Im Windschatten des Erfolgs

Jonas Klinke

Im Windschatten des Erfolgs

Jonas Klinke
29. Juni 2026

Wer es bis an die Weltspitze schaffen will, braucht mehr als nur Talent, Mut und die perfekte Technik, denn Skispringen ist kein reiner Einzelsport. Hinter jedem Athleten steht ein verborgenes Netzwerk, das darüber entscheidet, wer überhaupt eine Chance bekommt und wer sich dadurch entscheidende Vorteile sichern kann.

Am Schanzentisch entscheidet oft ein einziger Moment über Erfolg oder Misserfolg. Dahinter verbirgt sich jedoch ein ganzes Netzwerk, das den Springern ermöglicht, bei den Weltmeisterschaften oder Olympischen Winterspielen um Medaillen zu springen. Genau dieses Netzwerk entscheidet häufig darüber, wer den Weg an die Weltspitze überhaupt schafft. Wie eng sportlicher Erfolg mit solchen Strukturen und Beziehungen verbunden ist, zeigt die Laufbahn von Werner Schuster.

Seine größten Erfolge feierte der Österreicher zwar später als Trainer, doch schon als aktiver Skispringer bewegte er sich über Jahre hinweg im internationalen Leistungssport. Zwischen 1989 und 1995 sammelte er Erfahrungen im Weltcup und lernte die Strukturen des Spitzensports aus nächster Nähe kennen. Parallel zu seiner aktiven Laufbahn begann er ein Psychologie-Studium an der Universität Innsbruck. Dieses Wissen kam ihm später auch in seiner Arbeit als Trainer zugute.

Werner Schuster: Vom Springer zum Erfolgstrainer

Nach dem Ende seiner Karriere fand Schuster schließlich seine eigentliche Berufung: nicht mehr selbst springen, sondern andere auf ihrem Weg zum Spitzensport begleiten. Ab 1998 arbeitete er als Trainer am Skigymnasium Stams, einer der renommiertesten Ausbildungsstätten für Nachwuchssportler im Wintersport. Der Schritt auf die internationale Bühne folgte zur Saison 2007/08 als Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft. Bereits ein Jahr später übernahm Schuster als Nachfolger von Peter Rohwein das Amt des deutschen Bundestrainers.

Nach seiner Karriere als Bundestrainer arbeitet Werner Schuster (rechts) nun gemeinsam mit dem langjährigen Sportjournalist und Moderator Gerhard Leinauer bei Eurosport.

Eurosport / Max Merget

Nach seiner Karriere als Bundestrainer arbeitet Werner Schuster (rechts) nun gemeinsam mit dem langjährigen Sportjournalist und Moderator Gerhard Leinauer bei Eurosport.

Eurosport / Max Merget

Besonders die Zeit als Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft prägte Schusters Karriere. In dieser Rolle prägte er nicht nur die sportliche Entwicklung der Nationalmannschaft, sondern veränderte auch nachhaltig die organisatorischen Strukturen. Klare Zuständigkeiten, eine bessere Abstimmung zwischen Stützpunkten und Lehrgängen sowie mehr Kommunikation sollten eine stetige Entwicklung schaffen. Entscheidend war für Schuster dabei, dass sich nicht nur die Spitzensportler, sondern auch Trainer außerhalb der großen Leistungszentren als Teil eines gemeinsamen Systems verstehen. Schuster galt als wichtiger Impulsgeber im deutschen Skispringen. Unter seiner Leitung entwickelte sich die deutsche Nationalmannschaft wieder zu einer der führenden Nationen im internationalen Skispringen.

Im Laufe seiner Karriere trainierte Werner Schuster unter anderem auch Markus Eisenbichler und Martin Schmitt, mit denen er heute gemeinsam ein Expertenteam bei Eurosport bildet. | Quelle: eigene Erhebung, Grafik: Emily Madic

Ab der Saison 2009 feierten die deutschen Adler insgesamt zehn Weltcup-Gesamtsiege. Zu den größten Erfolgen seiner Amtszeit zählt außerdem der Olympiasieg von Andreas Wellinger bei den Winterspielen 2018. Schuster war insgesamt elf Jahre lang deutscher Bundestrainer und ist damit selbst zu einem wichtigen Akteur im Netzwerk des internationalen Skispringens geworden – geprägt durch seinen Heimatverein im Kleinwalsertal, ausgebildet am Skigymnasium Stams und später erfolgreich als Bundestrainer in Deutschland. Seit Sommer 2023 ist er erneut für den Deutschen Skiverband (DSV) tätig und widmet sich wieder verstärkt der Ausbildung des Nachwuchses.

