„You can’t be everything you wanna be before your time“
Soundtrack unserer Zwanziger
Freitagabend. Ein paar meiner Freundinnen tanzen in irgendeiner Bar zu Rihanna und haben die beste Zeit ihres Lebens. Ich dagegen liege im Bett. FOMO? Klar. Um mich abzulenken, öffne ich Instagram. Spoiler-Alarm: schlechte Idee! Die eine teilt freudig ihre Verlobung, der andere postet den Sonnenuntergang auf Bali. Ein Swipe weiter: Finisher-Medaille, Sixpack und breites Grinsen. Ernsthaft?
Ich flüchte zu Pinterest. Traumhaus-Board, Traumjob-Board, Traum-alles-Board. Hier ist mein Leben perfekt durchgeplant. Doch dieses Traum-alles-Board fühlt sich so unerreichbar an. Ich mache das, was ich immer mache, wenn ich überfordert bin: Ich öffne Spotify und drücke auf Play. Billy Joels gefühlvolle Stimme füllt den Raum: „Slow down, you’re doing fine.“ Plötzlich wird mein Zimmer zum Therapieraum. Ein Moment der Ruhe inmitten des Gefühlschaos. „Vienna“ ist Billy Joels zeitloser Weckruf, den selbst auferlegten Turbo-Gang herauszunehmen.
Zwanziger FÜR DUMMIES?
„But then, if you’re so smart, then tell me, why are you still so afraid?“ Gute Frage, Billy. Warum? Vielleicht, weil sich die Zwanziger anfühlen, als stünde man in einem Flur voller Türen, ohne irgendeinen Raumplan zur Orientierung. Auf einmal ist da niemand mehr, der sagt, was als Nächstes kommt oder wo es langgeht. Die Qual der Wahl ist der heimliche Soundtrack unserer Zwanziger.
Ziehe ich in die Stadt oder bleibe ich daheim? Studiere ich das Richtige? Bin ich bereit für eine ernsthafte Beziehung?
Unendlich viele Fragen im Kopf, aber kein Cheatsheet mit Antworten. „Zwanziger für DUMMIES“ – ein Buch, das ich gerade dringend bräuchte.
Aber ehrlich: Lostsein fühlt sich mies an. Kein ästhetisches Selbstfindungschaos, sondern pure Unsicherheit.
Granatapfel-Chaos
Vielleicht gehört Lostsein zum Erwachsenwerden dazu, wie das mühsame Zerteilen eines Granatapfels. Eine schmutzige Arbeit, aber für die süßen Kerne lohnt es sich. Orientierungslosigkeit ist kein Defizit, sondern ein Privileg. Sich verlaufen, neu sortieren, Dinge ausprobieren, scheitern, weitermachen. Man lernt, auf sich selbst zu hören statt auf Erwartungen anderer. Irgendwann findet man im Chaos die Richtung, die auch wirklich die eigene ist. So klingt: „You can′t be everything you wanna be before your time“ wie eine warme Umarmung. Eine Erinnerung daran, dass es völlig normal ist, noch nicht da zu sein, wo man irgendwann hinwill.
Leben im eigenen Takt
Während die einen Businesspläne machen, planen andere Backpacking-Routen und wieder andere planen, wie sie diesen Monat die Miete zahlen. Während verliebte Paare ihr erstes Baby in den Schlaf wiegen, wiege ich ab, ob das dritte Mal Nudeln mit Pesto die Woche noch vertretbar ist.
Überall flüstert Social Media: „Beeile dich. Du hängst hinterher.“ Aber wem eigentlich? Wir vergleichen uns ständig, als gäbe es eine geheime Zeitvorgabe. Billy hat Recht: „Where′s the fire? What’s the hurry about?“ Wir müssen aufhören, unser Tempo am Leben anderer zu messen. Manche finden früh ihren Traumjob oder die große Liebe, andere brauchen eben länger.
Mit Anfang 20 muss niemand wissen, wie der Rest des Lebens aussehen soll. Also stopp. Atmen. „Slow down, you crazy child. You’re so ambitious for a juvenile.“ Manchmal ist genau das alles, was man an einem Freitagabend hören muss: Dass man nicht zu spät dran ist. Nicht für die Karriere, nicht für die Liebe, nicht fürs Leben. Wir alle spielen in unserem eigenen Takt und das ist völlig okay.
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind: