Tapas trifft Tailoring

Rebecca Dodaro

Tapas trifft Tailoring

Rebecca Dodaro

Nach ihrem Studium in England lebt Ella heute in Stuttgart, zwischen Praktikum und Neuanfang. Eine junge Modedesignerin am Anfang ihrer Karriere. Hinein in eine Branche, die von Kreativität lebt und Durchhaltevermögen fordert. Wie fühlt es sich an, fern der Heimat zu sein, mit großen Ideen im Kopf und der eigenen Zukunft noch im Zuschnitt?

Rebecca Dodaro

Nach ihrem Studium in England lebt Ella heute in Stuttgart, zwischen Praktikum und Neuanfang. Eine junge Modedesignerin am Anfang ihrer Karriere. Hinein in eine Branche, die von Kreativität lebt und Durchhaltevermögen fordert. Wie fühlt es sich an, fern der Heimat zu sein, mit großen Ideen im Kopf und der eigenen Zukunft noch im Zuschnitt?

Rebecca Dodaro

Stuttgart-West, ein später Nachmittag am Hölderlinplatz. Vor einem Café steht eine junge Frau mit einem knallroten Pappbecher in der Hand, als würde sie auf jemanden warten. Sie trägt Barrel Jeans, einen anthrazitfarbenen Mantel im Oversizelook, um den Hals ein bordeauxfarbenes Seidentuch von Gucci. Goldene Creolen schimmern im Licht. Ihr Stil wirkt chic und zugleich durchdacht. Selbst der Coffee to go könnte Teil eines Konzepts sein. Ella García de Lago Weldon ist 24 Jahre alt, Modedesignerin, aufgewachsen in Madrid. Erste Berufserfahrungen sammelte sie in Berlin und New York. Seit November lebt sie in Stuttgart. Nach ihrem Bachelorabschluss in Fashion Design Innovation an der University of Leeds wollte sie „etwas Neues wagen“, sagt sie. Sie spricht klar, sie weiß, wer sie ist, und das repräsentiert sie auch nach außen. Ein Spaziergang durch Stuttgart wird mit ihr zu einer kleinen Vermessung der Stadt, die noch nicht ganz ihre ist. 

Noch ist vieles neu. Zwei Tage nach ihrem Umzug begann sie ihr neunmonatiges, bezahltes Praktikum bei Hugo Boss in Metzingen. Die ersten Wochen beschreibt sie als anstrengend. Neuer Job, neue Stadt, das erste Mal in einer WG, ein durchgetakteter Alltag. Viel Zeit zum Innehalten blieb nicht. Ihr Tag beginnt um 06:30 Uhr. Mit dem Zug fährt sie morgens nach Metzingen zur Arbeit. Dann erstmal ankommen, mit der Chefin besprechen, was den Tag über ansteht. Zu Ellas Aufgaben als Concept Design Assistant gehört es zu recherchieren, Moodboards zu erstellen und Farbpaletten zusammen zu suchen. Mode sei Teamarbeit, sagt sie. Kreativität innerhalb klarer Strukturen. Abstimmungen, Präsentationen, Feedbackschleifen. Vielleicht, ergänzt sie, passe Stuttgart deshalb besser zu ihr, als sie zunächst dachte. Denn in Spanien geht es etwas entspannter zu. Die schwäbische Arbeitsmoral gibt Ella Struktur. Der größte Unterschied zu ihrer spanischen Heimat, abgesehen von der Kultur? „Die Regeln“, schmunzelt sie. Und wie selbstverständlich sie eingehalten werden. Die deutsche Pünktlichkeit. In Madrid sind Abende länger, spontaner. Hier beginne vieles auf die Minute genau und endet entsprechend. In Deutschland weiß sie aber vor allem die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte zu schätzen.

Mittlerweile hat sich Ella gut in Stuttgart eingelebt. In ihrer Fünfer-WG fühlt sie sich sehr wohl und schätzt besonders die vielfältigen Persönlichkeiten ihrer Mitbewohner*innen. In der heimischen Küche wird gerne mal zusammen gebacken oder gekocht.

Rebecca Dodaro

Mittlerweile hat sich Ella gut in Stuttgart eingelebt. In ihrer Fünfer-WG fühlt sie sich sehr wohl und schätzt besonders die vielfältigen Persönlichkeiten ihrer Mitbewohner*innen. In der heimischen Küche wird gerne mal zusammen gebacken oder gekocht.

Rebecca Dodaro

Doch wie sieht ihr Alltag neben der Arbeit in Stuttgart aus? Mit ihren Freunden trifft sich Ella gerne mal nach Feierabend in Bars rund um den Hans im Glück Brunnen. Sie geht regelmäßig aus. Um fit zu bleiben, geht sie außerdem täglich ins Fitnessstudio. Ab und an darf es auch mal After Work mit den Kolleg*innen sein. Und ein Stück spanisches Heimatgefühl genießt sie hin und wieder in ihrem Lieblingsrestaurant Jose y Josefina.

Ein Stück Heimat

Dieses Wochenende ist Regen gemeldet. Ella trifft sich mit ihrer Mitbewohnerin, um gemeinsam für das Abendessen einzukaufen. Treffpunkt ist die Stuttgarter Markthalle. Sie bleiben an einem Fischstand stehen. Wolfsbarsch, auf Eis gebettet, silbrig glänzend, zwei Stück, 35€. Es ist kein spontaner Kauf. Der Fisch erinnert sie an ein Gericht aus ihrer Heimat. Wenn zuhause Gäste kamen, bereitete ihre Mutter Alexandra, die aus London stammt Lubina a la Sal (dt. Wolfsbarsch in Salzkruste) zu. Ein Gericht, das in Spanien beinahe selbstverständlich ist. Schlicht, aber eindrucksvoll. Fisch, grobes Meersalz, Kartoffeln und Bohnen, mehr braucht es nicht. 

Daheim angekommen steht Ella am Abend in der Küche ihrer Wohngemeinschaft in Stuttgart-Mitte und bereitet das Essen zu. Zwanzig Minuten später duftet es bereits nach dem gegarten Fisch. Sie holt das Backblech aus dem Ofen, klopft mit einem Löffel gegen die harte Salzkruste. Das Salz bricht auf, darunter kommt der Wolfsbarsch zum Vorschein. Während sie die Haut vorsichtig abzieht, spricht sie über Spanien. Über lange Sonntage, an denen Familie und Freunde zusammenkamen. Über die Selbstverständlichkeit, dass immer ein Platz mehr am Tisch frei war. Ihre Mutter habe ihr nicht nur das Kochen beigebracht, sondern auch Haltung. Dinge mit Sorgfalt zu tun. Gastfreundschaft groß zu schreiben. Zeit miteinander nicht aufzuschieben. Das Gericht ist ein Stück Erinnerung.

Zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Limi hat Ella ihre Leibspeise angerichtet. Im gemütlichen Beisammensein wird gegessen und getrunken sowie die ein oder andere Anekdote erzählt.

Rebecca Dodaro

Zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Limi hat Ella ihre Leibspeise angerichtet. Im gemütlichen Beisammensein wird gegessen und getrunken sowie die ein oder andere Anekdote erzählt.

Rebecca Dodaro

Sonntagssiesta aber anders

In Stuttgart hingegen verlaufen Sonntage anders. Ruhiger. Geplanter. Die Geschäfte geschlossen, die Straßen leer. Regelmäßig telefoniert sie dann mit ihrer Mutter. Sie sprechen über Alltägliches, über die Arbeit, die Familie. „Sie ist meine größte Unterstützerin“, sagt Ella. Ihre Mutter hat sie immer ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Auch als klar wurde, dass ihre Tochter in der Modebranche Fuß fassen möchte. In einer Branche, die Durchhaltevermögen verlangt. Doch genau das bringt Ella mit. Mode war für sie nie nur Ästhetik, sondern Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Inspiriert wurde sie schon als Kind von ihrer spanischen Großmutter, die als Schmuckdesignerin selbstständig war. Ihre kreative Ader lebte Ella schon früh aus. Schon damals experimentierte sie mit den verschiedensten Materialien, kombinierte Stoffproben, Perlen und Fundstücke aus dem Haushalt zu ersten kleinen Objekten, die mehr Idee als Perfektion waren. Nach dem Schulabschluss studierte sie zunächst ein Jahr lang Fine Arts an der Loughborough University. Diese Erfahrung kam ihr später in ihrem Modedesignstudium und bei ihrer Abschlusskollektion zugute. Denn Croquis (minimalistische Skizzen) stellten für Ella kein Hindernis dar.

Ihre Heimat Madrid bleibt nicht nur in ihren Entwürfen präsent. Sondern auch in Sprachnachrichten ihrer besten Freundin Rocko, die selten unter einer Minute dauern, in Gruppenanrufen mit Freunden, die sich über mehrere Zeitzonen verteilen. Ihr Freundeskreis ist groß und überall auf der Welt verteilt, genauso wie ihre Familie. Einer ihrer Onkel lebt in New York, der andere in London, genauso wie ihr mittlerer Bruder. Ihre Eltern und der jüngste Bruder leben in Spanien. „Ich habe gelernt, Beziehungen zu pflegen, auch wenn man nicht im selben Land ist“, sagt sie. Auch während ihrer Studienzeit in England hatte sie nie Angst, etwas in der Heimat zu verpassen, da sie durch die regelmäßigen Telefonate oder Videoanrufe immer auf dem neuesten Stand war.

In ruhigen Momenten zieht sich Ella zurück. Mit konzentriertem Blick beginnt sie zu skizzieren, entwickelt Silhouetten, kombiniert Farben, verwirft und setzt neu an. Es sind diese Phasen, in denen ihre Ideen Form annehmen. Fern von Meetings und Deadlines, ganz bei sich.

