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Kultur&Gesellschaft

Reportage
Inklusive Arbeit: Wenn Anderssein normal ist

| Bild: Eddie Schatz

Reportage Inklusive Arbeit: Wenn Anderssein normal ist

| Bild: Eddie Schatz
 

29 Aug 2021

Inklusion ist auf dem Arbeitsmarkt weitestgehend noch Wunschdenken. Es gibt viele Hürden, wenn Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung zusammen arbeiten wollen. Das Unternehmen Femos hat trotzdem ein interessantes Konzept wie inklusive Arbeit funktionieren kann.

Eddie Schatz

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Der Tag startet mit einem heißen Kaffee. Der Geruch macht sich in der Halle breit. Ein Abteilungsleiter begrüßt einen Mitarbeiter, indem er mit seinen Händen einen großen Kreis in die Luft zeichnet. Der Mitarbeiter kreist freundlich zurück. Die anderen werden mit einem klaren „Guten Morgen“ gegrüßt.

Beim Unternehmen Femos in Böblingen ist das ein ganz normaler Morgen. Das Kreisen der Hände ist mittlerweile Alltag. Gebärdensprache für „Guten Morgen“. So können auch alle Mitarbeiter*innen mit, aber auch ohne Handicap begrüßt werden. Auch für Mario Clemenza ist der Gruß mit den Händen einfacher zu verstehen. Er hört auf einem Ohr nichts und auf dem anderen nur sehr schlecht. Trotzdem kann er sich auch mit Hörenden gut verständigen, da er Lippenlesen kann. Dabei ist in letzter Zeit die Corona-Maske ein Problem geworden. Er muss seine Gesprächspartner darauf hinweisen, die Maske doch bitte abzunehmen, wenn sie mit ihm reden. Sonst fällt es ihm schwer, andere Leute zu verstehen. Rücksicht muss man also nehmen, wenn man mit ihm kommunizieren will.

Mehrere Rollstühle sind bedeckt mit einem weißen Schaum. Den hat Mario hier mit einem Hochdruckreiniger und einer Spritzdüse verteilt. Er reinigt Rollstühle und andere Hilfsmittel. Sein Arbeitsplatz besteht zum Teil aus einem großen, mit Fließen bedeckten Raum, fast wie in einer Schwimmbaddusche. Es riecht leicht nach Desinfektionsmittel. Nach dem Desinfizieren werden die Hilfsmittel mit einem Lappen gründlich gereinigt. Mario lacht viel und sieht meist das Positive in den Dingen. Er ist froh, dass er diesen Job hat. Für ihn sei es nicht leicht gewesen, Arbeit zu finden. Erst durch seinen Bruder hat er von der Stelle erfahren. Bei Femos sollen auch Menschen mit Behinderung einen Job bekommen.

Mario Clemenza ist auf einem Ohr vollständig gehörlos. Auf dem anderen trägt er ein Hörgerät. Ohne das würde er nahe zu nichts mehr hören. | Bild: Eddie Schatz

Dabei ist Femos eine Ausnahme in der heutigen Arbeitswelt. Zwar muss gesetzlich jedes größere Unternehmen fünf Prozent der Arbeitsstellen an Schwerbehinderte vergeben. Die Realität sieht aber anders aus. Im Jahr 2019 waren in der privaten Wirtschaft nur 4,1 Prozent der Stellen von Schwerbehinderten besetzt. Grund dafür: Unternehmen können sich freikaufen. Wenn sie die fünf Prozent nicht erreichen, müssen sie ungefähr 300 Euro pro nicht vergebene Stelle pro Monat bezahlen. Genau das machen knapp 60 Prozent der Privatunternehmen. Im Jahr 2018 sind dadurch rund 640 Millionen Euro Strafgelder zusammengekommen. Rücksicht auf Menschen mit Behinderung ist noch immer die Ausnahme.

