Vor Sieben Jahren kam Eric in den Sperlingshof, eine Hilfseinrichtung für Jugendliche. Mittlerweile ist es sein Zuhause, die Erziehenden sein "Elternersatz" und die Aufgaben im Haushalt seine Routine. Auch ohne Familie erscheint Eric wie ein ganz normaler 16-Jähriger. 

Lotte Kasper

Vor Sieben Jahren kam Eric in den Sperlingshof, eine Hilfseinrichtung für Jugendliche. Mittlerweile ist es sein Zuhause, die Erziehenden sein "Elternersatz" und die Aufgaben im Haushalt seine Routine. Auch ohne Familie erscheint Eric wie ein ganz normaler 16-Jähriger. 

Lotte Kasper

Zwischen Regeln und Freiheit: Erics Leben auf dem Sperlingshof

Zwischen Regeln und Freiheit: Erics Leben auf dem Sperlingshof

Die Sohle seiner Adidas-Slipper klatschen auf den Linoleum Boden. Eric ist in Eile, schließlich putzt sich das Bad nicht von allein. Etwas Putzwasser tropft vom feuchten Lappen herunter. Er rutscht aus, fängt sich wieder und hastet ins zweite Bad. 

An jeder Badezimmertür hängt ein Schild mit den Namen der Benutzer. In Erics Bad, bestehend aus Waschbecken und Dusche, das er sich mit zwei Mitbewohnern teilt, steht er jetzt vor dem Spiegel und wischt grob darüber. 

Das Putzen ist heute sein „Amt“. Die „Ämter“ wie Mülleimer leeren, Fegen und Wischen oder Wäsche machen, müssen erledigt sein, bevor er sich mit Freunden treffen darf. Flo, der Erzieher, kommt dazu: „Wie sieht denn dein Zimmer aus Eric?“, fragt der Erzieher. „Gut.“ „GUT?“, ruft Flo, nachdem er den Raum betreten hat. Schnell hebt Eric die letzten Teile von seinem Boden auf, wirft sie eilig auf die Couch. Flo gibt sich damit zufrieden. 

Das Leben vor dem Sperlingshof

Eric ist 16 Jahre alt und lebt seit sieben Jahren im Sperlingshof, einem heilpädagogischen Kinder- und Jugend-Hilfezentrum in Remchingen, bei Pforzheim. Er wohnt im ersten Stock vom „Haus 3“. Gemeinsam leben hier acht Jungen im Alter von zwölf bis 17 Jahren. Nur ein Junge ist schon länger hier als Eric. Die beiden sind auch die einzigen, die das „Haus 3“ in den Faschingsferien mit Leben füllen. Alle anderen sind zuhause, bei ihren Familien. 

Die meisten Kinder im Sperlingshof haben Eltern, die aufgrund von Schicksalsschlägen oder anderen Problemen nicht mehr in der Lage dazu sind, im Alltag für ihre Kinder da zu sein. Auch bei Erics Mutter ist das der Fall. Im Alter von fünf Jahren verlor Eric seinen Bruder durch einen Unfall. Danach schaffte es seine Mutter nicht mehr sich um Eric zu kümmern. Als er schließlich ein ganzes Jahr lang kaum zur Schule gegangen war, schaltete sich das Jugendamt ein. Seitdem lebt er in der Hilfseinrichtung. An seine Kindheit hat er kaum Erinnerungen. Er spricht nur wenig über seine Mutter. Die Erziehungsberechtigung liegt momentan noch bei ihr. Allerdings will sich das Jugendamt um eine Vormundschaft bemühen, um Dinge für Eric zu erleichtern, da seine Mutter nur schwer erreichbar ist. Sein Schicksal sei in Ordnung für ihn, sagt er, er könne sich gut anpassen.

Warum genau sein Vater in seiner Kindheit nicht vor Ort war, weiß er nicht. Seit zwei Jahren stehen die beiden in Kontakt. Er hat ihn auch schon mal besucht, in Bayern, wo er jetzt mit seiner neuen Lebensgefährtin und deren Kindern lebt. Die beiden würden regelmäßig miteinander telefonieren oder schreiben. Eine richtige Verbindung verspürt Eric jedoch nicht zu ihm. 

Seine Antworten sind knapp, wenn es um seine Familie geht: Er erinnert sich nicht, es ist okay, „mhm“ oder „mmh“. Wenn er aus dem Sperlingshof auszieht, möchte er auch mit diesem Kapitel seines Lebens abschließen. Dass er noch Kontakt zu Erziehenden hält, kann er sich nicht vorstellen. 

Ein ganz normaler Jugendlicher

Eric hat frisch blondierte Haare. Die leere Packung steht noch im Bad. Ganz spontan habe er sich vor kurzem dazu entschieden, eine Erzieherin hat sie ihm gefärbt. Dieses Jahr hat er zum ersten Mal Fasching gefeiert und dabei wurden seine Haare grün angemalt. „Sieht man das immer noch? Ich hab Angst, dass es gar nicht rausgeht.“ 

Das Wochenende hatte er durchgehend mit Freunden verbracht, hat von Freitag bis Montag dort übernachtet. Bei einem Faschingsumzug hat er ein bisschen getrunken. Seine Sonnenbrille wurde geklaut, aber er hatte Spaß. 

Bild von Regelblättern
Beim Eintreten in das „Haus 3“ wird man von Regelblättern, Schicht- und Essensplänen begrüßt.
Quelle: Lotte Kasper

Die Regeln des „Haus 3“ hängen direkt gegenüber der Eingangstür. Auf dem „Stufe-Boni-Plan“ sind die „Freiheiten“ der einzelnen Jugendlichen festgehalten. Wer Ärger macht, verliert „Boni“. Eric darf alles: bis 22 Uhr wach bleiben (in den Ferien bis 22:30), Ausgang nach Remchingen, Pforzheim oder Karlsruhe, seinen Zimmerputz verschieben und Döner oder Pizza essen. Nur ein Bewohner wurde auf „Neustart“ zurückgestuft. Er wurde, neben anderen Vergehen, beim Kiffen erwischt. 

Auf fünf DinA4 Seiten sind alle Hausregeln festgehalten. Die meisten Räume, auch die Küche und die Vorratskammer, dürfen nur nach Anfrage betreten werden. Teilweise werden sie auch verschlossen, damit nichts wegkommt. Bevor das Büro der Erziehenden betreten werden darf, wird angeklopft und gefragt: „Darf ich reinkommen?“ Neben den verschiedenen Regel- und Hinweisschildern sind die Wände der Flure voll von Bildern, auf denen die Bewohner gemeinsam mit den Erziehenden in die Kamera grinsen. 

Acht Jungs in einem Haus

Der Sperlingshof besteht aus sieben Wohngruppen, die nach Alter der Bewohner aufgeteilt sind. Mit den Jugendlichen aus den anderen Häusern hat Eric wenig zu tun, es sei denn, sie spielen zusammen Fußball. Seine Freunde hat er aus der Schule, mit seinen Mitbewohnern versteht er sich zwar gut, als enge Freunde würde er sie jedoch nicht bezeichnen. 

2023 lebten etwa 128 Tausend junge Menschen in Heimen oder ähnlichen sozialen Einrichtungen, wie dem Sperlingshof. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen verbringen durchschnittlich zwei-einhalb Jahre außerhalb ihrer Familien. Im Sperlingshof sind es etwa zwei Jahre. Wenn jemand die Wohngemeinschaft verlässt, ist das Eric meist egal. Er lernt seine Freunde durch die Schule oder den Sport kennen, während andere Bewohner hauptsächlich untereinander vernetzt sind. Er würde sich mit allen auf dem Hof gut verstehen, eine enge Freundschaft sei aber nicht dabei. 

Nächstes Jahr wird Eric seine mittlere Reife erreichen. Auf seine Noten ist er sehr stolz, vor allem Sport (abgesehen vom Bodenturnen) und Deutsch liegen ihm. Mathe und Kunst weniger. Er würde gut im Unterricht mitmachen, seine Mitschüler allerdings zu Streichen und Unruhen anstiften. „Ich fange einfach an, auf den Tisch zu klopfen und dann macht es jeder“, erzählt er. Andere seien aber deutlich schlimmer als er. „Letztes Jahr hatten wir einen in der Klasse, der ist aber sitzen geblieben und der hat noch mehr Scheiße gebaut. Das ist krass.“ Wenn Eric von diesen Streichen erzählt, lacht er laut und strahlt. 

Auf seine schulischen Leistungen ist er sehr stolz. In der Grundschule hatte er in der dritten und vierten Klasse das beste Zeugnis. Seine Klasse sei voll mit Schwänzern, er sei allerdings sehr gewissenhaft – Fehltage stehen bei ihm keine im Zeugnis. Dazu ist er zu zielstrebig. Eric ist gern der Beste, das gibt er offen zu. Nach seinem Abschluss möchte er seine Fachhochschulreife machen und anschließend studieren. Sein Traum wäre es, Fußballkommentator zu werden. 

Eric ist schon mehrmals im Stadion gewesen und spielt seit drei Jahren selbst in Keltern im Verein. Wenn niemand Lust hat, spielt er auch allein. 

Lotte Kasper

Eric ist schon mehrmals im Stadion gewesen und spielt seit drei Jahren selbst in Keltern im Verein. Wenn niemand Lust hat, spielt er auch allein. 