Rebecca Dodaro

In ruhigen Momenten zieht sich Ella zurück. Mit konzentriertem Blick beginnt sie zu skizzieren, entwickelt Silhouetten, kombiniert Farben, verwirft und setzt neu an. Es sind diese Phasen, in denen ihre Ideen Form annehmen. Fern von Meetings und Deadlines, ganz bei sich.

Rebecca Dodaro

Temporal Fragmentation heißt Ellas Abschlusskollektion – eine Auseinandersetzung mit Wandel und Identität. Für die Kollektion wurde Ella als Nachwuchsdesignerin ausgezeichnet. 

Ella García de Lago Weldon

Temporal Fragmentation heißt Ellas Abschlusskollektion – eine Auseinandersetzung mit Wandel und Identität. Für die Kollektion wurde Ella als Nachwuchsdesignerin ausgezeichnet. 

Ella García de Lago Weldon

Der schwarze Zweiteiler The Evolving Suit steht exemplarisch für diese Idee: klassische Silhouette, seitlich akzentuiert durch zwei markante Knöpfe. Goldene Tropfenohrringe, ein farbiges Seidentuch und feine Armreifen setzen bewusste Kontraste. Ellas Vorliebe für luxuriöse Damenmode spiegelt sich auch in ihren Designs wider. Sie sollen Eleganz, Tiefe und Fantasie ausstrahlen, erklärt sie. Langfristig sieht sie sich in leitender Funktion als Creative Director oder Concept Designer, dem Bereich, in dem sie gerade bis Juli ihr Praktikum absolviert. Ihr Ziel ist es, mutige, kulturell relevante Werke zu schaffen, heißt es in ihrem Portfolio. Ihr Designprozess sei geprägt von einer globalen Perspektive, nicht zuletzt durch ihre spanischen Wurzeln väterlicherseits sowie die britischen und deutsch-jüdischen Wurzeln mütterlicherseits. Eine erste künstlerische Grundlage baute sich Ella nicht zuletzt durch ihr Vorstudium in Fine Arts auf, und einer tiefen Wertschätzung für Handwerk, Kultur und Individualität. In Leeds fertigte sie zum Studienabschluss ihre Abschlusskollektion Temporal Fragmentation – Finding the beauty in something broken für das spanische Modeunternehmen LOEWE an. Ihre Auslandserfahrungen haben sie als Person geprägt. Ihre Kollektion zeigt eine Mischung aus ihrem multikulturellen Hintergrund sowie die verschiedenen Einflüsse auf ihrer Reise in die Unabhängigkeit. Darin vereint sie ihre Herkunft Spanien und ihre erste Zeit fern von zuhause. Auch die Chancen, die sie auf ihrem Weg ergriffen hat – vom Praktikum in Berlin, dem Studium in England und die Arbeit in internationalen Teams – versteht sie heute als Bruchstellen, die sie verändert haben. Jeder Ortswechsel, jede neue Kultur habe ihre Perspektive verschoben, sagt sie. Nichts blieb unverändert.

Die Liebe zur Mode

Genau diese Erfahrung übersetzte sie in ihre Abschlusskollektion. Um zu zeigen, wie Identität durch äußere Einflüsse zerbricht, neu zusammengesetzt und weiterentwickelt wird, griff sie auf eine Metapher aus der japanischen Handwerkskunst zurück. Die Idee: im Gebrochenen nicht den Makel, sondern die Schönheit sichtbar zu machen. Risse werden nicht verborgen, sondern betont. Fragmente nicht versteckt, sondern bewusst inszeniert. Die Kollektion umfasst 24 Entwürfe für Damen- und Herrenmode. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, nicht allein wegen der handwerklichen Präzision, sondern wegen der konzeptionellen Klarheit. Die Designs übersetzen ihre persönliche Erfahrung sichtbar in Stoff. Klare Linien treffen auf fließende Materialien, strukturierte Silhouetten auf bewusst gesetzte Brüche. Einzelne Elemente wirken versetzt, neu zusammengesetzt. Fragmente, die erst im Zusammenspiel ein Ganzes ergeben. Es ist eine Ästhetik des Dazwischen. Damals bewegte sie sich zwischen Leeds und Madrid, zwischen beruflicher Disziplin und familiärer Wärme, zwischen Präzision und Leichtigkeit. Die Spannung dieser Gegensätze findet sich in jedem Entwurf wieder.

Die Lubina a la Sal ist längst aufgegessen. Draußen hat es aufgehört zu regnen. Erwachsenenwerden bedeutet für Ella nicht, sich zwischen zwei Welten zu entscheiden. Sondern diese miteinander zu verbinden. Und vielleicht ist Stuttgart gerade der richtige Ort dafür.

Die Autorin des Textes ist mit Ellas Mitbewohnerin, Sarah, befreundet. Der Kontakt zu Ella entstand dadurch bereits vor dem Schreiben der Reportage.