Ohne Foto kein Moment?
Ich war diesen Sommer in Hamburg. Schöne Stadt. Selbstverständlich hatte ich – ganz mustergültig als Tourist – eine Hafenrundfahrt gebucht. Bei Nacht über die Elbe. Während ich am Geländer des kleinen Schiffes lehnte und das Lichtermeer betrachtete, das sich glitzernd in der Elbe brach, fiel mein Blick auf ein kleines Fischerboot. Mit Lichterketten geschmückt, die sich wie glänzende Ranken um den Mast legten …
Kaum hatte ich es gesehen, kam das Bedürfnis in mir auf, dieses Bild festzuhalten. Also wanderte meine Hand in meine Handtasche, dort, wo sich eigentlich mein Handy befinden sollte. Tat es aber nicht. Ich wühlte mich durch Taschentücher, Autoschlüssel und eine durchaus beeindruckende Archäologie meiner letzten Kassenzettel-Ära und fand es schließlich. Schnell entsperrte ich die Kamera – doch genau in diesem Moment stellte sich ein anderer Tourist vor mich. Natürlich ebenfalls auf der Suche nach der bestmöglichen Position, um das Boot optimal in Szene zu setzen. Als ich endlich wieder freie Sicht hatte, glitt das Boot gerade elegant aus meinem Blickfeld.
„Schade“, dachte ich. Den Moment für das perfekte Foto hatte ich verpasst. Doch nicht nur das Foto. Ich hatte den Moment WIRKLICH verpasst. Ausgerechnet durch den Versuch, ihn festzuhalten. In meinem Kopf ertönte der altbekannte Klassiker meiner Eltern: „Wir haben einfach im Moment gelebt – ohne diese ganze Ablenkung. Heute fotografiert ihr ja sogar euer Frühstück von allen Seiten.“
Und ja. Ich verstehe den Gedanken. Irgendwie.
Warum tun wir das eigentlich – fotografieren?
Das Festhalten von Momenten scheint wohl immer schon ein zutiefst menschliches Bedürfnis gewesen zu sein. Schon die Realisten wollten Landschaften so realitätsgetreu wie möglich künstlerisch festhalten – wie ein Foto eben. Fotos sind die moderne Form desselben Wunsches: dem Vergänglichen etwas Dauerhaftes zu entreißen.
Nur: Unsere Fotos sind heutzutage nicht nur Erinnerungen. Sie sind, gerade im Kontext von Social Media, Kommunikationsmittel. Hätte ich das Fischerboot fotografiert und gepostet, hätten sich zahlreiche Menschen bei mir gemeldet, zu denen ich andernfalls vielleicht monatelang keinen Kontakt gehabt hätte. Ein Foto ist eben auch ein „Hallo, ich existiere noch“ - Signal.
In diesem Sinne dienen die unzähligen Fotos unserer Generation vor allem dazu, Momente mit denjenigen zu teilen, die uns gerade fehlen. Oder mit denjenigen, die wir einfach an unserem Leben teilhaben lassen wollen. Und ja, wenn ich mein Frühstück fotografiere, bekomme ich Selfies zurück. Oder eben Frühstücksbilder – naja eigentlich meist schon das Mittagessen – aber es geht ja hier ums Prinzip.
Der Fotowahn und seine Grenzen
Trotzdem konnte ich den Kommentar meiner Eltern gut verstehen, wenn ich an den regelrechten Fotowahn denke, der mir in Hamburg auf dem kleinen Boot begegnet ist. Da sprintete man wie hyperaktive Motivjäger von Backbord nach Steuerbord, mit dem Ziel, sein Motiv mit möglichst wenigen Handy-Displays der anderen einzufangen. Die Speicherstadt: „klick“. Die Elbphilharmonie: „klick“. Das eigene Spiegelbild im Fenster: aus Versehen auch „klick“.
Doch mal ehrlich: Wer schaut sich diese hundertfachen Doppelgänger-Motive später wirklich an? Unsere Fotogalerien sind zu kleinen Ramschläden mutiert – vollgestopft, unübersichtlich, aber irgendwie liebgewonnen.
Und trotzdem: Fotos verbinden
Wenn die Menschen von „damals“ sagen: „Wir haben mehr im Moment gelebt“, stimmt das vielleicht. Aber sie konnten ihre Erlebnisse auch nur mit denjenigen teilen, die gerade neben ihnen standen. Ein Moment blieb ein Moment – flüchtig, lokal, begrenzt auf die Anwesenden. Heute reicht ein Foto, um jemanden 700 Kilometer entfernt ins Boot – oder ans Frühstück – zu holen. Bilder ermöglichen Austausch, Nähe, Gesprächsanlässe. Und deswegen: Mein Frühstück fotografiere ich immer noch. Warum auch nicht? Am Ende hat die Welt zwar sicher nicht auf mein Brötchen gewartet – aber ist ja ganz lustig zu wissen, was bei anderen gerade zu Mittag gegessen wird…
Hinweis:
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Früher war alles besser … oder?“ Weitere Folgen der Kolumne sind:
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