sich, stellten Fragen, wollten mehr wissen. „Und dann habe ich aber schnell gemerkt, die meisten finden das cool, schaffen das aber irgendwie allein nicht.“ Aus einer persönlichen Erfahrung wurde eine Community, die zusammen fastet.

Fasten als Gemeinschaftsprojekt

Susanne Gottschalk, Fastenleiterin und Vorsitzende des Berufsverbands Fasten und Ernährung, leitet selbst Fastengruppen im Urlaub. Was viele Teilnehmende laut ihr zuerst suchen, ist kein Gewichtsverlust, sondern Abstand vom Alltag und den eigenen Gewohnheiten. Abnehmen sei meist nur ein Nebeneffekt. In ihren Gruppen sei Fasten für Anfänger*innen oft leichter als gedacht, weil gemeinsames Wandern, Bewegung und feste Rituale den Tag strukturieren. „Fasten ist immer ein Gruppeneffekt“, sagt sie.

Wer mit anderen fastet, profitiert aus ihrer Sicht nicht nur von Struktur und Begleitung: Viele Fastende kehren laut Gottschalk regelmäßig zurück, weil sie die Erfahrung als so positiv erleben. Nach der Fastenwoche würden viele sehr euphorisch und begeistert davon berichten.

„Fasten ist immer ein Gruppeneffekt.“
Susanne Gottschalk, Fastenleiterin und Vorstand Berufsverband Fasten und Ernährung

Unser Körper sei evolutionär auf Hungerphasen eingestellt und könne mit Nahrungslosigkeit umgehen, sagt Gottschalk. Eine Einschätzung, die auch Allgemeinmedizinerin Ines Schauer bestätigt: „Unser Körper ist eigentlich gar nicht dafür gemacht, immer Essen zur Verfügung zu haben."

Wichtig ist beiden aber auch die Grenze. Fasten sei kein Allheilmittel und nicht für jeden geeignet, betont Schauer: Schwangere, Stillende sowie Menschen mit chronischen Erkrankungen oder einer Essstörung sollten nicht fasten. Und wer es tut, sollte es nicht von heute auf morgen angehen. Ein paar Tage Schonkost vorher, salzarm essen, Kaffee weglassen und danach genauso behutsam wieder einsteigen.

Was passiert, wenn das misslingt, hat Nadine selbst erlebt: Eine Teilnehmerin einer Fastengruppe landete mit Gallensteinen im Krankenhaus, weil sie in den Aufbautagen komplett auf Fett verzichtet hatte. „Man kann da schon Fehler machen", sagt Nadine. Deshalb empfiehlt sie, zumindest beim ersten Mal nicht allein zu fasten.

Für Nadine ist Fasten nicht nur ein Ernährungskonzept, sondern Alltag. Es ist zugleich ein Beweis dafür, dass sie mehr schaffen kann, als sie sich anfangs selbst zugetraut hat: „Was kann ich denn noch alles schaffen in meinem Leben?“ Doch es ist für sie auch Arbeit. Als Fastenleiterin und Influencerin verdient sie daran Geld und profitiert von der Begeisterung, die viele in ihrer Community teilen. Fasten ist kein Versprechen, aber ein Experiment und eine Chance, eigene Grenzen zu testen.