Stuttgart macht Radfahren zur Mutprobe
Phil tritt in die Pedale. Den Blick nach vorne gerichtet, dann kurz über die Schulter. Vor ihm taucht ein Auto auf. Der Platz wird schmal. Rechts stehen parkende Autos, von hinten nähert sich ein zweites. Ohne langsamer zu werden, rauscht es knapp an ihm vorbei, enger als nötig. Phil bleibt ruhig und umklammert den Lenker seines Rennrads fester. Das war knapp, denkt er.
Es ist acht Uhr morgens in Stuttgart-Ost. Die Straßen füllen sich langsam, der Verkehr verdichtet sich. Hier Fahrrad fahren bedeutet, Fußgängern auszuweichen, an Mülltonnen vorbeizumanövrieren und sich an parkenden Autos hindurchzuschlängeln. Wer hier kurz nicht aufpasst, bringt sich schnell in Gefahr.
Das Risiko fährt mit
Phil Weinmann kennt solche Situationen nur zu gut. Seit Januar dieses Jahres wohnt er in Stuttgart und fährt regelmäßig mit seinem Rennrad durch die Innenstadt. Der 22-Jährige studiert Sportmanagement im Fernstudium und arbeitet nebenbei in der Fahrradwerkstatt „Alf Cycling“, wo er das Marketingteam unterstützt.
Das Fahrrad ist für Phil längst mehr als nur sein Job. Der gebürtige Crailsheimer absolvierte nach der Schule zunächst eine Mechatroniker-Ausbildung, merkte aber schnell, dass ihn der Beruf nicht erfüllte. „Ich habe angefangen, mehr Sport zu machen, weil ich einfach unglücklich mit dem Job war“, schildert er.
Noch im selben Jahr machte er Nägel mit Köpfen. „Ich habe mein Motorrad gegen ein Rennrad eingetauscht, um mir dann die ersten Herausforderungen zu setzen." Auf mehrere Triathlon-Wettkämpfe folgte im vergangenen Sommer dann eine zweimonatige Bikepacking-Tour von Stuttgart bis Gibraltar und wieder zurück. Das alles teilt er auf Instagram und TikTok.
Für Phil ist das Radfahren aber vor allem eins – Freiheit. Anders als im Auto sei man nicht von der Umgebung abgeschottet und gleichzeitig schneller und flexibler als zu Fuß. Aber genau diese Nähe zum Verkehr bekomme man in Stuttgart ständig zu spüren. Vor der Fahrradwerkstatt drängt sich hupend ein Lieferwagen durch die Straße. Phil schaut kurz hinüber. Genau solche Situationen meint er. Viele Radwege seien zwar „gut gedacht”, aber nicht immer auch gut nutzbar. „Der Radfahrende zieht am Ende immer den Kürzeren”, betont er.
Mit dieser Erfahrung steht der 22-Jährige nicht allein da. Auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) sieht strukturelle Probleme im Stuttgarter Radverkehr. Der Verein setzt sich seit Jahrzehnten bundesweit und auch in Stuttgart für die Interessen der Radfahrenden ein. Christine Lehmann, Beisitzerin im Vorstand des ADFC Stuttgart, findet dabei deutliche Worte: „Radfahren ist nicht gefährlich. Gefährlich ist der Autoverkehr.”
Gemeint sind damit vor allem Situationen, wie Phil sie selbst erlebt: knappe Überholmanöver, unübersichtliche Einfahrten oder plötzlich abbiegende Fahrzeuge. Besonders kritisch sieht Lehmann dabei Radwege entlang der Heilbronner Straße. Dort werden Radfahrende getrennt von der Fahrbahn geführt, gleichzeitig kreuzen aber immer wieder Einfahrten und abbiegende Autos den Weg.
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Wie häufig Radfahrende dabei zu eng überholt werden, zeigt auch eine Untersuchung der Stuttgarter Zeitung gemeinsam mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Das Ergebnis: Nur rund jedes vierte Auto hielt beim Überholen den vorgeschriebenen Mindestabstand von 1,5 Metern ein. In fast der Hälfte aller Fälle lag der Abstand sogar unter 1,20 Metern, teilweise trotz Gegenverkehr oder schmaler Fahrbahn.
