Die Grenzen der Kleinstadt
Ich sitze mit meinen Kommiliton*innen am Tisch. „Hey, wohin wollt ihr eigentlich fürs Auslandssemester?“ Ein altbekanntes Thema, das mit sehr viel weggeschlucktem Stress verbunden ist, aber nie alt wird. Wir haben Angst, wir sind aufgeregt, wir können es schon fast nicht mehr erwarten. Mein Herz fängt schon wieder an, Sprünge zu machen. Dieses Gefühl von Unsicherheit über die Zukunft gepaart mit einer gesunden Prise Sehnsucht ist mir altbekannt.
Es zieht mich wieder raus in die Welt, raus aus Deutschland, raus aus Stuttgart (obwohl ich erst seit einem Jahr hier bin und es eigentlich ganz schnuckelig ist). Ich brauche wieder etwas Neues, brauche die Aufregung, brauche diesen Nervenkitzel der Unsicherheit. Nein, ich bin kein Adrenalin-Junkie. Gar nicht. Achtung: Sarkasmus. Aber mal die Sucht nach Adrenalin beiseite. Ich finde, jeder Mensch braucht eine gesunde Menge an Veränderung im Leben. Abwechslung ist nicht ohne Grund als die Würze des Lebens bekannt.
Meine Gedanken schweifen weg von der Unterhaltung am Tisch in der Uni, raus aus Stuttgart und zurück in meine Heimat: eine Kleinstadt in Bayern. Automatisch fängt mein Gehirn an, wie eine interne Juke-Box zu agieren und spielt den einen Song, den ich mit meiner Kleinstadt verbinde. „Geezer“ von Kevin Abstract und Dominic Fike. Vor allem die Stelle, die mich am meisten packt, wiederholt sich wie eine zerkratzte CD immer und immer wieder in meinem Kopf: „Bank put up the buildings and your parents build the fences. Please don’t stay behind them in your mid-twenties. You way more special than what that neighborhood is givin‘.“ Grob übersetzt will diese Lyrik so viel sagen wie „Lass dich von den Zäunen, die in deiner Kindheit um dich herum errichtet wurden, nicht einschränken.“ Der Song ist also eine Warnung vor den Schattenseiten, wenn man sein eigenes Potenzial nicht ausschöpft.
Das Lied lässt mich auch im Bus nicht los. Nach einem kleinen Kampf mit dem Kabel meiner Kopfhörer und etwas zu viel Scrollen, finde ich unter den 40 GB an Songs diesen einen, den ich gerade brauche. Und meine Gedanken schweifen wieder ab.
Die Zäune der Kleinstadt…
Wenn ich zurück an meine Heimatstadt denke, kommt ein Mix aus brennender Nostalgie und bedrückender Stimmung auf. Abgesehen von meiner Familie, die noch dort lebt, vermisse ich diesen Ort allerdings nicht sonderlich. Meine Kindheit und Jugendzeit sind durchgängig davon geprägt, aber ich bin mittlerweile nur selten dort. Meine Vergangenheit ist Vergangenheit. Ich bin mit 18 Jahren, ziemlich direkt nach dem Abitur aus der bayerischen Kleinstadt in eine kanadische Metropole abgehauen. Ich wollte – nein, musste – raus in die Welt. Nach Toronto folgte Stuttgart und mittlerweile fühlt sich die Stadt, in der ich aufwuchs, vollkommen fremd an. Mit jeder Ankunft am kleinen Bahnhof, verstärkt sich das erdrückende Gefühl um meinen Brustkorb. Als ob der Käfig meiner Vergangenheit mich wieder einschließt.
In meiner Heimatstadt habe ich das Gefühl, in der Zeit zurück zu reisen. Wie ein Astronaut, der in der Kreidezeit gelandet ist. Die Leute dort haben dieses eine Bild von mir im Kopf, das sie wohl nicht loslassen können – oder nicht loslassen wollen. Und genau das stört mich. Kleinstadtbewohner*innen sind für mich klassische Gewohnheitstiere. Die gleichen Straßen, die gleichen drei Cafés und die gleichen Menschen, mit denen man ständig unangenehmen Small-Talk führt. Täglich grüßt das Murmeltier.
In meinem jetzigen Leben ändert sich alles. Alles wird aufregend. Ich mache so viele Erfahrungen und lerne so viel dazu. Und genau diese ständige Veränderung ist, was mich am Leben in einer Großstadt reizt. Aber, hey, in meiner Heimatstadt hat der H&M jetzt zugemacht. Das ist doch auch was Neues.
…werden zu Mauern im Kopf
Neuheit kann so schnell zu groß wirken. Veränderungen können so schnell zu einschüchternd sein. Die Zäune, die dir in deiner Kindheit und Jugendzeit gebaut werden, können so schnell zu hoch erscheinen, um sie zu überwinden. Aber es lohnt sich immer, über sie hinauszuklettern. Denn wenn wir uns nie aus unserem gewohnten Umfeld trauen, wie wissen wir, wer wir wirklich sind? Wie wissen wir, wie besonders wir außerhalb unserer Nachbarschaft sein können?
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind:
In jeder Ecke der Welt, ein Stück Familie
Draußen ist Krieg – aber wie siehts drinnen aus?