Mit offenen Augen 2 Minuten

Zweite Runde für Straßenfunde

Fundstücke am Straßenrand. Dinge verschenken.
In Stuttgart gibt man alten Dingen eine zweite Chance. | Quelle: Emilia Licht
13. Jan. 2026

Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, erscheint Kleines viel bedeutsamer. In dieser Kolumne geht es um kleine Dinge, die uns dazu bringen, uns mit den ganz großen Fragen zu beschäftigen – oder einfach mit uns selbst und unserem Leben. Diesmal: Schätze am Straßenrand, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Zu Hause horte ich Dinge, die ich eigentlich nicht mehr brauche. Bücher, die ich nie zu Ende gelesen habe. Hässliche Kissenbezüge, die ich aus irgendeinem Grund mal schön fand. Hosen, die ich mir kaufe und dann feststelle, dass sie bei meinen langen Beinen doch wieder einen Tick zu kurz sind. Eigentlich könnte man das alles mal weggeben. Dinge, die mir nichts mehr bedeuten, aber für jemand anderen noch Wert haben könnten.

In Stuttgart macht man das. Eine Stadt, die in einer Art Türschatzökonomie funktioniert. Man legt Überbleibsel des eigenen Konsumwahns einfach vor die Haustür und hofft, dass sie ein neues Zuhause finden. So nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Ehrlich gesagt, war ich lange skeptisch. Denn natürlich gibt es sie: Diese Matratzen, die aussehen, als hätten sie drei Jahrzehnte lang jede Körperflüssigkeit Europas gesammelt. Kaffeemaschinen, die mehr Kalk als Kaffee produzieren. Alte Bücher, die vermutlich schon die letzten vier Generationen überlebt haben. Sperrmüll in Tarnung quasi. Dinge, bei denen man sich fragt, ob das wirklich Weitergeben ist oder einfach ein Wegschieben der Verantwortung.

Auf meinem täglichen Spaziergang durch Stuttgart-West habe ich dann aber etwas entdeckt, das meine Sicht verändert hat. Da lag einfach so ein Buch auf einer Mauer. Eins, das ich ein paar Tage zuvor noch meinem Online-Warenkorb hinzugefügt hatte. Daneben lag eine DVD meiner Lieblingsserie. Als läge das nur für mich dort. Wie ein kleiner Schatz. Man hätte mich nach dem Fund sehen müssen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht machte ich mich auf den Heimweg.

Aus Schrott wird Schatz

Da habe ich es begriffen. Es gibt Menschen, die ihren eigentlichen Sperrmüll korrekt anmelden und nur Dinge vor die Tür stellen, die noch ein zweites Leben verdient haben. Wenn man also mit offenen Augen durch die Straßen geht, findet man durchaus solche kleinen Schätze. In alten Papierkartons liegen dann alte Bücher, vielleicht auch mal ein schöner Bilderrahmen oder eine Vase. Meist mit einem kleinen Zettel dran: „Zu verschenken :)“. Ist das nicht schön? Kein „Soll sich halt wer anders drum kümmern“, sondern der Gedanke, dass jemand anderes noch Gefallen daran finden könnte.

Deshalb habe auch ich meinen pinken Föhn mit einem Zettel vor die Haustür gelegt. Nach zehn Jahren Prinzessinnen-Föhnen habe ich mir nun einen schlichten, schwarzen zugelegt. Als ich ihn vor meinem Einkauf rausgelegt habe, hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass er nach einer halben Stunde schon weg sein würde. Eine lustige, aber auch schöne Vorstellung, dass sich jetzt jemand Fremdes mit meinem pinken Föhn die Haare föhnt. Eine Art Tauschgesellschaft, aber anonym. Irgendwie mag ich das.

Ob etwas Ramsch oder Schatz ist, entscheidet eben jeder für sich. Was für den einen nach Schrott aussieht, kann für jemand anderen ein Geschenk sein. Es gibt schließlich Menschen, die aus kalkproduzierenden Kaffeemaschinen wieder Kaffee zaubern können oder genau dieses eine alte Buch gesucht haben. So wandern Dinge weiter und finden ein neues Zuhause.

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