Flügel kann man nicht kaufen
Es ist Dienstagmorgen. Ich sitze in der Bahn auf dem Weg in die Uni und gucke aus dem vom Großstadtstaub vernebelten Fenster. Meine Kopfhörer spielen eines meiner liebsten Alben: Channel Orange von Frank Ocean. „Start my day up on the roof. There's nothing like this type of view“ singt Frank, während die Sonne den Kessel allmählich aufweckt und alles in ein orange-goldenes Licht taucht. Von Lost bis Sweet Life erzählt dieses Album von jeder erdenklichen Emotion, die man durchleben kann – auch schon um acht Uhr morgens, wie ich gerade. Dieses Album ist mittlerweile 13 Jahre alt. Seit fast zehn Jahren hat Frank Ocean keine neue Musik mehr veröffentlicht. Dafür sind seine Texte für mich aktueller denn je: Selbstzweifel und Selbstfindung, Statussymbole und Gesellschaftskritik und das alles verpackt in Soul-Balladen und Art-Pop.
Ich frage mich, ob es vielleicht doch irgendwo etwas Neues von ihm gibt und öffne Instagram. Auf seinem Account gibt es keine Posts. Als Profilbild ein Selfie, auf dem er in die Kamera lächelt. „Frank“ steht da. 7,4 Millionen Follower. Das ist alles. Schade.
Der Preis des Scheins
Ich gehe zurück auf die Explore-Page. Gerade findet das Coachella-Festival in Kalifornien statt. „Super rich kids with nothing but loose ends. Super rich kids with nothing but fake friends“ singt Frank jetzt durch meine Kopfhörer. Zufall? Diese Zeilen scheinen recht passend für ein Musik-Festival, bei dem die Musik mittlerweile eher im Hintergrund eines Instagram-Reels als auf den Bühnen des Festival-Geländes spielt. Posen, Likes, Geld – darauf scheint es bei Coachella anzukommen.
Seit Tagen ist mein Feed mit Influencern übersät, die sich in der Ausgefallenheit ihrer Outfits übertrumpfen und Werbespots für Marken posten – mit Einladung zu einem Erlebnis, das „Normalsterbliche“ mal eben bis zu 10.000 Dollar kosten kann.
Na klar, der Vibe, die Musik, die Artists – auf meinem Bildschirm sieht diese von der Realität abgeschottete Welt schon irgendwie verlockend aus. Aber das Image des perfekt inszenierten Festivals scheint an einigen Stellen zu bröckeln: 2023 ist Frank Ocean auf dem Coachella als Headliner aufgetreten. Er ist der Künstler, an dessen Auftritt sich viele erinnern, weil er nach 90 Minuten abgebrochen wurde.
Die scheinhafte Coachella-Hollywood-Glitzerwelt kennt Frank Ocean nur zu gut – und vor allem ihre Risse in der für die Außenwelt glatt polierten Oberfläche. In „Super Rich Kids“ erzählt er von Drogen, Alkoholexzessen, Sinnfragen. Von Kindern, die nur diese Welt kennen. „Do they sew wings on tailored suits?“ fragen sie sich auf dem Dach einer ihrer Luxusvillen in den Hollywood Hills auf der Suche nach dem Warum. Wird ihnen mit dem Silberlöffel im Mund und den maßgeschneiderten Anzügen auch die Antwort auf die Sinnfrage eines Lebens im Überfluss in die Wiege gelegt? Was sind all die zerbrechlichen Statussymbole wert, wenn sie das Einzige sind, an dem man sich festhalten kann? Keine Eltern, die einen an die Hand nehmen. Keine Freunde, die einen auffangen. Was bedeutet die iced-out watch, wenn ihre Zeit nicht mit dem verbracht wird, das uns erfüllt – das uns auftauen lässt?
Diese Lebensfragen ziehen sich wie ein roter Faden durch Frank Oceans Songs. Seine Inspiration scheint dabei mehr aus seinem eigenen Leben zu stammen, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen mag.
Was fehlt, wenn man alles hat?
Nachdem Frank Oceans Coachella-Auftritt abgebrochen und sein zweiter abgesagt wurde, sind die sozialen Medien von enttäuschten Fans überströmt worden. Missglückter Höhenflug? Drogen-Rausch? Die Spekulationen überschlugen sich. Viele redeten von respektlosem Verhalten, wenige davon, in welcher psychischen Verfassung er sich wohl befunden haben muss. Hinter dem Superstar Frank Ocean auf der Bühne steckt eben doch ein Mensch mit echten Problemen: Christopher Francis Ocean ist weitestgehend ohne seinen Vater in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Der erste Kontakt nach vielen Jahren entstand durch einen millionenschweren Rechtsstreit vor Gericht. Zu Beginn seiner Karriere wurde sein Studio ausgeraubt – neben dem finanziellen Schaden bedeutete das vor allem auch einen emotionalen Rückschlag. 2020 hat er seinen jüngeren Bruder durch einen Autounfall verloren. Dass der Coachella-Auftritt der erste nach diesem Verlust war, schienen viele vergessen zu haben. „Er wäre so gerne hier mit uns“, sagte er, kurz bevor er überraschend die Bühne verließ. Gegen Trauer hilft eben keine noch so teure Medizin.
Mit Super Rich Kids holt Frank Ocean mich in die Realität zurück, wenn ich die Online-Scheinwelt durch meinen Handybildschirm romantisiere. Sein Song – und sein Hintergrund als Künstler und Mensch – erinnern mich daran, dass es das vermeintlich perfekte Hollywood-Coachella-Leben, wie es manchmal in den sozialen Medien dargestellt wird, in der Realität nicht gibt.
Mit dem Kauf eines noch so teuren Autos erwirbt man nicht die Straße zum Glück, weg von allem Übel. Kein Geld der Welt kann ein beflügeltes Leben kaufen. Am Ende des Tages kommt es auf die Menschen an, mit denen wir auf unserem Dach stehen – nicht auf den Wein, den wir da oben trinken und der uns fremd bleibt, weil wir seinen Namen nicht aussprechen können.
„Real love. I`m searching for a real love.“ – diese Suche vereint uns letztendlich. Superstars, Super Rich Kids und Super-Normalos in der Bahn auf dem Weg zur Uni.
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit". Weitere Folgen der Kolumne sind: