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Kolumne
Die unerfahrenen Zwanziger

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Mit Mitte 20 stellt sich mir hin und wieder die Frage: Bleibe ich für immer allein? | Bild: Ilenia Lucisano

Kolumne Die unerfahrenen Zwanziger

Mit Mitte 20 stellt sich mir hin und wieder die Frage: Bleibe ich für immer allein? | Bild: Ilenia Lucisano
 

19 Jan 2023

Zwischen Erzählungen von Tinder-Dates, Beziehungen und Eroberungen beim Feiern gehen, gibt es auch uns: die unerfahrenen Zwanziger. Eine Kolumne über die Ängste und Zweifel einer Generation.

Ilenia Lucisano

CR/PR
seit Wintersemester 2021
IdentitätLGBTQIA+GesellschaftPsychologie

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Auf dem Weg zur Arbeit laufe ich über die Königsstraße. Heute fallen mir vermehrt Paare auf, die Hand in Hand durch die Stadt spazieren, sich Schaufenster anschauen und gemeinsam lachen. Sie tauschen Küsse und liebevolle Blicke aus. Ich muss schmunzeln und stelle mir die Frage: „Werde ich das auch mal haben? Oder bleibe ich doch für immer allein?“ Wenn es um das Thema Liebesbeziehungen geht, bin ich nach Jahren der Selbstreflexion eigentlich gefestigt. Ich habe einen inneren Frieden mit meiner Situation geschlossen. Schließlich ist mir bewusst, dass man in Liebesangelegenheiten nichts erzwingen kann. Ich definiere Glück nicht darüber, ob abends jemand neben mir liegt oder nicht. Über die Jahre bin ich zu meiner eigenen Priorität geworden. Aber trotzdem entsteht hin und wieder ein Druck, der mit vielen Ängsten verbunden ist, da ich mit meinen 25 Jahren noch keinerlei Erfahrungen in puncto Liebe gesammelt habe. Keine Dates. Kein Händchenhalten. Kein Kuss. Nicht mal eine Kindergartenbeziehung. Nichts. Mit meinen Freunden mache ich Witze darüber, dass ich eine Nonne bin. Je älter ich werde, umso realistischer wird das Bild meines 70-jährigen Ichs als verrücke Katzen-Lady. Liegt es doch an mir, dass ich mich in dieser Situation befinde? 

Die Ängste der Unerfahrenen

Statistisch gesehen haben die meisten Menschen in Deutschland ihr erstes Mal mit 17. Im eigenen Umfeld hört man auch ständig Geschichten über Beziehungen, Dates oder One-Night-Stands. Aber ja, uns gibt es auch. Menschen in ihren Zwanzigern, die eine innere Scham entwickeln, sich als unerfahren zu offenbaren. Menschen, die einem Erwartungsdruck ausgesetzt sind, die perfekte Liebe zu finden. Man redet nicht darüber, hat mit Ängsten zu kämpfen, die alles andere als den eigenen Selbstwert stärken. Diese Ängste suchen auch mich heim: Bin ich nicht liebenswert genug? Verpasse ich in meinen jungen Jahren wichtige Erfahrungen? Bin ich so unattraktiv, dass mir nicht mal eine Tüte über dem Kopf helfen würde? Werde ich auf ewig der Kumpel-Typ bleiben? Das Schlimmste daran ist das Gefühl, allein in dieser Situation festzustecken. Kein Wunder. Die Anzahl der Studien, die es zu dem Thema gibt fallen mehr als bescheiden aus. Anscheinend kann jede*r andere in den Zwanzigern einen stolzen Lebenslauf mit allerlei verschiedenen Erfahrungen vorzeigen. Dabei genügt eine tiefere Recherche im Internet und es finden sich etliche Beiträge und Videos auf YouTube und Foren von Gleichgesinnten. Von Menschen in ihren Zwanzigern, die offen von ihrer Unerfahrenheit und ihren Ängsten berichten. So allein mit dieser Unerfahrenheit können wir also gar nicht sein, oder?

Der Vorteil der Unerfahrenen

Je älter wir werden, umso bewusster wird die Vorstellung darüber, was wir von der Liebe erwarten. Wir wachsen, wir reifen, sind gefestigt in unserer Persönlichkeit. Die Gefahr, eine toxische Beziehung zu führen, sinkt. Ein Vorteil für Körper und Geist. Das ewige Jagen nach der Liebe führt ohnehin nur dazu, dass die Beute sich am Ende als unbrauchbar herausstellt. Außerdem bedeutet unerfahren sein nicht, einsam zu sein. Liebe und Zuneigung finden wir auch in wundervollen freundschaftlichen Beziehungen. Unsere Unerfahrenheit definiert nicht unseren Selbstwert. Um es ausgelutscht auszudrücken, findet sich für jeden Topf doch irgendwann der passende Deckel. Jede*r hat sein eigenes Tempo und das sollten wir lernen zu akzeptieren. Trotzdem appelliere ich an meine gleichgesinnten unerfahrenen Menschen: Redet offen darüber. Steht dazu. Denn nur so können wir das normalisieren.

Mehr von der Kolumne "Die Ängste einer Generation" findest du hier.