Lotte Kasper

Obwohl es drinnen verboten ist, balanciert er den Ball. Irgendwann verliert er doch die Kontrolle darüber. Der Ball fliegt gegen die Wand und reißt den Spiegel mit einem lauten Knall auf den Boden. „Ist alles in Ordnung?“, ruft die Erzieherin Steffi von unten. Später straft sie ihn mit einem strengen Blick – „Dir ist schon klar, dass es verboten ist, drinnen zu spielen“ 

Jetzt in den Faschingsferien, wenn so wenige Jungs da sind, arbeiten die Erziehenden lange Schichten von bis zu 24 Stunden. Trotzdem taucht immer wieder jemand neues auf, Steffi wird von Manuel abgelöst. Um 15 Uhr sitzt der mit gespreizten Beinen auf dem Boden. Max* und Eric liegen ihm gegenüber eng nebeneinander auf der grauen Couch. Die Tagesbesprechung steht an. Schon wieder geht es ums Putzen. Dieses Mal soll Eric den Flur sauber machen, der sehe aus wie Scheiße. „Kann ich das heute Abend machen?“, fragt er und setzt sich auf. Eigentlich war er schon vor einer halben Stunde mit einem Freund verabredet. 

„Ich will einfach den Max nicht überstrapazieren, nur weil er ans Haus gefesselt ist. Und du bist halt auch blond, da solltest du auch was machen“, lacht Manuel. „Wisst ihr, dass ihr wie Yin und Yang ausseht? Ihr zwei?“, der Erzieher spielt auf die frisch blondierten Haare von Eric und Max‘ dunkle Haare an. „Nein.“ – „Okay, alles klar. Eric du willst Ausgang?“

Während Eric Manuel erklärt, welchen Freund er treffen möchte und warum er gefahren werden sollte, liegt Max auf der Couch und spielt an seinem Handy herum. Manuel bietet an, Eric nach dem Einkaufen zu seinem Freund zu fahren. „Wird schwer. Wir wollten uns schon vor einer halben Stunde treffen“, lacht Eric. „Tut mir echt leid für Jakob. Jakob? Das war nicht der, der mein Essen nicht gegessen hat, ne?“ – „Nee, der hieß anders. Der konnte es nicht essen, weil es haram war. Ich glaub, dem hat es hier sehr gefallen“, sagt Eric. „Echt?“ – „Nee.“ „Ich denke doch gerade“, lacht der Erzieher, „Ich hab doch alles dafür getan, dass der nicht wiederkommt. Ne Spaß.“ Der Schlagabtausch zwischen Eric und Manu wirkt spielerisch, wie unter guten Freunden oder Brüdern. Ständig etwas böse gesagt - nie etwas böse gemeint. 

Das Ferienprogramm würde für heute eigentlich einen Schwimmbadbesuch vorsehen, aber Manuel hat seine Badehose vergessen. Eric möchte sowieso nicht schwimmen. „Weil ich danach cringe aussehen werde. Meine Haare werden dadurch grün, glaube ich. Hab ich mal gehört. Durch das Chlorwasser. Und ich will nicht mit einer Badehaube rumlaufen.“ „Du gibst mir schon wirklich viele Vorlagen, Eric. Ich versuche mich hier zurück zu halten“, lacht Manuel. 

Manuel ist ausgebildeter Jugendheimerzieher, seit 2018 arbeitet er im Sperlingshof im „Haus 3“. Über die Frage, wie er seine Rolle als Erzieher beschreiben würde, muss er nachdenken. 

Lotte Kasper

Manuel ist ausgebildeter Jugendheimerzieher, seit 2018 arbeitet er im Sperlingshof im „Haus 3“. Über die Frage, wie er seine Rolle als Erzieher beschreiben würde, muss er nachdenken. 

Lotte Kasper

„Wir sind nicht die Freunde der Jungs, wir sind aber auch nicht die Eltern.“ Gewisse elterliche Aufgaben müssten natürlich durch die Erziehenden getragen werden, allerdings aus einer anderen Perspektive: „Weil wir halt in der Regel ein anderes Alter haben. Obwohl sich das so langsam ändert“, erklärt er und lacht. 

„Elternersatz“ erscheint ihm als passender Begriff. „Ich würde nicht Papa oder Mama Ersatz sagen, weil ich das immer sehr persönlich finde. Elternersatz definitiv. Aber auch ein Stück weit Bruderersatz, wie auch immer. Und man muss auch nicht immer was ersetzen.“ 

Eine Beziehung zu den Jugendlichen entwickelt sich für Manuel zwangsläufig. Wenn dann ein Jugendlicher den Sperlingshof verlässt, sei das für die Erziehenden immer ein großer Abschied. „Im Optimalfall kann ich sagen, dass wir viel Gutes erreicht haben. Jemanden zu einem mündigen Erwachsenen geformt haben.“ 

Eric kann vielleicht im Sommer das „Haus 3“ verlassen. Er könnte ins „betreute Jugendwohnen“ wechseln, eine Wohngemeinschaft, in der keine durchgehende Betreuung durch Erziehenden gegeben ist. Grinsend erklärt er, dass er der Jüngste wäre, der dort einziehen würde. Selbstständigkeit sei für ihn kein Problem. Bald wird er dort „Probewohnen“, um es auszuprobieren. Zutrauen würde er es sich. 

 

*Die Namen der Protagonisten wurden geändert. Die Identitäten sind der Redaktion bekannt.