Trainer als Vertrauensperson

Trainer sind allerdings weit mehr als nur die Personen, die die Skispringer auf Wettkämpfe vorbereiten. Sie stehen Athleten nicht nur mit fachlicher Expertise zur Seite, sondern übernehmen häufig auch die Rolle einer Vertrauensperson. Gerade in jungen Jahren sind diese engen Bindungen besonders wertvoll, wenn die Kinder zum ersten Mal mit dem Sport in Berührung kommen und die Grundpraktiken erlernen.

Wenn junge Skispringer dann vom Nachwuchssport in den Leistungssport aufsteigen, werden sie vom Vereinstrainer an den Verbandstrainer weitergegeben. „Enge Bindungen können diese Weitergabe erschweren. Einerseits will man seinen Vertrauensmenschen nicht verlieren, andererseits ist man hungrig auf neuen Input“, erklärt Werner Schuster. Ein Trainerwechsel ist jedoch notwendig, da Athleten so von der spezialisierten Ausbildung profitieren können

Wie wird man Bundestrainer?

Die Trainerausbildung in Deutschland ist hierarchisch aufgebaut. Bevor es an die Nationalmannschaft im World Cup geht, durchlaufen angehende Trainer verschiedene Stufen. Die C-Lizenz fokussiert sich auf Kinder und Jugendliche im Nachwuchssport. Die B-Lizenz vertieft diese Kompetenzen im Breitensport auf einer technischen und sportgesundheitlichen Ebene. Nach jahrelanger Erfahrung in den Nachwuchskadern kann dann die A-Lizenz erreicht und somit der Weg für eine Karriere bei landesweiten und bundesweiten Skiverbänden geebnet werden. Darüber hinaus können sich Trainer als Diplomtrainer weiterbilden oder ein weiteres Bachelor-Studium abschließen. Beide Fortbildungen können ausschließlich an der Trainerakademie Köln abgelegt werden.

DSV

Das Bedürfnis nach neuen Anreizen betrifft nicht nur Skispringer, sondern auch ihre Trainer. Im internationalen Skispringen ist es üblich, Nationalmannschaften anderer Länder zu betreuen. Die Trainerlandschaft wird dabei bereits seit Jahrzehnten vor allem von einer Nation dominiert: Auffallend viele Nationalmannschaften setzen auf österreichische Trainer. Auch Deutschland vertraute in den vergangenen Jahren mehrfach auf die österreichische Expertise wie beispielsweise mit Werner Schuster oder Stefan Horngacher. Letzterer trat kürzlich nach den Olympischen Winterspielen 2026 als Bundestrainer zurück. Am 1. April verkündete der DSV, dass auch sein Nachfolger, Andreas Mitter, ebenfalls ein Österreicher sein wird.

Unter den Trainern, die mehrere verschiedene Nationen trainiert haben, stechen durch ihren Erfolg insbesondere Heinz Kuttin, Hannu Lepistoe, Stefan Horngacher und Mika Kojonkoski heraus. | Quelle: eigene Erhebung, Grafik: Emily Madic

Der Erfolg der österreichischen Trainer basiert vor allem auf der langen Tradition des Skispringens sowie auf den idealen Ausbildungsmöglichkeiten des Landes. Ähnlich wie in Deutschland durchlaufen Trainer auch in Österreich mehrere Ausbildungsstufen. Laut Schuster werde das Wissen dort jedoch stärker gebündelt und innerhalb der Skisportschulen, wie dem Skigymnasium Stams, und somit innerhalb des Verbandes weitergegeben.

Kamil Stoch: Erfolg entsteht im Netzwerk

Der ehemalige polnische Skispringer Kamil Stoch des KS Eve-nemet Zakopane zählt zu den erfolgreichsten Athleten der vergangenen Jahre. Seinen endgültigen Durchbruch feierte er bei der Weltmeisterschaft 2013 mit dem Gewinn einer Goldmedaille. Ein Jahr später folgte der nächste Höhepunkt: Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi gewann Stoch sowohl auf der Normalschanze als auch auf der Großschanze Olympiagold und schrieb damit Skisprung-Geschichte. Auch bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang sicherte er sich erneut olympisches Gold sowie eine Bronzemedaille mit der Mannschaft. Insgesamt stehen 39 Weltcupsiege und mehrere Schanzenrekorde in seiner Karrierebilanz.

