Semere ist aus Eritrea geflohen. Von seiner Tochter bleibt ihm nur ein Foto. | Bild: Fiona Noever

edit.Challenge Schicksal eines Geflüchteten
„Ich habe meine Tochter noch nie getroffen“

Semere ist aus Eritrea geflohen. Von seiner Tochter bleibt ihm nur ein Foto. | Bild: Fiona Noever

10 Dec 2019

Ganze sieben Jahre lang musste Semere auf seiner Flucht aus Eritrea Gefangenschaft, Folter und Erniedrigung ertragen. Auf seinem Weg in die Freiheit erfuhr er, dass seine damalige Frau ein Kind erwartete. Ein Kind, das er bis heute noch nie getroffen hat.

Nathalie Kruppa

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
seit Sommersemester 2019

Zum Autorenprofil

Fiona Noever

Crossmedia Redaktion/Public Relations
seit Sommersemester 2019

Zum Autorenprofil
Politische Verfolgung, Gefangenschaft und Folter zwangen Semere von Eritrea nach Deutschland zu flüchten. Dort musste er sein damaliges Leben und seine schwangere Frau zurücklassen. Sein größter Traum ist es, endlich seine Tochter kennenzulernen.

Ein lächelndes Gesicht, drei Küsse auf die Wange und der Duft von eritreischem Linseneintopf empfangen uns, als wir zu Semere Negasi in die Wohnung kommen. Er lebt in Ludwigsburg, fand Arbeit und Freunde. Mit gebrochenem Deutsch erzählt er uns seine bewegende Geschichte. Die Narben an seinem Körper, ein abgetrennter Finger und Verbrennungen sind sichtbare Zeichen für den Leidensweg, den er auf seiner Flucht nach Deutschland durchmachen musste. Der Gedanke an die körperliche und psychische Folter in eritreischen Gefängnissen und durch terroristische Menschenhändler bringen Semeres Hände zum Zittern.

Diese Narben sind jedoch nicht so schmerzhaft, wie zu wissen, dass sich sein eigenes Kind noch immer in einem politisch unsicheren Land befindet. Semeres siebenjährige Tochter Rhaset lebt bei ihren Großeltern in Eritrea. Im Jahr 2017 entschied sich auch Semeres Ex-Frau Eritrea zu verlassen, da das Leben für alleinerziehende Frauen aufgrund finanzieller Probleme und gesellschaftlicher Ausgrenzung besonders schwer ist. Sie traf die Entscheidung, die gemeinsame Tochter bei ihren Eltern zurückzulassen. Diese Entscheidung kann Semere bis heute nicht verstehen.

„In Deutschland habe ich Sicherheit und Freiheit – das möchte ich auch für meine Tochter“ – Semere Negasi

Rhaset kann in Eritrea derzeit noch normal leben. Sie geht zur Schule, spielt mit Nachbarskindern, hat Freunde und Familienmitglieder – wie ein ganz gewöhnliches Mädchen. Doch aufgrund der politischen Lage ist das Leben und die Freiheit in Eritrea eingeschränkt. Die Regierung möchte verhindern, dass junge Menschen Bildung erhalten, um sich nicht gegen diese zu stellen. Das Land gehört nach einem Bericht der internationalen Nichtregierungsorganisation Freedom House zu den undemokratischsten Ländern der Welt. Semere setzt deshalb alles daran, seine Tochter eines Tages nach Deutschland zu holen. Dort hätte sie ein sicheres Leben und Zukunftsperspektiven. Obwohl sich die politische Situation seit Semeres eigener Flucht etwas erholt hat, wäre das aber noch immer mit Komplikationen verbunden, da es in jeder Stadt Ein- und Ausreisekontrollen gibt.

Damit die Beiden irgendwann eine Familie werden können, kontaktierte Semere 2018 erstmals einen Rechtsanwalt. Als die Siebenjährige zu Beginn dieses Jahres nach Deutschland gebracht werden sollte, konnte sie sich nicht von ihren Großeltern trennen, um in ein fremdes Land aufzubrechen – zu einem Vater, den sie noch nie getroffen hatte. Obwohl Semere das nachvollziehen konnte, war er am Boden zerstört. Sein Plan war gescheitert. Dennoch wird er den Kontakt zu seiner Tochter weiterhin pflegen und hoffen, dass sie sich eines Tages dafür entscheidet, zu ihm nach Deutschland auszuwandern.

Die Möglichkeit nach Europa zu fliehen, ist seit der Versöhnung von Eritrea und dem angrenzenden Äthiopien im Jahr 2018 einfacher geworden. Nach jahrelangen Konflikten können Eritreer nun ohne Probleme die Grenze zu ihrem Nachbarland überqueren. Die politische Situation ist jedoch nach wie vor instabil und Fluchtmöglichkeiten bleiben daher ungewiss. Die Einwohner leiden auch heute noch stark unter der repressiven Diktatur, ausgeübt durch Präsident Isayas Afewerki. Dieser ist seit mittlerweile 27 Jahren im Amt.