Oma-Kolumne 3 Minuten

Was hältst du von „do it for the plot“, Oma?

junge Frau in der Natur
Meine Oma hat nicht für Geschichten gelebt, sie hat echte Momente geschaffen. | Quelle: Selina Esslinger
09. Juni 2026

Eine Welt ohne Internet – für mich völlig unvorstellbar. Für meine Oma früher (und um ehrlich zu sein auch heute noch) völlig normal. Trotzdem nehmen wir zusammen Social-Media-Trends unter die Lupe. In dieser Folge geht es darum, das eigene Leben wie dein Film zu sehen und Entscheidungen „for the plot“ zu treffen, also für eine gute Geschichte. Ob man früher auch schon Dinge gemacht hat, nur damit sie später eine spannende Story ergeben?

#doitfortheplot „Gestern war ich in einer Bar und habe mit einem Typen rumgemacht.“ – „Warum?“ – „Einfach für den Plot.“ Und genau das meine ich. Ich mache Dinge heute manchmal nicht nur, weil sie sich im Moment richtig anfühlen, sondern weil sie später wie eine gute Geschichte klingen. Als wäre ich die Hauptfigur in meinem eigenen Film – von anderen und irgendwie auch von uns selbst. Ein Abend ist dann nicht mehr nur ein Abend, sondern eine mögliche Story. Begegnungen werden zu Szenen, Entscheidungen zu Plot-Twists. Selbst das Alltägliche verliert schnell an Wert, wenn es sich nicht „erzählen“ lässt. Dahinter steckt die Angst, langweilig zu sein. 

Aber wenn alles zum Plot wird, denkt man immer schon an die Zukunft. Man fragt sich nicht nur, ob man etwas will, sondern auch, ob es später interessant genug wirkt. Aber war das früher auch schon so? 

Oma, hast du früher Entscheidungen getroffen, nur weil sie eine gute Geschichte ergeben hätten?

„Nein, ich kenne so etwas nicht aus meiner Zeit. Ich habe nie Dinge getan, nur damit sie sich später gut erzählen lassen. Mir war es immer wichtig, vernünftig zu sein. Aber das lag auch an der Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Nach dem Krieg hatte man nichts. Kein Geld, keine Möglichkeiten. Da hat man nicht überlegt, was sich gut anhört oder wie etwas wirkt - man war einfach froh, wenn man überhaupt etwas hatte. Ins Musical gehen oder einfach irgendwo spontan etwas erleben, das gab es nicht. Es gab Kino, ja. Theater in Heidenheim. Und ein Tanzlokal, da sind wir auch hingegangen. Wenn man Filme schauen wollte, ist man ins Kino gegangen. Liebesfilme, Schmalzfilme oder manchmal Westernfilme. Mehr Auswahl gab es nicht, und man hat das auch nicht als Erlebnis inszeniert.  

„Einfach irgendwo spontan etwas erleben, das gab es nicht “
Meine Oma

Wenn ich heute darüber nachdenke, würde ich sagen: Mein Leben war nicht langweilig. Im Gegenteil. Wir haben viel gearbeitet, viel erlebt und auch viel von der Welt gesehen. Aber wir haben das nicht gemacht, damit es später gut klingt oder damit man etwas erzählen kann. Es war einfach unser Leben.

Meinen Mann habe ich zum Beispiel kennengelernt, weil ich damals als Apothekenhelferin gearbeitet habe und öfter Geld zur Bank bringen musste. Dort hat er gearbeitet. Später waren wir unabhängig voneinander auf einem Faschingsfest. Dort haben wir zusammen getanzt. Danach hat er mich nach einem Date gefragt, und dann war es eigentlich schon um mich geschehen. Aber damals hätte ich nie gedacht: Das ist jetzt wie im Film. Es war einfach ein Moment, der passiert ist.

Meine Oma wurde 1944 geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen in Gingen an der Brenz auf. Ihr Vater war Beamter, dennoch war das Leben damals bescheiden. Später arbeitete sie als Apothekenhelferin. Mit 22 Jahren heiratete sie, bekam zwei Kinder und wurde später stolze Oma von drei Enkeln. Besonders bewundere ich ihr großes, liebevolles Herz. Sie ist immer für ihre Familie da und kümmert sich mit viel Wärme um alle. Außerdem liebe ich ihren selbstgemachten Kartoffelbrei, der für mich einfach nach Zuhause schmeckt.

Heute: Mehr für den Moment leben

Die Geschichte meiner Oma zeigt mir, dass wir heute oft verlernen, einfach im Moment zu leben. Wir inszenieren Augenblicke, damit sie gut in unseren Instagram-Feed passen oder als spannende Geschichten bei anderen ankommen. Diesem "Main Character Mindset" kann man kaum noch entfliehen. Und während wir unser Leben in Szenen denken, geht das Leise, Unspektakuläre, Echte schnell verloren – genau das, was keine perfekte Geschichte ergibt, aber trotzdem das eigentliche Leben ist. 

Denn während meine Oma ihr Leben gelebt hat, um es zu bewältigen, leben viele heute ihr Leben, um es erzählen zu können. Vielleicht erleben wir nicht mehr. Vielleicht inszenieren wir mehr. Und sobald man anfängt, für den Plot zu leben, stellt sich die Frage: Für wen eigentlich?

 Oder um es in den Worten meiner Oma zu sagen: „Man hat einfach gelebt“.

 

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