Weißer Rock, blauer Anzug, bunte Krawatten und Spitzen-BH. Oder doch lieber das Top? Stylist Bogi zieht ein Teil nach dem anderen von der Kleiderstange und muss entscheiden. Goldener Schmuck und noch ein paar Federn. Die grünen oder die schwarzen? Okay, gar keine Federn.

Alisa Wilhelm

Weißer Rock, blauer Anzug, bunte Krawatten und Spitzen-BH. Oder doch lieber das Top? Stylist Bogi zieht ein Teil nach dem anderen von der Kleiderstange und muss entscheiden. Goldener Schmuck und noch ein paar Federn. Die grünen oder die schwarzen? Okay, gar keine Federn.

Alisa Wilhelm
Alisa Wilhelm
Alisa Wilhelm

Der Teufel trägt Bogi

Alisa Husieva

Der Teufel trägt Bogi

Alisa Husieva

Zwischen Madonnas „Vogue“ und ersten Kameratests wühlt Bogdan Dzhafarov in der knisternden Ikea-Tüte nach den passenden Accessoires. Fast drei Stunden und eine halbe Schachtel Zigaretten später sind die Models fertig für das Shooting. Der erste Look ist geschafft, endlich kann er nach seinem Kaffee greifen und die Wendeltreppe hinauf zur nächsten Kippe auf dem Balkon gehen. Stress und Entscheidungsdruck prägen den Alltag des 25-jährigen Stylisten Bogdan. Bogi, so nennt ihn sein Umfeld, beginnt seinen Job lange vor dem eigentlichen Shooting.

Zwei Tage vor dem Shooting: Rot-grün-karierte Boots treten auf die nassen Pflastersteine der Wiener Innenstadt. Hinter dem schwarzen Plüschmantel und einer großen Sonnenbrille verbirgt sich Bogi. Er zieht ein letztes Mal an seiner abgebrannten Zigarette, bevor sie im Mülleimer erlischt. Ab nach oben. Der winzige Fahrstuhl kämpft sich in den vierten Stock einer klassischen Altbauwohnung, direkt vor eine riesige Holztür. Dahinter befindet sich die Agentur, in der sich Bogi Klamotten und Accessoires für das anstehende Shooting ausleihen darf.
Kurz noch einen Verlängerten und ab zu den Sonnenbrillen am Ende des Flurs. Orange, grün, lila. Einpacken. Rechts daneben: die Kleiderstangen. Jeans-Anzug von Designer eins und weißer Rock von Designer zwei. Noch die neuen Teile von Designer drei anschauen und wieder zurückhängen. Passt nicht zum Konzept. Auf der anderen Seite des Raums steht ein hohes Glasregal mit Schmuck. Zwei Ringe, vier Ohrringe, eine Kette. Was gibt’s noch? Eine Mitarbeiterin holt ein paar markierte Plastiktüten aus einem Nebenraum der Agentur. Die Schmuckteile in diesen Tüten sind besetzt, sie dürfen bis Frühling nicht veröffentlicht werden, also weg damit. Eine weitere Schmuckkiste wird auf den Küchentisch der Agentur gestellt. Noch mehr Ringe und Ketten. Auch einpacken. Wieder zurück zu den Klamotten. Vielleicht doch noch das schwarze Lederkorsett? Die Federn! Beinahe hätte Bogi die Federn vergessen, über die er schon den ganzen Tag nachgedacht hatte. Und die Schleife für den Hals wird auch noch eingepackt.

"Die Vorbereitung für ein Shooting ist eigentlich am härtesten!"

Bogdan Dzhafarov

Outfits am Set kommen nicht zufällig zustande. Stylist*innen machen sich viele Gedanken über das Moodboard, eine Sammlung von Bildern, Farben und Referenzen, um die Stimmung des Projekts einzufangen. Sie organisieren alles bis ins kleinste Detail für einen reibungslosen Ablauf am Tag des Shootings. „Die Vorbereitung für ein Shooting ist eigentlich am härtesten!“, so Bogi. Vor einigen Tagen hat er das Moodboard für das kommende Shooting an mehrere Agenturen geschickt. Sie vertreten verschiedene Designer*innen und entscheiden, ob Teile ausgeliehen werden dürfen. Grundsätzlich steigen bei großen Magazinproduktionen die Chancen auf eine Zusage, doch ohne Kontakte geht nichts. Wer einen guten Ruf und viele Kontakte in der Branche hat, bekommt eher Zugriff. Bei freien Projekten wie dem Shooting, das Bogi gerade vorbereitet, kommt es noch viel mehr darauf an. Die kleine Agentur, in der er nun über seinen kurz rasierten Kopf streicht, während er überlegt, ob er noch eine Hose einpackt, kennt ihn schon länger. Hier darf er ausleihen, was und wie viel er möchte.

Zwischen den bunten Stoffen und ausgefallenen Mustern muss Bogi seinen persönlichen Vorlieben widerstehen. Der Fokus liege in diesem Moment ausschließlich auf dem Moodboard. Was nicht zum Konzept passt, bleibt liegen. 

Alisa Wilhelm

Zwischen den bunten Stoffen und ausgefallenen Mustern muss Bogi seinen persönlichen Vorlieben widerstehen. Der Fokus liege in diesem Moment ausschließlich auf dem Moodboard. Was nicht zum Konzept passt, bleibt liegen. 

Alisa Wilhelm

Sagen Agenturen oder Designer*innen zu, schicken sie den Stylist*innen sogenannte Lookbooks, Übersichten aktueller Kollektionen. So konnte Bogi sich bereits im Voraus überlegen, welche Teile er für das Shooting haben möchte. „Früher habe ich oft den Fehler gemacht, zu viele Sachen mitzubringen“, erzählt er. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch aus Sorge, am Set könnte genau das eine Teil fehlen. Mit der Zeit hat er gelernt, das zurückzustellen. Passt ein Teil nicht zum Konzept, bleibt es liegen. Aus Emotion wurde Strategie. Wenn der Stylist heute in einer Agentur steht, lässt er sich nicht mehr von seiner Begeisterung ablenken. Er stellt sich das Gesamtbild vor und wählt so bewusst aus, was er wirklich braucht.

Von der Puppe zum Model

Bogi wurde in Turkmenistan geboren und zog mit sechs Jahren gemeinsam mit seiner Familie nach Wien. 20 Jahre wohnt er jetzt schon dort. Trotzdem bleibt die Verbindung zu seiner Heimat. „Für mich sind meine Wurzeln wirklich wichtig, egal wie lange ich irgendwo gelebt habe.“ Dort sei alles prunkvoller. Die Frauen hätten ein ganz anderes Verständnis dafür, wie sie sich anziehen und nach außen hin präsentieren. Auch seine Mutter hat ein besonderes Verständnis für Klamotten. Bogi nippt an seinem Kaffee, während er von ihrem Modebewusstsein schwärmt. Sie habe stark darauf geachtet, wie er das Haus verlässt. Kein Jogginganzug, immer perfekt angezogen. Als Kind sei er ständig herausgestochen. Doch während er heute Extravaganz liebt, hat ihn das als Kind belastet. „Ab dem Alter von zehn, elf Jahren wurde ich als schwul oder ähnliches bezeichnet. Alles Mögliche in dem Sinne, nur weil ich gut angezogen war.“ Heute interessiert er sich nicht mehr für die Meinung anderer: „Ich geb‘ dann ein‘ Fick drauf, was die anderen meinen. Man sollte das machen und tragen, was man will.“

Bodgan Dzhafarov
Bodgan Dzhafarov

Das Modegeschäft wurde Bogi sozusagen in die Wiege gelegt. Seine Mutter arbeitet im Resell, sie kauft Kleidung und verkauft sie zu einem neuen Preis. Ein großer Vorteil für ihn, denn so hatte er bereits zu Beginn seiner Karriere Zugriff auf eine große Auswahl an Kleidungsstücken. Das Interesse für Mode zeigte er schon als Kind. Damals kreierte er Outfits für Puppen und kleidete sie ein. Er erinnert sich, wie sein Opa kleine Kleiderschränke für die Puppen Kollektionen gebaut hat. Heute kleidet er echte Menschen ein. Angefangen hat alles im Jahr 2016. Eine Freundin hatte ihm Einladungen für die erste Reihe in der Moskau Fashion Week organisiert. Die ausgefallenen Outfits und besondere Atmosphäre haben ihn direkt gepackt. Dem 16-jährigen Bogi war klar, seinen Kindheitstraum möchte er zum Beruf machen.

