Oma-Kolumne 3 Minuten

Hattest du eine „Bucket List“, Opa?

Glücklicher Mann auf einem alten Traktor im Schnee
Opas Traum stand auf keiner Liste, und dennoch hat er sich erfüllt: Bauer sein, ein Leben lang. | Quelle: Nick Häusler
09. Juni 2026

Eine Welt ohne Internet – für mich völlig unvorstellbar. Für meinen Opa früher (und um ehrlich zu sein auch heute noch) völlig normal. Trotzdem nehmen wir zusammen Social-Media-Trends unter die Lupe. In dieser Folge geht es um die Liste der Sehnsüchte und des Fernwehs. Nutzte mein Opa eine Bucket List, um seine Lebensträume im Blick zu behalten?

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Die Möglichkeiten der Lebensgestaltung scheinen nahezu endlos. Um da nicht den Überblick zu verlieren, kann sich eine Zusammenstellung von Wünschen, Träumen und Zielen helfen. Im Netz kursiert dafür der Begriff „Bucket List“. Aber lässt sich damit wirklich das Beste aus dem Leben rausholen, ohne eines der vielen Abenteuer zu verpassen? Bisher denke ich: Es geht auch gut ohne. Aber wie sieht das mein Opa? Schließlich hat auch er einige Abenteuer erlebt – wenn auch in einem ganz anderen Maßstab als ich heute.

Opa, hast du dir Träume und Wünsche auf einer Bucket List festgehalten?

Also mit diesem Begriff kann ich nichts anfangen. Listen habe ich sowieso nie geführt – nicht einmal zum Einkaufen. Aber Träume und Wünsche? Natürlich hatte ich die. Mein größter Traum war von Anfang an, Bauer zu werden. Und das auf eigener Scholle. Mit 18 Jahren habe ich also mein Fahrrad geschnappt und bin Richtung Bodensee gefahren. Dort suchte ich Arbeit auf einer Domäne, um meinen Traum als Bauer zu verwirklichen. Und du musst dir vorstellen: Das, was für dich und deine Freunde heute Neuseeland ist, das war für mich damals der Bodensee.

„Das, was für dich und deine Freunde heute Neuseeland ist, das war für mich damals der Bodensee.“
Mein Opa

Als ich so alt war wie du, da war jedes Jahr in den Urlaub gehen, noch nicht so Mode wie heute. Mein erster größerer Ausflug war zu einem Freund in die Schweiz. Da war ich 20 Jahre alt, da gab’s noch keine Autobahn. Ich habe also fast einen ganzen Tag mit meinem VW bis zu ihm gebraucht. Mein Vater fragte mich, ob ich denn nichts Besseres zu tun hätte. Vermutlich hätte ich das gehabt, aber für mich war schon als junger Mensch wichtig: Wenn andere keinen Urlaub machen, dann mache ich einen. Das war aber nie dieses eine große Erlebnis, auf das ich ewig hin gefiebert hatte. Es war vielmehr einfach eine kleine Unterbrechung der Arbeit.

Kurzbiographie

Mein Opa ist 1935 geboren und lebt seit seiner Kindheit in einem schwäbischen Städtle bei Kirchheim/Teck. Noch bevor er in die Schule kam, half er in der Landwirtschaft seiner Eltern mit. Als mein Opa 18 Jahre alt war, ergab sich die Gelegenheit zur Aussiedlung. Gemeinsam bauten Vater und Sohn einen Hof auf – mit Vieh, Streuobst und Ackerflächen. Wenige Jahre danach heiratete er meine Oma, die 2011 nach knapp 50 Jahren Ehe verstarb. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder, sechs Enkel und seit kurzem eine Urenkelin.

Ich denke, bis meine Frau und ich beide 50 waren, hätte so eine Liste eh gar keinen Sinn ergeben. Unser Leben hat sich um den Hof und um die Arbeit gedreht. Aber als die Kinder älter waren, ging es los: Ilse und ich machten unsere erste große Reise nach Australien. Das war großartig! Danach kamen noch Argentinien, Paraguay und die Transsibirische Eisenbahn dazu. Und ich sag’s dir: Nutze die Gelegenheit, die Welt zu erkunden und das zu tun, was dir wirklich Spaß macht. Aber du musst wissen, dass du immer etwas verpassen wirst und nicht bei jedem Abenteuer dabei sein kannst – egal, ob mit oder ohne Liste.“

Heute: Einfach drauf los

Mein Opa hatte also nie eine solche Liste – und trotzdem wirkt es nicht so, als hätte ihm irgendetwas gefehlt. Ich bin mir inzwischen sicher: Ich brauche keine Bucket List für meine Lebensplanung. Ich möchte vielmehr im Hier und Jetzt leben, anstatt mich mit irgendwelchen Sehnsüchten unter Druck zu setzen. Vielleicht wächst mit einer Bucket List sogar nur das Gefühl, ständig etwas verpassen zu können. Ich behalte mir meine Träume und Wünsche deshalb erst einmal im Kopf und freue mich auf jedes Abenteuer so, als wäre die Idee dazu gerade erst entstanden.

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