Shame on me 3 Minuten

Warum Feigen mir Angst machen

Eine Zeichnung einer Feige.
Hypochonder wie ich, haben übermäßige Angst vor gesundheitlichen Problemen. Mein Auslöser: die Feige. | Quelle: Frederike Lange
09. Juni 2026

Scham. Ein Gefühl, das wir alle nur zu gut kennen. Gerade in unseren Zwanzigern begegnet sie uns häufiger, als uns lieb ist. Manchmal mag Scham ihre Berechtigung haben, doch man sollte über Scham-Momente auch mal lachen dürfen. Heute: Warum Feigen mir Angst machen. 

Angst ist menschlich. Und wichtig. Und ja, auch ich fürchte mich. Manchmal. Dann mache ich das, was jede unter 30-jährige Person macht, um sich von ihren Ängsten abzulenken: Ich scrolle mir auf der Social-Media-Plattform meiner Wahl die Birne weg. Nur leider klappt das mit dem Ablenken nicht, wenn man auf die Lululemon-Yogahosen tragenden Bali-Barbies stößt, die Acai aus einer Kokosnussschale löffeln, und die Quelle meiner Angst „instagrammable“ am Rand der Schüssel liegt und mir zuzwinkert: eine Feige. Ja, das Obst. Kein Scherz! 

Die Feigen-Flucht

Wie ging dieser Trend nochmal? – We listen and we don't judge. Und mehr fordere ich für die kommenden Minuten nicht. Ja, ihr habt richtig gehört. Eine Feige. Denn Lebensmittel, die ich noch nicht gegessen habe, machen mir Angst – ich könnte ja unwissend allergisch darauf reagieren. Ich habe nämlich Krankheitsangst (hier ein Einschub für Glitzer und Konfetti), und die begleitet mich zum Beispiel beim Geburtstagsessen mit der Familie: In Stückchen liegt sie da, fleischig, dunkelrot, geschwenkt in einem mit Wildkräutern aromatisierten Öl, drapiert auf mondrunden Ravioli. Gerne hätte ich die Feigen-Flucht angetreten – dagegen ist Prison Break ein Kinderspiel. 

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Halb vor Vorfreude auf das Essen und halb deshalb, weil mein innerer Hypochonder gerade das Handbuch für allergische Reaktionen durch Steinobst durchblättert. Dann drehen die Turbinen in meinem Kopf vollkommen durch. Es ist fast so, wie wenn man einen Piloten beim Take-off beobachtet. Puls? Check. Luftröhre frei? Check. Kribbeln auf der Zunge? Negativ. Und wie beim Fliegen auch hoffe ich einfach darauf, in den ersten 30 Minuten nach dem Essen nicht als glühender Feuerball draufzugehen. Und by the way: Dieses Mal war es zwar keine schwere allergische Reaktion, die mir den Atem geraubt hat, sondern der Geschmack der Hauptspeise. Denn die Feigen-Ravioli waren sehr, sehr lecker. 

Täglich grüßt das "Hypochon-Tier"

Wenn ich einen medizinischen Rat brauche, dann mache ich, was jeder Mensch in dieser Situation macht, und frage Doktor Google nach Rat. Und bereue es auf Anhieb. Von Schwangerschaft über eine akute Gastroenteritis (auf Deutsch: Magen-Darm-Infekt) bis hin zu Prostatakrebs im Endstadium ist alles dabei (ich habe keine Prostata). Mayday, Mayday, Mayday. Wir Hypochonder sind durch dieses Krankgoogeln schon tausend Tode gestorben. Immer und immer wieder. Aber warum ist es für mich unangenehm, offen über meine Krankheitsangst zu sprechen? 

Das liegt daran, dass viele nicht verstehen, dass sich hinter diesem Verhalten eine ernstzunehmende psychische Erkrankung versteckt, bei der wir Hypochonder übermäßige Angst vor gesundheitlichen Problemen haben. Dabei sind körperliche Symptome echt spürbar, echt beängstigend und echt nervig. Und nein, Kevin, wir wollen kein Mitleid, keine Aufmerksamkeit und definitiv nicht als „Simulant“ abgestempelt werden. Während die Bali-Barbies also Inselhopping in Asien betreiben, bleibt uns Hypochondern oft nur das wenig glamouröse Ärzte-Hopping übrig. Dabei verlassen wir, anstatt mit Blumenkränzen um den Hals, die Praxis mit leeren Befundbriefen – was ein Downer. Dabei weiß ich ganz genau: Ich. Habe. Keine. Allergien. Weder auf Steinobst noch auf etwas anderes. Mein Kopf ist nur ziemlich gut darin, sich selbst zu veräppeln. Wie ein Schutzreflex, ein Rudiment aus der Kindheit, das mich vor Gefahren schützen will. 

Der Killer in der Nussmischung

Dabei ist Angst etwas Tolles. Wirklich! Du weißt schon: die gute alte Tiger-gleich-Flucht-Floskel aus der Steinzeit. Diese Steinzeittifizierung meines Alltags kommt mir heutzutage am Frühstücksbuffet jedoch wirklich, wirklich schlecht platziert vor. Dann denke ich darüber nach, wie unheimlich Kakis aussehen – mal im Ernst, wer isst die freiwillig? Oder dass Macadamianüsse für mich die Hannibal Lecter der Discounter-Nussmischung sind. Dabei habe ich nicht per se Angst vor dem Lebensmittel selber, sondern vielmehr Sorge, unwissend allergisch darauf zu reagieren. Man könnte meinen, während meiner Charaktererstellung wurde wohl ein paar Mal zu oft auf „Zufall“ gedrückt, und naja, jetzt habe ich den (Obst‑)Salat!

So. Von dem ganzen hypochondern bin ich ganz hungrig geworden. Und mein Bauch vollzuschlagen funktioniert auch mit Angst – glaubt mir – und das werde ich auch weiterhin tun. Mich meiner Angst zu stellen, hilft mir zu erkennen, dass mir nichts passieren wird. Und falls doch, dann gebe ich zu, dass es durchaus Schlimmeres auf dieser Welt gibt, als an einer Low-Calorie-Double-Chocolate-Granola-Smoothie-Bowl mit gerösteten Honigfeigen zu sterben. Cheers.