Die Schleifspur unserer Existenz
Ich liebe Graffiti. Ich würde es wahrscheinlich weniger lieben, wenn es auf meine Hauswand geschmiert wäre, aber glücklicherweise können wir jungen Leute uns keine Häuser leisten. Graffitis machen die Zugfahrt, in der ich seit drei Stunden stecke, etwas interessanter, verleihen den kahlen und dreckigen Fassaden der vorbeischießenden Gebäude etwas Leben. Das unangenehm laute Klappern des Wagons pocht in meinem Ohr und übertönt alles, außer den Gedankenfluss in meinem Kopf. Ich stecke noch immer bei diesem einen Graffiti fest: „REMEMBER ME“. Ein Versuch, sich mit Kunst zu Verewigen. In knalligem Rot, umrandet von einem tiefen Schwarz. Vergleichsweise simpler Stil und trotzdem ein einschneidender Kontrast zur grauen Mauer, die Graffiti-sei-dank jetzt ein gutes Stück interessanter ist.
Eine Zeile Musik verheddert sich plötzlich in meinem verwirrenden Netz an Gedanken und weigert sich, loszulassen: „A drag path etched in the surface as evidence I left there on purpose". Für mich bedeuten diese Worte ganz einfach so viel wie „eine absichtlich hinterlassene Schleifspur“.
Mein Blick schweift runter auf den kleinen, vertrauten Bildschirm und ich öffne meine Dateien. Ehrlicherweise bin ich nur selten hier drinnen und meistens nur auf der Suche nach dieser einen Audiodatei. Meine Nase fängt aus Reflex an zu kitzeln, als würde ich Staub von den Megabytes pusten. Endlich poppt das knallrote Albumcover unter den verschwimmenden Farben hervor. Der Song? „Drag Path“ von Twenty One Pilots. Ich höre nicht die neue, überarbeitete Version auf Spotify, weil ihr irgendetwas fehlt. Ich krame stattdessen in meiner Gruft an verstaubten Dateien herum, wenn mich das Bedürfnis nach diesem Lied packt. Die Originalversion, die auf Reddit herumgereicht wird wie diese eine Kippe vorm Club, hat einfach den besseren Vibe. Diese Version trifft jedes Mal genau ins Schwarze.
Das Leben ist kurz. Im Großen und Ganzen unseres Planeten sind wir nichts als ein kurzer Wimpernschlag, aus Sicht unseres Universums noch weniger. Und trotzdem haben wir das Bedürfnis – nein, das Verlangen – gesehen zu werden. Gehört zu werden. Wir wollen Verbindung. Wir wollen gefunden werden.
Ein menschliches Bedürfnis
Man muss nicht unbedingt groß rauskommen. An die Kinoleinwand, in die Charts oder in Museen. Aber niemand will in Vergessenheit geraten. Wir wollen unser schon fast mickrig kurzes Dasein in der langen Geschichte der Menschheit in Stein meißeln.
Ein durchgängig menschliches Attribut, wie ich finde. Schon unsere Vorfahren benutzten Kohle, Ocker und Blutstein, um ihre Geschichten festzuhalten und ihre Existenz zu verkünden. Dieses Bedürfnis, in Erinnerung zu bleiben, schleppt sich durch unsere gesamte Geschichte. Aus Blutstein wurde Nagel in Stein, Pinsel auf Leinwand, Tinte auf Papier.
So schmieren wir heute mit knallig rotem Lippenstift die Wände in Bar-Toiletten voll, kleben bunte Sticker auf Pfosten, kritzeln mit Kreide auf dem Teer herum und besprühen graue Mauern mit farbenfrohem Graffiti. Wir hinterlassen eine Schleifspur als Beweis für unsere Existenz auf dieser Welt.
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind:
In jeder Ecke der Welt, ein Stück Familie
Draußen ist Krieg – aber wie siehts drinnen aus?