„So far from home for a stranger to call me darling. And have your guarded heart be lifted like a child up by the hand”
In jeder Ecke der Welt, ein Stück Familie
Es ist 4:43 Uhr am Morgen oder, wie man hier sagen würde, „the crack of dawn“. Ich stehe in einer kleinen, schottischen Hostelküche, die sich inzwischen schneller dreht, als es eine durchschnittliche Hostelküche meiner Erfahrungen nach tun sollte. Auch der Boden hat in der letzten Stunde erstaunlich viele Unebenheiten dazugewonnen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, habe ich eine richtig tolle Zeit. Woran das liegt? Wahrscheinlich an dieser perfekt chaotischen Mischung aus lustigen Menschen, vier Flaschen polnischem Wodka und zwei schottischen Männern, die mit einer Gitarre und ihren Gesangskünsten zuverlässig jeden Versuch sabotieren, nicht zu tanzen.
Man könnte sich fragen, wie ich in meinem durchaus angeschlagenen Zustand überhaupt weiß, dass die beiden Schotten sind. Die Antwort ist recht simpel: Der eine trägt einen Kilt, und der andere steckt in einem Ganzkörperkostüm von Nessie. Und da ich weiß, was ihr gerade denkt: Ja, die Nessie! Das Monster, das angeblich im Loch Ness wohnt, dem See in den schottischen Highlands, direkt neben unserem Hostel.
Heimat weit weg von zu Hause
Und so tanze ich, irgendwo zwischen schottischer Mythologie, deutscher Tanzeuphorie und polnischem Kartoffelschnaps, in einem Hostel zwischen Fremden. Ich fühle mich wie in die Wärme eines Sonntagnachmittags gewickelt – mit keiner einzigen Sorge in Sicht – so vertraut, dass selbst der Gedanke ans Weiterreisen ein bisschen unhöflich wirkt. Vielleicht trifft mich deswegen die Liedzeile aus Hoziers Song „Butchered Tongue“ immer wieder ins Herz. Er schreibt:
Ein Zuhause aus flüchtigen Begegnungen
Während die Musik zum Höhepunkt kommt und ich mich mit einer neuentdeckten Freude für schottischen Volkstanz in die nächste Drehung des Ceilidh schmeiße, drängt sich mir eine Erkenntnis auf: In diesem Hostel, umgeben von Fremden, habe ich ein Gefühl der Zugehörigkeit gefunden, das ich zu Hause nur selten erlebe. Ich fühle mich schwerelos und frei. Es ist aber wohl nicht der Wodka, der mich trägt, sondern dieses seltene Gefühl, nichts erklären zu müssen. Einfach reinzupassen. Beim Reisen kennt niemand meine Geschichte. Man beeindruckt nicht mit dem, was man war, sondern mit dem, wer man ist. Und ist das nicht der Grund, warum ich auf Reisen gegangen bin? Abseits von den Postkartenmotiven, die jeden Tag meinen Handyspeicherplatz an seine Grenzen treiben, treffe ich an den unwahrscheinlichsten Orten auf Menschen, die in Lichtgeschwindigkeit zu Familie werden. Ich bin eigentlich so weit weg von zu Hause, dass mich hier niemand „Darling“ nennen dürfte – und doch begegnen mir überall diese leisen Gesten der Nähe.
Call me Darling
Es sind die kleinen Momente, in denen ich die tiefere Bedeutung hinter Hoziers Song spüre. Fremde auf Zugfahrten reichen mir eine Tasse Tee. Menschen, die ich kaum kenne, schenken mir mütterliche Wärme. Hozier singt: „In some town that just means „home“ to them“, und plötzlich finde ich in einem Hostel irgendwo im Nirgendwo ein zu Hause. Jemand spielt mein Lieblingslied auf der Gitarre. Aus Fremden werden Schwestern, Brüder, Eltern. Eine kleine, provisorische Familie, die nur für ein paar Tage existiert und sich dennoch echter anfühlt als alles, was ich zu Hause zurückgelassen habe. Vielleicht ist das der Kern des Reisens: zu begreifen, dass Heimat kein Ort ist, sondern ein Gefühl. Eins, das überall entstehen kann, wenn Menschen einander mit Offenheit begegnen. Und so schwanke ich, begleitet vom schief-schönen Gesang eines Mannes im Nessie-Kostüm, mit meiner neuen Familie in einen schottischen Morgen. Jemand nimmt meine Hand und sagt: „Let’s dance, darling“.
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind:
Morgen ist auch nur ein neues Jetzt
Was wir von Bäumen lernen können