We are family!

We are family!

Der bekannte Kultsong „We are family“ aus den 1970er Jahren geht mir nach den ersten paar Minuten in der „Storchenbäckerei Benhelm“ nicht mehr aus dem Kopf. 

Der bekannte Kultsong „We are family“ aus den 1970er Jahren geht mir nach den ersten paar Minuten in der „Storchenbäckerei Benhelm“ nicht mehr aus dem Kopf. 

Es scheint fast, als sei er eigens für diese Bäckerei geschrieben worden, so familiär ist die Atmosphäre hier vor Ort in Untertürkheim. 

Es scheint fast, als sei er eigens für diese Bäckerei geschrieben worden, so familiär ist die Atmosphäre hier vor Ort in Untertürkheim. 

Der Brezelofen piept. Kurze, durchdringende Töne, dem Sekundentakt folgend. Sofort eilt einer der Bäcker herbei, öffnet eine der vielen Metalltüren und bahnt den fertig gebackenen, goldbraunen Brezeln ihren Weg ins Freie. Eine Welle aus Hitze und Laugenduft mischt sich unter die sonst mehlig-staubige Luft der Backstube. Vom Gitter aus, auf dem die Brezeln gelandet sind, verfrachtet der Bäcker sie in eine Kiste. Dort warten sie darauf, sich in der Ladentheke ein paar Schritte aus der Backstube heraus präsentieren zu dürfen. 

Hinter der Theke steht Marion und reicht einem der Kunden gerade eine Tüte frischer Brötchen über die Ladentheke. Marion führt den Betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester Anette. Ihre Tochter arbeitet ebenfalls im Verkauf. 

Seit 1929 gibt es die Bäckerei schon. Bereits die vierte Generation siebt nun Mehl, füttert Sauerteig und entwickelt Rezepte. 

„Ich bin hier aufgewachsen“, erzählt Marion. „Früher habe ich immer gesagt: ‚Ich gehe jetzt ins Wohnzimmer!‘, wenn ich den ‚Vesperraum‘ der Bäckerei betreten habe“, erinnert sie sich lachend. Das habe sich bis heute nicht geändert, ebenso wie viele der Rezepte. So seien die meisten der Rezepte seit über 90 Jahren dieselben geblieben. Warum auch etwas ändern, wenn es gut funktioniert? Zu einem guten Brot gehören Marion zufolge nämlich lediglich ein guter Sauerteig, gutes Mehl und eine lange Teigführung. „Wir haben keine kleinen Säckchen, die wir hier und da hinzukippen. Alles wird selbst gebacken“, betont sie. Das sogenannte „Besser-Brot“ habe bereits ihr Vater in seiner Bäcker-Lehre damals gebacken. Als Seniorchef werde er auch heute noch stets um Rat gefragt, sollte mal etwas mit dem Teig nicht stimmen oder einer der Öfen nicht das tun, was er soll. „Meine Mutter kümmert sich um die Buchhaltung – so sind die Aufgaben perfekt verteilt!“, erklärt Marion. Das Schönste seien für sie die glücklichen Kunden. 

„Ich bin stolz, gute Backwaren verkaufen zu können. Und natürlich freue ich mich am Nachmittag auch über eine leere Theke“, fügt sie lachend hinzu.

„Ich bin stolz, gute Backwaren verkaufen zu können. Und natürlich freue ich mich am Nachmittag auch über eine leere Theke“, fügt sie lachend hinzu.

„Ein ganz ganz herzliches Willkommen in unserer Bäckerei, ich freue mich ja so, dass du hier bist!“ Anette erscheint wie ein Wirbelwind in der Backstube. Kurze, blau gefärbte Haare, Teig an den Händen und ein strahlendes Lächeln im Gesicht, schließt sie mich herzlich in ihre Arme.

Als Konditorin ist sie für die süßen Backwaren verantwortlich. Von „süßen Stücklen“ über klassische Käsekuchen bis hin zu aufwendigen Hochzeitstorten, deren Zubereitung auch mal mehrere Tage in Anspruch nehmen kann, backt und dekoriert sie leidenschaftlich. So hat sie bereits einen Käsekuchen für den Daimler-Vorstand gebacken, was stolz auf der Website der Bäckerei Benhelm präsentiert wird.

Wann wir denn mit dem Interview fertig seien, will sie wissen, denn sie kann es kaum erwarten, mich durch ihre Backstube zu führen. Nachdem sie sichergestellt hat, dass ich sofort nach dem Interview zu ihr kommen würde, widmete sie sich wieder der Dekoration ihrer Plätzchen, die bald in den Ofen kommen sollten. Am gegenüberliegenden Ende des großen Holztisches, der die gesamte Mitte des Backraumes einnimmt, steht ihr Sohn und knetet bereits den nächsten Brotteig. Ich traue mich fast gar nicht, Anette bei ihrer Arbeit zu stören, doch sie freut sich über meine Fragen und führt mich sofort um die Ecke in ihre Backstube.

Natürlich erst, nachdem die Plätzchen fertig dekoriert worden sind.

Natürlich erst, nachdem die Plätzchen fertig dekoriert worden sind.

„Ach, ich habe doch Zeit“, versichert Anette. „Das Schöne ist ja, dass meine Bäcker mir helfen, sollte es zeitlich mal etwas eng werden. Wenn ich das sehe, bekomme ich immer wieder gute Laune“, erzählt sie lächelnd. Auf der Holzablage über dem Ofen neben ihr stehen zwei Käsekuchen, so frisch, dass sie noch Wärme abgeben. Einer der beiden ist noch nicht einmal aus der Form herausgelöst worden. Sie tauchen die Backstube in einen süßlichen, vanilligen Duft mit einer leichten Zitronennote. Gerne gibt Anette mir einige Tipps für einen gelingsicheren Käsekuchen– sogar das Rezept legt sie offen. Die gesamte Wand hinter den beiden Kuchen ist übersät mit handschriftlichen Kuchen-Rezepten und...

...Kühen?!

...Kühen?!

„Ich liebe Kühe! Einmal war ich schlecht drauf, hatte sehr viel zu tun und als ich dann eines Morgens in die Bäckerei gekommen bin, hatte meine Freundin die ganze Wand über Nacht mit Kühen tapeziert! Hier kann man einfach nicht lange schlecht gelaunt sein!“, freut sich Anette. Als Konditorin müsse man vor allem kreativ sein und gerne backen. Denn gerade vor Weihnachten, Ostern oder Muttertag verwandle sich ein Acht-Stunden-Tag schnell in zehn oder mehr Stunden. Doch dieser Tatsache räumt Anette gar nicht viel Zeit ein. „Man weiß das ja und kann sich dann darauf einstellen. Dann ist auch das kein Problem“, berichtet sie, die Ruhe selbst. Viel lieber spricht sie über ihre vielen gestalterischen Freiheiten als Konditorin. „Ich könnte jeden Tag eine Torte anders garnieren. Da habe ich so viel Freiraum und Fantasie mittlerweile.“ Auch, wenn das viel Flexibilität von Seiten ihrer Mitarbeiter erfordere, wie sie mit einem verschmitzten Grinsen erzählt. „Ich probiere einfach immer gerne etwas Neues aus!“ Am liebsten backt sie Spezialböden – und die dazu passende Torte. Momentan gibt sie ihre Leidenschaft für die Konditorei und ihr Wissen über das Konditor-Handwerk an einen Auszubildenden weiter. Auch einer ihrer beiden Söhne ist gelernter Konditor und hilft öfter mal aus. „Wenn er Lust dazu hat!“, kommt ein frecher Kommentar seines Bruders aus dem großen Backraum nebenan. Eben noch am Teig knetend, widmet er sich nun der Pfanne voll angerösteter Karotten, die er auf dem kleinen Herd in der Backstube deponiert hatte. Anette lacht nur liebevoll und begutachtet stolz seine Arbeit.

Ebenso stolz ist ihr Blick, als sie erzählt, dass eine der Verkäuferinnen bereits seit der fünften Klasse ihre beste Freundin sei. „Und unsere Samstagsverkäuferin hat mit 14 Jahren hier angefangen. Das sind nun über 30 Jahre bei uns in der Bäckerei!“, bewundert Anette. Für sie ist das der Inbegriff von Dankbarkeit. 

Wie steht es um Anettes Backstube und Marions Wohnzimmer?

Doch so warm die Atmosphäre im Betrieb auch ist, die besten Zeiten seien vorbei. So zumindest formuliert es Marion. „Das Bäckersterben ist leider voll im Trend“, seufzt Marion. Laut den Ergebnissen des „Bäckerei-Monitors Deutschland 2025“ ist die Zahl der Betriebe im klassischen Bäckerhandwerk in Deutschland in den letzten 10 Jahren um 30 Prozent gesunken. Großbetriebe hatten im selben Zeitraum einen Zuwachs von 18 Prozent zu verzeichnen. Für Marion ist klar, dass nur die Familie den Betrieb weiterführen kann. „Ob wir fortbestehen können, liegt ganz in den Händen der jüngeren Generation.“ Damit meint sie jedoch nicht nur ihre Kinder oder die ihrer Schwester. Auch die Kundschaft müsse bestehen bleiben. Der Standort des Daimler-Werks nebenan sei lange Zeit ein Garant für Kundschaft gewesen. Nun breche in Zeiten des Homeoffice ein großer Kundenstamm weg. Auch sei der Einkauf der Zutaten teurer geworden. „Gerade um die Weihnachtszeit haben viele unserer Kunden selbst gebacken – und haben dabei mit Erschrecken feststellen müssen, wie teuer Milch, Butter, Öl und andere Produkte geworden sind. Das war gut für uns, denn jetzt verstehen sie unsere Preise“, erklärt Marion. Die Bäckerei versuche, sich an die Kundenwünsche anzupassen. „Vollkorn zum Beispiel ist gerade voll im Trend. Die meisten Kunden wollen zudem helles Brot – dann verändern wir unser Sortiment einfach entsprechend.“ Es komme vor, dass nicht jeden Tag die gleichen Backwaren verkauft werden können, denn einige Teige gehen bis zu 60 Stunden. So zum Beispiel das gleichnamige „60-Stunden-Brot“. Das störe die Kunden jedoch nicht, denn neben Muffins, Croissants und weiteren süßen Versuchungen ist die Auslage üppig mit anderen frisch gebackenen Broten bestückt.

Als ich die Bäckerei verlasse, drückt man mir ein Care-Paket in die Hand. Süßes Gebäck, Brezeln, Brötchen – alles noch warm. Auch am nächsten Morgen schmecken die Brötchen tatsächlich noch wie frisch aus dem Ofen. Die Kruste knuspert, die Krume ist weich.

Vielleicht liegt es an der langen Teigführung. Vielleicht am Sauerteig, der seit Jahrzehnten weitergeführt wird. Vielleicht aber auch an etwas, das man nicht in Rezepten festhalten kann. „We are family!“, klingt der Refrain wieder in meinem Kopf, während ich in das Brötchen hineinbeiße.