In den Vereinigten Staaten warten mehr als 2.600 Todeskandidaten auf das Datum ihrer Hinrichtung. (Symbolbild) | Bild: Julia Völker

edit.Challenge Brieffreundschaft mit Todeskandidaten
Adressiert an: Todestrakt

In den Vereinigten Staaten warten mehr als 2.600 Todeskandidaten auf das Datum ihrer Hinrichtung. (Symbolbild) | Bild: Julia Völker

26 Jan 2020

Eine Freundschaft zwischen Todestrakt und „Außenwelt“ hört sich nahezu unmöglich an. Für Anna-Lena ist genau das ein Teil ihres Lebens. Regelmäßig schickt sie Briefe an ihren Brieffreund, der in den Vereinigten Staaten zu Tode verurteilt ist und auf seine Hinrichtung wartet. Wie gelingt es ihr, eine Bindung zu ihm aufzubauen?

Karolin Rufner

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2019
Gesellschaft

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Julia Völker

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Abgeschoben, weggeschlossen und verlassen. 23 Stunden am Tag in einer fünf Quadratmeter großen Zelle. Kaum größer, als eine Tischtennisplatte. Monatlich zwei Rollen Klopapier und komplett abgeschottet von der Außenwelt. Anna-Lena Gruenagel (41) möchte den Gefangenen, die diese Umstände den Rest ihres Lebens aushalten müssen, helfen. Sie schickt nicht nur regelmäßig Briefe an einen Todeskandidaten, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich bei „lifespark“.

„lifespark“ – Vermittler zwischen Todestrakt und Außenwelt

„lifespark – movement against the death penalty“ (dt. „lifespark – Bewegung gegen die Todesstrafe“) nennt sich die gemeinnützige Schweizer Organisation, die sich für die Abschaffung der Todesstrafe in den USA einsetzt. „lifespark“ wurde 1993 von drei Schweizerinnen gegründet und hat mittlerweile weltweit über 300 Mitglieder und mehr als 1.600 Brieffreundschaften zwischen Todeskandidaten und den Menschen „draußen“ vermittelt. Sie möchten den Gefangenen einen Funken Lebensfreude und sozialen Kontakt in ihre dunkle Zelle bringen.

Zufällig stieß Anna-Lena auf einen Artikel von „lifespark“, der über die Vermittlung der Brieffreundschaften berichtete. Zu diesem Zeitpunkt war sie ohnehin auf der Suche nach etwas, um sich sozial engagieren zu können. „Ich wusste sofort, dass es das Richtige für mich ist. Ich bin absolut gegen die Todesstrafe. Außerdem bin ich gut darin, Freundschaften zu halten.“ Trotz ihrer Überzeugung erzählt sie von anfänglichen Ängsten. „Das ist psychologisch eine sehr große Herausforderung. Man muss damit umgehen können, dass er ein Verbrecher ist, dass er irgendwann hingerichtet wird und dass er in diesen kritischen Umständen lebt.“

USA verhängt die Todesstrafe für Mord

Seit der Wiedereinführung der Todesstrafe in den USA im Jahr 1976 wurden 1512 Hinrichtungen vollzogen. Jedoch werden die Gefangenen nicht nur mit dem Tod bestraft. Durchschnittlich vergehen 13 Jahre, bis ein Verurteilter hingerichtet wird. In vielen Fällen dauert es sogar bis zu 30 Jahren oder mehr. Die Gefangenen gehen dabei körperlich und psychisch kaputt. Schreie, die durch die Gänge hinweg zu hören sind – keine Seltenheit im Todestrakt.

29 der 50 US-Staaten wenden immer noch die Todesstrafe an. | Bild: Karolin Rufner

Der erste Kontakt mit einem Todeskandidaten

Im Jahr 2012 schrieb Anna-Lena den ersten Brief an den damals 25-jährigen Renaldo. Adressiert war dieser an einen Todestrakt in Florida. „Renaldo war mein erster Brieffreund. Er hat es mir sehr einfach gemacht hat. Die Brieffreundschaft hat direkt sehr entspannt begonnen. Ohne, dass sich jegliche Ängste oder Bedenken, die ich hatte, bewahrheitet haben.“

Renaldo ist wegen Mordes verurteilt. Er soll eine Frau erschossen haben. Von Beginn an beteuert er allerdings seine Unschuld – auch gegenüber Anna-Lena. Sie las die Akten zu seiner Anklage und durchforstete das Internet zu seinem Fall. Ihr begegneten einige Unklarheiten. „Da hört es dann aber auch auf. Es ist nicht meine Aufgabe, mich da einzumischen oder irgendeine Position einzunehmen. Ich habe mich wirklich rein als Freundin, als Unterstützerin gesehen“, so Anna-Lena.