In der Wiener Modeindustrie ist Bogi kein neues Gesicht. Design, Journalismus, Fotografie, Eventplanung und Styling hat er bereits ausprobiert. Früher wollte er Designer werden, weshalb er in Wien eine Modeschule besuchte. Seine Ausbildung hat Bogi später dann abgebrochen. Den Weg in die Modeindustrie fand er dennoch, als Stylist

Alisa Husieva

In der Wiener Modeindustrie ist Bogi kein neues Gesicht. Design, Journalismus, Fotografie, Eventplanung und Styling hat er bereits ausprobiert. Früher wollte er Designer werden, weshalb er in Wien eine Modeschule besuchte. Seine Ausbildung hat Bogi später dann abgebrochen. Den Weg in die Modeindustrie fand er dennoch, als Stylist

Alisa Husieva

„Ich glaube es ist in jedem Job in diesem Bereich schwierig, ganz von vorne anzufangen.“ Wer erfolgreich sein will, muss auf die richtigen Events gehen, Kontakte knüpfen und trotzdem die eigene Persönlichkeit bewahren. Für ihn sei Persönlichkeit die wichtigste Qualität von Stylist*innen: „Als Stylist musst du so arbeiten können, dass die Leute checken, dass du es gemacht hast. Viele Stylisten erlernen es bei anderen und kopieren danach einfach ihre Arbeit.“ Wer Bogi sieht, weiß direkt: Er ist alles andere als gewöhnlich. Wenn es mal nicht der knallgrüne Kimono oder der enorme Pelzmantel ist, dann sticht er eben durch seine vielen Ringe und meterlangen Ketten heraus. Wenn Bogdan Dzhafarov durch die Wiener Straßen stolziert, drehen sich die Menschen um. Sein persönliches Ziel sei es, verrückte Kleidung zu tragen. Dinge, die sich der gewöhnliche Alltagsmensch nicht trauen würde. Auch in seiner Arbeit legt er den Fokus darauf, klassische Outfits durch Accessoires, Textur oder Farben aufzuwerten. Sein Motto: das Gewöhnliche in etwas Außergewöhnliches verwandeln.

Freiheit ohne Grenzen?

Als Stylist muss Bogi unterschiedlichste Projekte umsetzen. Er passt sich Konzepten an, auch wenn sie nicht seinen persönlichen Vorlieben entsprechen. Zwar versucht er, eigene Ideen einzubringen, doch das Konzept bleibt gleich. Aber Bogi will gestalten, nicht nur ausführen. Er will sich austoben und einem Projekt etwas von sich selbst mitgeben. Strikte Vorgaben gefallen ihm nicht. Deswegen ist er auch selbstständig. Als festangestellter Stylist sei man zwar abgesichert – regelmäßige Aufträge und Einkommen – doch die künstlerische Freiheit bleibe dabei oft auf der Strecke. Als Selbstständiger kann er entscheiden, welche Projekte er annimmt und welche nicht. Das Einkleiden und Shoppen mit Privatkund*innen meidet er. Lieber arbeitet er an Modeprojekten, die ihm Raum lassen. „Wenn man das Projekt selbst organisiert und mit dem Fotografen alles ausmacht, kann man beim Styling eigentlich alles machen.“ Dass er bei diesen Aufträgen oft weniger verdient, scheint ihn nicht zu stören. Für ihn steht nicht das Geld im Vordergrund, sondern die Arbeit, die ihn erfüllt. Bogi macht nur das, was er wirklich will.

Eine Ikea-Tasche auf der linken Schulter, eine auf der rechten. Drei Kleidersäcke in der Hand, den Pelzmantel umgehängt. Fast eine Dreiviertelstunde ist Bogi am Morgen mit der Bahn zu dem kleinen Studio gefahren. Jetzt stehen dort drei Models vor einer weißen Leinwand, bereit für den nächsten Look.

Er läuft die Wendeltreppe wieder hinunter, zurück in den Raum. Von hier beobachtet er, wie das männliche Model zwischen frischem, grünem Moos platziert wird. Ein prüfender Blick, er greift nach einer Sonnenbrille und setzt sie ihm auf.

Alisa Wilhelm

Er läuft die Wendeltreppe wieder hinunter, zurück in den Raum. Von hier beobachtet er, wie das männliche Model zwischen frischem, grünem Moos platziert wird. Ein prüfender Blick, er greift nach einer Sonnenbrille und setzt sie ihm auf.

Alisa Wilhelm

Vielleicht schaffen es die Bilder ins Magazin. Bezahlt wird heute niemand. Es ist ein kreatives Shooting. Alle arbeiten aus eigenem Interesse, für das Portfolio, neue Kontakte oder einfach aus Leidenschaft, so wie Bogi. „Ich liebe es, Menschen einzukleiden“, sagt er und hält einem der weiblichen Models einen weißen Blumenrock hin.

Mit 25 hat Bogi bereits erreicht, wofür andere Jahrzehnte brauchen. Die Wiener Modeindustrie kennt ihn. Heute kann er wählen, welche Aufträge er annimmt. Er muss sich nicht mehr jedem Konzept unterordnen, sondern folgt seinem eigenen: „Du musst verstehen, was du machst, und du musst es lieben.“ Unter der Diskokugel richtet er noch einmal den Blumenrock, tritt einen Schritt zurück und nickt.