Mit einer Dauer von 22 Jahren war Stochs aktive Karriere außergewöhnlich lang. Eine Studie zur Karrieredauer von Skispringern im World Cup kommt zu dem Ergebnis, dass sich Karrieren in diesem Wettbewerb durchschnittlich nur über vier Saisons erstrecken. Athleten aus kleineren Skisprungnationen haben bessere Chancen auf eine langfristige Karriere, da der Konkurrenzdruck im Nachwuchsbereich geringer ist als in traditionellen Wintersportländern wie Norwegen oder Österreich

Kamil Stoch wurde in den erhobenen 25 Jahren von insgesamt fünf verschiedenen Trainern trainiert: Stefan Horngacher, Hannu Lepistoe, Michael Dolezal, Thomas Thurnbichler Lukasz Kruczek | Quelle: eigene Erhebung, Grafik: Emily Madic

Wie viele andere Skispringer besuchte auch er eine Sportschule und entwickelte sich über regionale Förderstrukturen bis an die Weltspitze. Seiner Heimat Zakopane blieb er dabei eng verbunden: Er gründete dort einen Skiclub zur Talentförderung, wo einst auch seine eigene Laufbahn begann. Auch im späteren Verlauf seiner Karriere zeigte sich, welche Bedeutung persönliche Beziehungen im Spitzensport haben. Sportjournalist Tobias Ruf beschreibt Stoch als „absoluten Top-Springer“, der „alles gewonnen habe“. 

Gleichzeitig zeigt sich an Stochs Beispiel, dass sportlicher Erfolg nicht allein von individueller Leistung abhängt, sondern auch von funktionierenden Beziehungen zwischen Athlet und Trainer. Die Zusammenarbeit mit Nationaltrainer Thomas Thurnbichler gestaltete sich zunehmend schwierig. Anstelle von Thurnbichlers vorgegebenen Trainingsplans setzte Stoch zudem parallel auf ein Individualtraining. Insbesondere diese Entscheidung soll innerhalb der Nationalmannschaft und vor allem zwischen ihm und Thurnbichler für Spannungen gesorgt haben. Als die Zusammenarbeit von Thurnbichler als polnischer Nationaltrainer 2025 vorzeitig beendet wurde, soll Stoch wieder auf die Unterstützung seines früheren Trainers gesetzt haben. Dieses Beispiel zeigt, wie entscheidend funktionierende zwischenmenschliche Beziehungen und Vertrauen auf höchstem Niveau bleiben.

Die Talentschmieden des Skispringens

Eine entscheidende Rolle für erfolgreiche Karrieren im Skispringen spielen außerdem Vereine, Verbände und Leistungsstützpunkte. Die ersten Berührungen mit dem Skispringen und der Vereinsstruktur machen Kinder häufig bereits im Alter von fünf Jahren. Die weitere Ausbildung erfolgt dann üblicherweise an Skigymnasien oder -internaten. Fallen die jungen Athleten dann bei Jugendwettkämpfen durch besondere Leistungen oder Entwicklungen auf, werden Verbände auf sie aufmerksam und übergeben sie an Leistungszentren und Stützpunkte. „Der Erstkontakt mit der Sportart und das Lernen der Grundtechnik sind entscheidend. Umlernen ist schwerer als Neulernen. Fehler, die man als 13-Jähriger gemacht hat, macht man mit 20 oft auch noch“, verrät Werner Schuster. Vereine übernehmen somit eine zentrale Rolle in der Grundausbildung junger Skispringer.

Gleichzeitig unterstützen sie den Nachwuchs häufig finanziell, etwa bei der Materialbeschaffung oder den Reisekosten für Wettkämpfe. Wie wichtig diese Förderung sein kann, zeigt eine Studie zum World Cup. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Athleten mit Zugang zu neuer Ausrüstung minimal bessere Leistungen erzielen als Sportler ohne diese Möglichkeiten. Im Skispringen entscheiden wenige Meter bereits über Sieg oder Niederlage, daher kann auch ein minimaler Vorsprung wie dieser den entscheidenden Unterschied machen.

Der richtige Verein kann für viele Skispringer somit den Weg bis an die Spitze des Sports ebnen. Durch eine Netzwerkanalyse lassen sich im internationalen Skispringen mehrere Talentschmieden identifizieren. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie überdurchschnittlich viele erfolgreiche Skispringer hervorgebracht haben. Der SC Oberstdorf gilt dabei als einer der traditionsreichsten und erfolgreichsten Vereine Deutschlands.

Ein möglicher Erklärungsansatz für den Erfolg bestimmter Vereine ist der Matthäus-Effekt. Dieser beschreibt, dass bereits erfolgreiche Akteure und Organisationen überproportional viel Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Dadurch können sie zusätzliche Ressourcen und Talente anziehen und ihren Vorsprung weiter ausbauen. Erfolg konzentriert sich somit häufig in bestimmten Vereinen, Regionen und Nationen.

Die Hot-Spots des Skispringens

Bei der Nachwuchsausbildung sticht besonders hervor, dass sich in den dominierenden Ländern beobachtbare Skisprung-Hot-Spots herausgebildet haben. Auch in Deutschland gibt es Regionen, aus denen besonders viele erfolgreiche Skispringer hervorgehen. Dominiert wird die deutsche Skisprunglandschaft durch Vereine aus dem Allgäu, dem Erzgebirge sowie aus dem Schwarzwald. Eine wichtige Rolle im Allgäu spielt beispielsweise der SC Oberstdorf aufgrund seines Stützpunktes. Namhafte Vertreter des Vereins sind Philipp Raimund und Karl Geiger. Die Skisprungszene im Schwarzwald wird von Sven Hannawalds Heimatverein SC Hinterzarten sowie durch Martin Schmitts SC Furtwangen repräsentiert. Aber auch das Erzgebirge nimmt eine entscheidende Rolle ein, so geht von dort vor allem die Skispringerfamilie Freitag, rund um Richard und Selina Freitag hervor.
 

Erfolgreiche Regionen wie Tirol in Österreich verfügen über eine gut ausgebaute Infrastruktur. In Tirol gibt es insgesamt 67 Skisprungschanzen, darunter auch die Bergiselschanze in Innsbruck. Dadurch ergeben sich deutliche Vorteile gegenüber Regionen mit kaum ausgeprägten Skisportmöglichkeiten, wie beispielsweise in Norddeutschland.

Tobias Ruf

Erfolgreiche Regionen wie Tirol in Österreich verfügen über eine gut ausgebaute Infrastruktur. In Tirol gibt es insgesamt 67 Skisprungschanzen, darunter auch die Bergiselschanze in Innsbruck. Dadurch ergeben sich deutliche Vorteile gegenüber Regionen mit kaum ausgeprägten Skisportmöglichkeiten, wie beispielsweise in Norddeutschland.

Tobias Ruf

Wintersportregionen und -nationen entwickeln außerdem oft sogenannte Cluster, in denen sich Wissen, Talent und Infrastruktur räumlich bündeln. Für das Skispringen bedeutet dies, dass diese Regionen nicht nur über gute Trainingsbedingungen verfügen, sondern auch von dichten Netzwerken, Wissensaustausch und Konkurrenz profitieren.

Die Bedeutung internationaler Netzwerke im Skispringen hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen. „Vor 30 Jahren war es noch eher typisch: Der springt typisch deutsch oder typisch österreichisch“, erinnert sich Schuster. Heute verbreitet sich sportliches Wissen weit über nationale Grenzen hinaus. Hinter jedem Sprung von der Schanze befindet sich daher nicht nur das Talent eines einzelnen Sportlers, sondern ein internationales Netzwerk aus Trainern, Vereinen, Verbänden und Nationen.

Woher kommen die Daten?

Für diesen Beitrag haben wir eine soziale Netzwerkanalyse zum internationalen Skispringen durchgeführt. Untersucht wurden die ersten 15 Ranglistenplätze der World Championships und der Olympischen Winterspiele über einen Zeitraum von 25 Jahren. Die Verbindungen zwischen diesen Wettkämpfen und den beteiligten Skispringern, Trainern, Vereinen und deren Regionen sowie Nationen sollen das Netzwerk hinter dem Sport sichtbar machen und somit Rückschlüsse auf sportliche Karrieren sowie die Entwicklung und Weitergabe von Wissen und sportlichen Erfolg ermöglichen.

Unsere Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Daten der FIS (Fédération Internationale de Ski), Wikipedia und den Websites der Vereine. Sämtliche verwendeten Daten sowie das methodische Vorgehen bei der Datenerhebung und -auswertung sind transparent auf GitHub dokumentiert und sind hier einsehbar.

Hinweis: Da sich die Netzwerkanalyse ausschließlich auf das männliche Skispringen fokussiert, wird in diesem Text das generische Maskulinum verwendet.