Wer ist hier eigentlich verrückt?
Ich werde oft schief angeschaut, wenn ich Pizza mit der Hand esse. Denn ich fange immer von “hinten” an, also mit dem Rand. Aus meiner Sicht sehr praktisch, aber dafür wurde ich auch schon das ein oder andere Mal als “verrückt” bezeichnet. Und auch wenn es oft negativ gemeint ist, glaube ich, dass manchmal ein wenig mehr Verrücktheit in unserer Gesellschaft nicht schaden würde. Genau das denke ich mir jedes Mal, wenn ich das Lied „Verrrückt“ der deutschen Rockband Eisbrecher höre. Ein Lied, das dazu anregt, verrückt abzugehen und den Text mitzuschreien. Aber allen Klischees über den Musikstil zum Trotz hat der Song auch eine lehrreiche Botschaft.
Normalität ist die Krankheit
Ich hasse es, wenn Dinge zu gewöhnlich sind. Warum sonst gibt es wohl Begriffe wie „stinknormal“? Der Banalität des Alltags würde also die ein oder andere Verrücktheit gut tun. Der Sänger der Band, Alexander Wesselsky, spricht dabei die langweilige und vorurteilsdurchtränkte Gesellschaft direkt an: „Und bin ich dir peinlich, mach ich dir Angst? Wer ist normal hier und wer ist hier krank?“ Ich bin in manchen Situationen lieber verrückt und breche aus der Stinknormalität aus. Dann ist es mir auch egal, ob ich dumme Kommentare beim Pizzaessen zu hören bekomme.
Gegen den Strom schwimmen, lautet hier das Motto. Sänger Alexander Wesselsky bestätigt gleich zu Anfang seine Andersartigkeit: „Du sagst, ich bin anders. Ich sag, du hast Recht.“ Und das ist nichts Schlimmes. Es ist das, was viele Menschen tun sollten, um aus der steifen gesellschaftlichen Ordnung auszubrechen. Vielleicht mal eher die Meinung anderer ignorieren und sich abkapseln!
Auch wenn das vielleicht bedeutet, dass man in der Außenseiterrolle gesehen wird. Vielleicht sogar so weit, dass andere Angst bekommen. Zumindest spielt Eisbrecher in Strophe zwei darauf an, in der es heißt: „Du sagst, ich bedroh' dich, bin neben der Spur.“ Ich bin mir sicher, mein Freundeskreis denkt beim Pizzaessen auch, dass ich neben der Spur bin. Aber nur, weil sie mich als „verrückte“ Person nicht ganz verstehen. Ich meine, es klingt zwar komisch und Sänger Wesselsky betitelt sich selbst im Text auch als „nicht ganz dicht", aber genau darum geht es. Das Nicht-ganz-dicht-Sein ist das, was ihn von anderen unterscheidet. In meinem Fall wäre das dann die spezielle Esstechnik von Pizza.
Zum Glück bin ich verrückt
Letztendlich kommt es nur darauf an, verrückt genug zu sein. Zumindest ein bisschen. Und es schadet nicht, zum Beispiel, mal anzufangen, Pizza von hinten zu essen. Eisbrecher singt hier vom Zustand des Andersseins, den man negativ als „verrückt“ bezeichnet. Sie aber machen daraus ein Erkennungsmerkmal. Die Entscheidung, verrückt zu sein, steht fest und verändert alles. „Nichts wird mehr wie früher sein. Zum Glück bin ich verrückt.“ Egal, was passiert oder wie man sich verhält. Ich muss akzeptieren, dass ich von manchen immer als „verrückt“ angesehen werde, nur weil ich Pizza andersherum esse.
Das also zu akzeptieren, sich selbst so wahrzunehmen, wie man ist, und seine eigene Individualität zu leben, ist entscheidend. Denn man wiederholt immer, was Alexander Wesselsky einem am Ende des Songs entgegenbrüllt. Egal, wie man sich anzieht: Zum Glück bin ich verrückt. Wen man liebt: Zum Glück bin ich verrückt. Oder wie man isst: Zum Glück bin ich verrückt. Am Ende bräuchten wir alle mehr davon, Individualität zu akzeptieren, uns gegen die Norm zu stellen und einfach zu sagen: „Zum Glück bin ich verrückt!“
Dieser Beitrag ist Teil des Kolumnenformats „Der Sound unserer Zeit“. Weitere Folgen der Kolumne sind:
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