Vom Desinfektionsraum geht es in die Werkstatt. Hier sind mehrere Mitarbeiter, die die Hilfsmittel von Grund auf durchchecken. Tobias ist an der nächsten Station und überprüft die Hilfsmittel. Mit 15 Jahren kollabierte bei ihm ein Lungenflügel. Davon konnte er sich bis heute körperlich nicht voll erholen und gilt seitdem als 50 Prozent schwerbehindert. Auch ihm würde man die Behinderung im ersten Moment nicht anmerken. Was vielleicht auffällt, ist die grundsätzliche ruhige Art vor allem beim Sprechen. Eine Folge der kollabierten Lunge. Gemütlich aber sehr genau macht er seine Arbeit. Ein gut gelaunter junger Mann. Auf die Frage, was am schwersten bei der Arbeit ist, antwortet er: „An ihm dahinten vorbeizukommen“. Das Ganze sagt er mit einem gut gemeinten Augenzwinkern. Er meint damit Marvin. Seine Aufgabe ist es, die gesäuberten Sachen zu begutachten und gegebenenfalls auch wieder in die Reinigungsstation zurückzuschicken. Er hat das Asperger-Syndrom. Das ist eine Form von Autismus, bei der Betroffene Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion haben. Sie können oft Gestik oder Mimik nicht richtig deuten. Überraschenderweise ist für Marvin das Arbeitsklima eines der besten Sachen an seiner Arbeit. Natürlich gebe es Stellen, wo nicht alles glatt laufen würde, aber im Großen und Ganzen sei der Umgang mit den Kollegen freundlich und mit das Beste an der Arbeit hier. Dass Marvin so genau bei der Arbeit hinschaut, hat auch etwas mit dem Asperger-Syndrom zutun. Eine Überempfindlichkeit der Reizwahrnehmung ist nicht selten. Marvin schaut grundsätzlich lieber zwei Mal nach und achtet auf viele Kleinigkeiten. In seinem Job kommt ihm dieser vermeintliche Nachteil zugute. Ein genaues Auge ist bei der Überprüfung von Hilfsmitteln erforderlich. Marvins Stelle ist ein gutes Beispiel, wie Inklusion bei der Arbeit funktionieren kann.

"Jeder nimmt sich hier so wie er ist" – Tobias Jung, zu 50 Prozent schwerbehindert

Grundsätzlich hat kein Mensch eine Behinderung, nur die Umstände und Hürden machen einen Menschen behindert. Sobald man die Umstände anpasst, bemerkt man kaum noch, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen hier Arbeiten. Das findet auch Tamara. Als Schichtleitung und Person ohne Handicap sei es völlig normal, dass manche Kollg:innen besondere Rücksicht benötigen. Rücksicht ist das richtige Wort. Die fängt auch schon bei der Infrastruktur an. Das Gebäude der Firma Femos hat behindertengerechte Toiletten. Zu den wichtigsten Bereichen gibt es Rampen. Nachdem die Infrastruktur steht, kann auf die auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen eingegangen werden. Die Infrastruktur kostet meistens viel Geld und Zweiteres oft viel Geduld.

Somit kann sich in unserer profitorientierten Gesellschaft die Inklusion nur schwer durchsetzen. Die Defizite der Arbeitenden und extra Bemühungen können inklusive Unternehmen meist nur durch finanzielle Fördermittel kompensieren. Für die meisten Unternehmen ist das wirtschaftlich nicht sinnvoll. Femos ist als gemeinnütziges Unternehmen nicht gewinnorientiert und kann deswegen diese Stellen anbieten. Anders als bei deiner Behindertenwerkstatt bekommen die Mitarbeiter:innen Mindestlohn und eine echte Chance um auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Tamara Koch arbeitet seit 2013 bei Femos | Bild: Eddie Schatz
"Mann muss darauf achten was man sagt, sonst kommt die Meinung sehr ehrlich und direkt wieder zurück" – Tamara Koch, Schichtleiterin ohne Handicap

Tamara kennt als Person ohne Handicap auch die Herausforderungen eines inklusiven Unternehmens. Mann muss grundsätzlich viel Geduld mitbringen. Wenn sie sich mit Mario unterhält, muss Tamara ihre Maske abnehmen und ihn deutlich anschauen, damit er ihre Lippen lesen kann. Sie redet zudem auch etwas langsamer. Sie erklärt Kollegen Abläufe mehr als einmal und nimmt sich die Zeit jedes Mal aufs Neue. Geduld und Rücksicht sind wohl die zwei wichtigsten Sachen in Bezug auf inklusive Arbeit.

Im ganzen Unternehmen spürt man diese gewisse Energie. Dazu zu gehören, akzeptiert zu werden, wie man ist. Das bemerkt man nicht nur in der Werkstatt, wenn mal wieder alle über eine nett gemeinte Stichelei lachen, sondern auch bei der Führungsebene. Selten gäbe es so loyale und ehrliche Mitarbeiter:innen. Dennoch ist es ein weiter Weg bis sich Leute wie Mario, Tobias und Marvin ohne große Anstrengung überall aufgenommen und akzeptiert füllen können. Inklusion hat über die Jahre an Bedeutung gewonnen ist aber noch lange nicht Mainstream. Obwohl rund acht Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland leben. Inklusive Arbeit steckt auch im Jahr 2021 noch immer in den Kinderschuhen. Der Bereichsleiter Demir Aziz meint, dass es Inklusionsunternehmen gar nicht erst geben müsse. Diese würden aus der Not heraus entstehen. „Andere Unternehmen könnten auch einfach Menschen mit Behinderungen einstellen, anstatt die Ausgleichsabgabe zu bezahlen“. Bis das Realität wird, ist er froh, Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap zu sichern, die sonst keine Chance auf Arbeit bekommen würden.