Panikattacken - das Gedankenwuseln
Gleis 7, Abfahrt nach Würzburg in wenigen Minuten. Die Leute stapeln sich in den Zuggängen. Fenster, die aussehen, als könnte man sie öffnen. Kann man nicht. Ich schaue auf die Uhr, atme durch die Nase, meine Hände fangen an zu schwitzen. Soll ich doch noch aussteigen? Ich könnte mit dem 21:00 Uhr Zug fahren. Der ist weniger überladen. Hinter mir spielt ein Mann seine TikTok ForYou-Page auf voller Lautstärke ab. Ja ist klar, wir wollen das natürlich auch alles mitbekommen. Die Toiletten? Defekt! Ich höre das schrille Piepsen der sich schließenden Zugtür. Eine Bierdose zischt. Nun, den Geruch rieche ich jetzt auch. Ekelhaft! Und zack schaltet meine Atmung auf den nicht erstrebenswerten manuellen Modus um. Warum ist es hier drinnen so stickig? Merken das die anderen Passagiere nicht? Hmm. Nein, alle sind in ihre Handys vertieft. Die brummenden Reize in Kombination mit schlechter Luft drängen mich höhnisch dazu, wieder aufzustehen und den einzig möglichen Fluchtweg zu nehmen: Durch die Zugtür hinaus in die Freiheit. Nein, das kann ich nicht machen. Durch die Nase atmen. Soll helfen. Nein, meine Nase ist zu, jetzt kriege ich noch weniger Luft. Meine Sicht verschwimmt, ich blinzle. Boah, wäre das jetzt peinlich hier umzukippen! Was denken dann die Leute? Dass ich eine hyperventilierende Dramaqueen bin?
Die Panikattacke: Sie hat wohl einen schlechteren Ruf als Deutsche, die beige Birkenstock-Latschen mit Socken tragen. Wir schämen uns für sie in der Öffentlichkeit. Bloß keiner soll das mitbekommen. Man bilde sich dies schließlich alles ein und mache es nur für Aufmerksamkeit. Man solle sich nicht so anstellen. Oder?
Wenn der Kopf Alarm schlägt
Genau aufgrund von Aussagen wie diesen verwandelt sich der Gedankenstrudel in Momenten, die einen überfordern, zu einem Tornado der Stärke 4. Ich sitze aber nur in einem Zug. Mein Fight-or-Flight System ist auf Hochtouren und es werden fehlerhafte Alarmsignale an mein Gehirn geschickt. Das Ganze zeigt sich in den unterschiedlichsten körperlichen Symptomen, wie Atemnot und Schwindel. Panikstörungen können zwar in jedem Alter auftreten, aber häufig liegt der Beginn dieser wunderbaren Zeit im jungen Erwachsenenalter und der Höhepunkt zwischen 20 und 30 Jahren. Als hätten wir also in dieser Zeitspanne nicht schon genug zu regeln, bekommen wir diese Extraportion an emotionalem Kuddel-Muddel noch gratis dazu.
Wir wissen, dass das, was wir während einer Panikattacke fühlen meistens totaler Quatsch ist, trotzdem fühlen wir es. Hast du schon mal versucht, keine Schokolade zu essen, obwohl sie direkt vor dir liegt? Nein? Ich auch nicht. Es ist also nicht immer alles logisch und rational erklärbar. Das Problem an Panikattacken ist, dass man sie niemanden ansieht. Und was haben wir gelernt. Genau! Alles, was man nicht sieht, gibt es nicht! Ha! Falsch! Aber müssen wir uns dafür wirklich schämen? Nein. Wir denken, die Leute würden lachen, wenn wir im 4er-Sitz umkippen. Doch in Wahrheit wäre jeder normaldenkende Mensch zur Stelle. Der eine mit nassen Tüchern aus dem (defekten) Klo des Zuges, der andere mit seinem 4 Euro Ventilator von Temu. Wir katastrophieren uns in die Isolation, während der Typ nebenan völlig schamlos seine TikToks plärren lässt.
Leicht zitternd und mit schwerem Atem hole ich also meine kleine Notfall Apotheke heraus. Esse einen Traubenzucker, setze meine Kopfhörer auf, schalte meine Wohlfühl-Serie an, schaue nach draußen und versuche alles um mich herum auszublenden. Ich konzentriere mich auf meine Atmung, schließe die Augen und verdrehe über mich selbst die Augen…Ja klar, als ob ich jetzt keine Luft mehr bekomme. Hier sind 200 Leute im Zug, wenn hier also nur 3 Prozent Sauerstoff wären, dann würden die anderen ja auch keine Luft bekommen. Ich atme. Versuche das Gedankenchaos leiser zu drehen und schaue hoch: Alle immer noch vertieft in ihre Handys. Alles beim Alten.
Lust auf mehr Scham-Momente?
Hier geht's zu weiteren Folgen der Kolumne: