Was hältst du von „clean girls“, Oma?
#cleangirl Ich öffne TikTok und sehe sie: glatte Haut, glänzende Haare, einen grünen Matcha in der Hand, Pilates um sieben Uhr morgens. Alles wirkt leicht. Aufgeräumt. Durchdacht. Als hätten diese Frauen nicht nur ihren Alltag, sondern gleich ihr ganzes Leben sortiert. Und obwohl man weiß, dass es nur ein Ausschnitt ist, passiert etwas anderes: Man vergleicht sich. Plötzlich wirken die eigenen Haare zu wild, der Morgen zu chaotisch, das Leben zu unstrukturiert. Als gäbe es eine unsichtbare Norm dafür, wie „richtiges Leben“ auszusehen hat. Aber wie war das früher eigentlich? Gab es auch diese scheinbare Perfektion?
Oma, warst du ein clean girl?
„Ich glaube schon, dass es bei uns früher auch darum ging, gepflegt auszusehen. Vor allem für andere. Man war jung und auf der Suche nach einem Partner. Ich wollte natürlich wirken, nicht zu stark geschminkt – vielleicht ein bisschen so, wie ihr heute dieses „Clean Girl“ nennt. Aber diesen ständigen Druck, perfekt zu sein, den hatte man nicht. Dafür gab es kein Social Media, kein ständiges Vergleichen.
Wir hatten auch ganz andere Bedingungen. Wenig Geld, wenige Möglichkeiten, da war nicht viel mit Selbstinszenierung. Man hat das gemacht, was möglich war, nicht das, was am besten aussieht. Vorbilder gab es trotzdem, zum Beispiel Schauspielerin Conny Froboess. Und natürlich gab es auch Trends, vor allem bei den Haaren. Haarreifen zum Beispiel, damit alles ordentlich sitzt. Das gehörte einfach dazu.
Und ja, man wollte schon zeigen, dass man sein Leben im Griff hat. Man hat sich Mühe gegeben, ordentlich zu wirken, verlässlich, „gut geraten“, wie man früher gesagt hat. Aber die anderen mussten nicht ständig sehen, wenn es mal nicht so war. Es gab kein Gefühl, sich permanent vergleichen zu müssen oder bewertet zu werden.
Natürlich gab es auch schwere Zeiten und Schicksalsschläge. Da konnte man keine heile Welt vorspielen, das ging einfach nicht. Man hat das Leben genommen, wie es kam, und musste irgendwie damit umgehen. Trotzdem hatte ich mit 22 schon das Gefühl, mein Leben weitgehend im Griff zu haben – auch weil ich damals geheiratet habe.
Früher war man mit 21 volljährig, da war vieles einfach früher klarer und strukturierter. Man hatte schneller Verantwortung, schneller feste Rollen. Das Leben war dadurch nicht unbedingt leichter, aber es war irgendwie geradliniger. Und auch wenn nicht alles einfach war, war es eben unser Alltag, den man gelebt hat, ohne ihn ständig von außen zu betrachten."
Meine Oma wurde 1944 geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen in Gingen an der Brenz auf. Ihr Vater war Beamter, dennoch war das Leben damals bescheiden. Später arbeitete sie als Apothekenhelferin. Mit 22 Jahren heiratete sie, bekam zwei Kinder und wurde später stolze Oma von drei Enkeln. Besonders bewundere ich ihr großes, liebevolles Herz. Sie ist immer für ihre Familie da und kümmert sich mit viel Wärme um alle. Außerdem liebe ich ihren selbstgemachten Kartoffelbrei, der für mich einfach nach Zuhause schmeckt.
Heute: Druck rausnehmen
Wenn ich das höre, wird mir klar: Der Wunsch, gut auszusehen und alles im Griff zu haben, ist nicht neu. Neu ist, wie laut er geworden ist. Heute sehen wir diese makellosen Menschen und denken, genau so müsste es sein. Und wenn wir das nicht schaffen, fühlt es sich schnell an, als hätten wir unser Leben nicht im Griff. Aber vielleicht liegt genau da der Fehler. Vielleicht bedeutet „sein Leben im Griff haben“ gar nicht, dass alles perfekt ist. Nicht, dass man jeden Morgen um sieben beim Sport ist oder immer makellos aussieht. Vielleicht bedeutet es einfach, mit sich selbst klarzukommen – auch wenn nichts perfekt ist. Meine Oma musste ihr Leben nicht inszenieren, um zu zeigen, dass sie es im Griff hat. Sie hat es einfach gelebt.
Oder um es in den Worten meiner Oma zu sagen: „Die anderen mussten das ja nicht unbedingt sehen, wenn es gerade nicht so gut lief.“
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