Mein Heimweg in drei Akten
Die Bahnen sind überfüllt, die Stimmung ist ausgelassen, es riecht nach Bier – Wasen-Zeit in Stuttgart. Für manche ein Grund, um zu feiern, zu grölen und auf Bierbänken zu schunkeln. Für mich ein Grund, ab 22 Uhr nicht mehr allein nach Hause laufen zu wollen.
Dabei mag ich es eigentlich, nachts durch die Stadt zu laufen, wie jetzt gerade. Wenn alles so ruhig und friedlich ist. Aber die Erfahrungen von meinen Freundinnen und mir zu dieser Uhrzeit lösen alles andere als Entspannung in mir aus. Und jetzt muss ich auch noch mit der Bahn fahren – allein. Als Frau weiß ich, worauf ich achten muss, wenn die Wahrscheinlichkeit, einer betrunkenen Männergruppe im Dunkeln zu begegnen, so exorbitant steigt wie zur Festzelt-Saison: „Immer Standort, Pfefferspray, Herz klopft laut“. Diese Zeilen von Paula Hartmann und Céline beschreiben exakt meine Gefühlslage auf dem Heimweg durch U-Bahn-Tunnel und schlecht beleuchtete Parks. In ihrem Song „3 Sekunden" geht es um ein Thema, das Frauen tagtäglich auf ihrem Weg nach Hause begleitet: sexuelle Belästigung und die ständige Angst vor ihr.
Immer auf der Hut
Ich muss zum Charlottenplatz. Von da aus nur ein paar Stationen. Wird schon nichts passieren, denke ich, als ich in den Tunnel mit flackernden Neonröhren laufe. Niemand weit und breit zu sehen. Ich atme aus. Eigentlich würde ich jetzt gerne Musik hören. Mich mit Paula und Céline auf den Ohren vielleicht sogar etwas sicherer fühlen. Meine Kopfhörer aufzusetzen, traue ich mich aber doch nicht. Zu gefährlich, möglicherweise nicht mehr mitzubekommen, was um mich herum passiert.
Ich höre meine Absätze auf den Fliesen – und plötzlich schnelle Schritte hinter mir. Direkt hinter mir. Jemand schneidet mir den Weg auf den Treppen ab. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Der Mann, der mich gerade fast überrannt hat, torkelt vor mir die Stufen runter. Nichts passiert, versuche ich, mich zu beruhigen. Wahrscheinlich ist er nur betrunken und das war aus Versehen. Ich warte noch kurz, bis er weg ist. Sicher ist sicher. Auf der letzten Stufe bleibt er stehen. Er dreht sich langsam um und grinst mich an. Bitte nicht. „Ey, was machst du denn hier? Ganz allein“, lallt er. Ich rolle mit den Augen. Schön wär`s. Allein. Ich will doch einfach nur nach Hause. Allein. Was soll ich machen? Umdrehen? Ihm zeigen, dass ich Angst habe? Ihn „gewinnen“ lassen? Oder an ihm vorbeilaufen? Ich krame in meiner Tasche. Nicht, dass es mir wie Paula geht: „Nicht aufgepasst, fuck, Augenkontakt. Dann `ne Viertelstunde Talk, warum es mit uns nicht klappt.“ Bloß keine falschen Signale senden. Als ich wieder vorsichtig nach oben schaue, ist er weg. Meine Bahn kommt. Ich laufe die Treppen runter und gucke nach links und rechts, wie ein ängstliches Kind, das die Straße überqueren will. Ich sehe, wie er in einen der hinteren Waggons stolpert. Glück gehabt – vorerst. Sollte ich lieber auf die nächste Bahn warten? Und vielleicht auf den nächsten Betrunkenen hier am Gleis? Bloß nicht. Ich will jetzt nach Hause.
Drama mit Happy End?
In meinem Waggon sitzt eine Freundesgruppe, ein Paar und ein Mann. Ich setzte mich ganz nach hinten, behalte mein Umfeld genau im Blick und beginne damit, die Dramaturgie meines Heimwegs wie die Regisseurin eines Theaterstücks zu planen. Es gibt drei Akte: Aussteigen, Laufen und schließlich – hoffentlich – Ankommen.
Der erste Akt steht bevor: Beim Aussteigen ziehe ich meine Kapuze auf und nehme meinen Schlüssel in die Hand. Um gleich schnell aufzuschließen, versuche ich, mir einzureden, nicht, um mich möglicherweise zu verteidigen. Die ersten drei Sekunden sind geschafft. Ich drehe mich um. Nur dunkle Nacht. Zweiter Akt: Ich laufe schneller. Um den dunklen Eingang zur verlassenen Passage mache ich einen großen Bogen. Als ich Männerstimmen hinter mir höre, biege ich ab. Eigentlich ist das gar nicht mein Heimweg. Naja, wenigstens gut beleuchtet.
Der dritte Akt scheint zum Greifen nah. Ich drehe mich ein letztes Mal um und schließe die Tür auf. Nicht dass mir jemand gefolgt ist und versucht, sich hinter mir in den Hausflur zu drängen. Schnell rein. Licht an. Tür zu. Endlich! Fin.
Ich vergewissere mich kurz im Gruppenchat mit meinen Freundinnen. Erleichterung. Alle sind gut zu Hause angekommen. Gut angekommen. Bin ich auch. Ist ja nichts passiert. Oder?
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: