Oma-Kolumne 3 Minuten

Hattest du eine „Bromance“, Opa?

Fünf jugendliche Freunde in den 1950ern
Ein Ausflug mit Freunden auf die schwäbische Alb in den 1950er Jahren. Mein Opa drückte auf den Auslöser. | Quelle: Nick Häusler
09. Juni 2026

Eine Welt ohne Internet – für mich völlig unvorstellbar. Für meinen Opa früher (und um ehrlich zu sein auch heute noch) völlig normal. Trotzdem nehmen wir zusammen Social-Media-Trends unter die Lupe. In dieser Folge geht es um die enge Freundschaft unter Männern. Hatte mein Opa so etwas wie eine Bromance?

#bromance: Ein Freund, der sich wie ein Bruder anfühlt und den du wirklich liebhast. Eine enge Beziehung, ganz ohne Romantik. Das kennt man auf Instagram unter dem Begriff „Bromance“. Junge Männer geben Einblicke in eine besondere Zeit mit ihrem „Bro“. Herzhaftes Lachen, idiotische Ideen, tiefe Gespräche und spontane Roadtrips. Als Zuschauer denkt man schnell: Genau so eine Freundschaft wünsche ich mir auch. Ich frage mich, ob sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat, wie Freundschaft gelebt wird – oder ob solche Beziehungen durch Social Media einfach sichtbarer geworden sind. Mein Opa erzählt mir von seinem langjährigen Freund, mit dem er viele Jahre durch dick und dünn ging. 

Opa, hattest du eine Bromance?

„Da bin ich mir nicht so sicher, aber eine sehr enge Freundschaft – klar! Wann immer es möglich war, haben Hans (Name geändert) und ich uns getroffen. Als wir noch zur Schule gingen, merkten wir irgendwann, dass Mädchen doch auch ganz interessant sind. Am Maientag haben wir denen dann einen Wedel in den Kamin gesteckt. Das bedeutete: Ich liebe dich. Hans und ich hatten keine Geheimnisse voreinander.

Als wir dann beide verheiratet waren, sind wir als Familie fast jeden Sonntag zum Kuchenessen zu ihm gefahren. Die Kinder haben zusammen gespielt, und wir haben uns über Neues ausgetauscht. Wie hätte es auch anders sein können: Wir wurden beide Bauern. Gesprächsthema Nummer eins war dann natürlich immer die Landwirtschaft. Über Gefühle und Sorgen haben wir kaum gesprochen – aber warum auch? Mir erschien das vollkommen überflüssig. Hans hatte einen florierenden Betrieb, eine wunderbare Frau und vier tolle Kinder. Er war ein Vorbild für mich. 

„Wenn jemandem deine Freundschaft keine Zeit, kein Geld und keine Aufmerksamkeit wert ist, dann ist es auch keine. “
Mein Opa

Eines Tages hat er etwas getan, das ich mir niemals nur hätte vorstellen können. Hans stieg hinab ins Lachaloch, in die Güllegrube. Er nahm sich das Leben. Ertrunken in der Gülle seiner eigenen Tiere. Stell dir das mal vor – das war ganz arg schlimm für mich. Da muss sich irgendetwas in seinem Oberstüble ausgeschaltet haben. Selbst als sein bester Freund ist es mir bis heute ein Rätsel, was ihn dazu getrieben hat.

Kurzbiographie

Mein Opa ist 1935 geboren und lebt seit seiner Kindheit in einem schwäbischen Städtle bei Kirchheim/Teck. Er ist Landwirt und arbeitete für sein Leben gern auf dem eigenen Hof. Meine Oma heiratete er, als er 24 Jahre alt war. Sie verstarb im Jahr 2011. Gemeinsam bekamen sie drei Kinder, sechs Enkel und seit kurzem eine Urenkelin. An meinem Opa mag ich besonders, dass er bei jedem Besuch neue Geschichten aus seinem Leben parat hat.

Eines will ich dir jetzt aber noch sagen: Es gibt Freundschaften, für die lohnt es sich zu kämpfen. Aber wenn jemandem deine Freundschaft keine Zeit, kein Geld oder keine Aufmerksamkeit wert ist, dann ist es auch keine. Freundschaft darf etwas kosten – und sie muss gepflegt werden. Erst letzte Woche habe ich mich mit meinem Jahrgang getroffen. Gerade im Alter ist das besonders wertvoll.“

Heute: Gefühle und Emotionen zeigen

Vermutlich hatte auch mein Opa so eine Art Bromance – nur eben anders benannt. Die Erzählung über den Verlust seines Freundes sitzt mir noch immer tief in den Knochen. Ich bewundere meinen Opa, wie offen er darüber sprechen kann. Auch wenn ich von seiner Geschichte nicht auf alle Männer seiner Generation schließen kann, glaube ich doch, dass es heute populärer ist als damals, über Emotionen und Gefühle zu sprechen. Meine eigene Hemmschwelle ist bei richtig guten Freunden jedenfalls nicht sonderlich hoch. Wenn ich durch Instagram scrolle, frage ich mich dagegen immer wieder: Sind das nur Momentaufnahmen guter Kumpels, oder tatsächlich richtig tiefgründige Freundschaften?

Eine Sache, die ich von meinem Opa immer wieder höre, ist seine Liebesgeschichte. Ganz nach dem Motto „Entweder diese Frau oder ich gehe ins Kloster“, war meine Oma mit Abstand die wichtigste Person in seinem Leben. Auch wenn Freundschaften essenziell sind, sollte die Aufmerksamkeit nicht allein der Bromance gelten, sondern vor allem auch der Romance.