Schon nach sechs Monaten erhielt sie eine Einladung von Renaldo, ihn im Todestrakt zu besuchen. Anna-Lena war das damals allerdings noch zu früh. Ein weiteres Jahr verging, bis sie ihren Brieffreund nun doch persönlich kennenlernen wollte.

Zu Besuch im Todestrakt

„Vor dem Besuch war ich sehr aufgeregt, auf eine unangenehme Art. Ich wusste nicht, wie so eine Gefängnissituation aussieht, wie ich mich im Gefängnis fühlen werde und vor allem, wie ich mich in einem Raum mit mehreren, zum Tode verurteilten, Männern fühle“, erzählt Anna-Lena, während sie an ihren ersten Besuch zurückdenkt.

„Als Renaldo dann in den Besucherraum kam, hat er mir sofort die Angst genommen. Ich habe die Mauern um mich herum vergessen. Das war wirklich ein schöner Aufenthalt, bei dem wir viel gelacht haben. Als ich gehen musste, war das ein schreckliches Gefühl, obwohl ich wusste, dass ich am nächsten Tag wiederkomme. Man lässt ihn hinter den Mauern zurück. In diesem Todestrakt, in dem man sich so eingeengt und unwohl fühlt. Ich hingegen gehe raus, am Strand spazieren oder kaufe mir ein Eis“, ergänzt Anna-Lena. Beide Seiten waren berührt vom ersten Aufeinandertreffen. Vor allem Renaldo genoss jede Sekunde von Anna-Lenas Besuch. „Er hat nur gestrahlt“, erzählt sie lachend.

Anna-Lena besuchte ihren Brieffreund Renaldo fünf Mal im Todestrakt in Florida. | Bild: Anna-Lena Gruenagel
Sie lernte sogar Renaldos Familie kennen, mit der sie bis heute in Kontakt steht. | Bild: Anna-Lena Gruenagel
Ein Briefausschnitt eines Briefes von Renaldo an Anna-Lena, zu dem er ihr eine Karte gemalt hat. | Bild: Anna-Lena Gruenagel
Die selbstgemalte Karte, die Renaldo Anna-Lena mit dem Brief zugeschickt hat. | Bild: Anna-Lena Gruenagel

Der Kontakt zwischen Anna-Lena und Renaldo ist nach sieben Jahren intensiver Brieffreundschaft abgebrochen. Aus privaten Gründen hätte sie ihn nicht mehr regelmäßig besuchen können, wollte den Briefkontakt aber fortführen. Renaldo gab die Brieffreundschaft daraufhin komplett auf. Anna-Lena kann das noch immer nicht nachvollziehen. Jedoch war ihr von Beginn an klar, dass dies geschehen kann, dass es keine Freundschaft für immer sein wird. Trotzdem denkt sie mit einem Lächeln auf den Lippen an die Besuche und unzähligen Briefe mit Renaldo zurück.

Inzwischen hat Anna-Lena einen neuen Brieffreund. Abel sitzt in einem Todestrakt in Texas. Ihn hat sie noch nie besucht, doch dazu wird sie auch keine Möglichkeit mehr haben. Abel hat seinen Hinrichtungstermin für den nächsten Monat bekommen.

Du hast Interesse an einer Brieffreundschaft?

Aktuell warten 73 Gefangene sehnsüchtig auf einen Brieffreund. Falls du Interesse daran hast, das Leben eines Todeskandidaten ein bisschen schöner zu machen, kontaktiere einfach contactus@lifespark.org

„lifespark“ freut sich über jeden Interessenten, informiert dich über alles Wichtige und steht auch während deiner Brieffreundschaft immer an deiner Seite!

http://www.lifespark.org/index.html