Der ADFC empfiehlt Radfahrenden deshalb bewusst mittiger zu fahren, damit riskante Überholmanöver gar nicht erst möglich werden. „Das kostet aber Nerven”, sagt Lehmann.
Kritik äußert der ADFC außerdem an der Infrastruktur selbst. Schlaglöcher, Bordsteine und beschädigter Asphalt seien oft die Ursache für „diese rätselhaften Alleinunfälle”, so die ehemalige Stadträtin. Besonders problematisch seien zudem Baustellen rund um Stuttgart 21. Fehlende oder unklare Beschilderungen würden Radfahrende oft spontan auf Gehwege oder in den Autoverkehr leiten.
„Die drängen uns in eine systematische Illegalität.”
Ihr größter Kritikpunkt liegt jedoch am Neckardamm zwischen Bad Cannstatt und Hofen. Dort teilen sich Radfahrende und Zufußgehende über mehrere Kilometer einen freigegebenen Gehweg. Mit einer Einschränkung, dass nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist. Für Pendler*innen sei das kaum praktikabel, findet Lehmann. Denn selbst wenn der Weg frei ist, bleibt das schnelle Fahren verboten. „Die drängen uns in eine systematische Illegalität”, so Lehmann.
Wer auf die Straße ausweicht, riskiert Konsequenzen. „Das ist mir selber schon passiert”, berichtet sie. „Ich bin schon mal umgenietet worden und habe eine Viertel-Mitschuld bekommen”. Für Lehmann ist das mehr als nur ein Einzelfall. Es steht sinnbildlich für ein größeres Problem. „Man merkt eigentlich, dass man Verkehrsteilnehmer*in zweiter Klasse ist, wenn man mit dem Fahrrad fährt”.
Infrastruktur unter Druck
Auch die Stadt Stuttgart erkennt Defizite im bestehenden Radnetz. Für die Abteilung Mobilität spricht Fahrradbotschafter Jonas Marwein. Viele Verbindungen seien bislang nicht durchgängig ausgebaut, besonders zwischen den Stadtteilen gebe es Lücken. Gleichzeitig verweist die Stadt auf die schwierige Ausgangslage: Stuttgart sei über Jahrzehnte stark auf den Autoverkehr ausgerichtet worden. „Der Radverkehr leidet darunter, dass so viele Flächen für den Kfz-Verkehr reserviert sind”, sagt Marwein.
Trotzdem arbeite die Stadt am Ausbau. Aktuell entstehen neue Fahrradstraßen wie die Verbindung aus Forst-, Breitscheid- und Senefelderstraße im Stuttgarter Westen. Zudem soll die bisherige Baustellenstraße im Rosensteinpark langfristig zu einem Radweg umgebaut werden. Auch an einer Radschnellverbindung über die Jahnstraße Richtung Degerloch wird aktuell gearbeitet. Gleichzeitig entwickelt die Stadt derzeit ein neues Radverkehrskonzept, das in den kommenden Jahren als Leitlinie für den Ausbau in Stuttgart dienen soll. Ziel ist unter anderem, bestehende Lücken im Radnetz zu schließen und sichere Verbindungen zwischen den Stadtteilen zu schaffen. Dafür läuft aktuell ein öffentlicher Beteiligungsprozess, an dem sich Bürger*innen online mit eigenen Vorschlägen beteiligen können.
Tübingen als Vorbild
Ein Blick nach Tübingen zeigt für Marwein, was möglich ist. Dort werde das Thema durch den Oberbürgermeister Boris Palmer stark vorangetrieben. Stuttgart sollte sich daran orientieren, „mutiger und progressiver” zu werden. Gleichzeitig fordert auch der ADFC politische Veränderungen, wie etwa Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit für alle in Stuttgart.
Phil fährt trotzdem weiter. Unter der Woche zur Arbeit, am Wochenende in großen Rennradgruppen oder bei anstehenden Bikepacking-Touren. Dabei gilt für ihn trotzdem: Möglichst schnell raus aus Stuttgart, Richtung Esslingen oder in die Weinberge. Dort beginnt für ihn das, was Fahrradfahren sein sollte: Bewegung, Unabhängigkeit und Freiheit.