Kerzen und magische Rituale: Das verbinden viele mit dem Satanismus, aber was steckt wirklich dahinter? | Bild: Franziska Anson

Interviews Satanismus
"Ich bin mein eigener Gott"

Kerzen und magische Rituale: Das verbinden viele mit dem Satanismus, aber was steckt wirklich dahinter? | Bild: Franziska Anson

01 Jan 2020

Kaum ein Thema ist von so vielen Vorurteilen behaftet wie der Satanismus. Doch was genau Satanismus bedeutet, weiß fast niemand. Jonas* ist Finanzberater, Katalogmodel und Mitglied der Church of Satan. Was ein Ziegenkopf, Marilyn Manson und ein Löwe damit zu tun haben, erzählt der 22-Jährige im Interview. 

Ein Augenblick der Stille folgt auf das Klingeln, bevor das Surren des Türöffners ertönt. Bei der Fahrt mit dem Lift in das zweite Untergeschoss schaut nur das eigene Spiegelbild zurück. In einem ehemaligen Banktresor, der zu einer Bar umgebaut wurde, sitzen vor allem Anwälte und Geschäftsleute. Etwas abseits wartet Jonas, während er eine Zigarette raucht.

Du kommst aus einer katholischen Familie und wurdest auch katholisch erzogen. Wie bist du zum Satanismus gekommen?

Ich bin bisexuell und das habe ich auch ziemlich früh rausgefunden, in einem Alter, wo ich noch an Gott geglaubt hab, wo ich dann mitgekriegt hab, das ist schlimm. Warum ist das schlimm? Es hat immer weniger Sinn ergeben für mich und dann bin ich mit 16 ausgetreten, was richtig Probleme in meiner Familie ausgelöst hat. Dann bin ich wieder eingetreten und mit 18 still und heimlich wieder ausgetreten.

Und wie ging es von da zur Church of Satan?

Bei mir hat das mit so einer Selbstfindungsphase angefangen. Ich habe mich dann in verschiedenen Religionen ausprobiert, also auch im Islam, auch mal eine Moschee besucht und auch Scientology, das war aber irgendwie weird. Irgendwann hab’ ich mir die Satanic Bible bestellt von Anton LaVey und hab das gelesen und das war’s für mich: Ich hab’ die letzte Seite zugeklappt und es war als würdest du einen Menschen kennen, der meine Denkweise viel, viel ausführlicher in Worte gefasst hat.

Wie steht deine Familie zu dem Thema?

Also meine Eltern wissen es. Meine Mutter hat auch die Satanic Bible gelesen, findet’s auch gut. Ihr war nur wichtig, dass ich nicht in eine Sekte abrutsche oder so. Mein Vater ist evangelisch, aber der hat damit wirklich gar nichts am Hut, nur so auf dem Papier, weil man macht’s halt so auf dem Dorf, so dieses Herdendenken. Der Rest meiner Familie weiß es nicht, grad meine Großeltern, Onkel, Tante, die sind da strenger und die würden das auch, glaub ich, gar nicht verstehen.

Wie würdest du Satanismus einem Kind erklären?

Das ist schwer. Ich finde Kinder haben eigentlich was Anderes zu tun, als sich mit Religion zu beschäftigen. Mal ganz fundamental angefangen: Wir sind alles Tiere und darum geht’s eigentlich. Dass wir nicht von irgendeiner Gottheit auserwählt wurden, sondern wir sind einfach Tiere, fertig. Und es gibt keinen Gott, es gibt keinen Himmel, keine Hölle, fertig. Wenn wir sterben, wird’s einfach schwarz, wir sind gelöscht. Aber das ist ja auch nicht schlimm. Viele Christen sehen das ja auch als völlig sinnlos, dann überhaupt zu leben, aber ich sehe das eher andersrum, dann macht das Leben doch erst recht Spaß, dann kannst du ja alles machen, was du willst, weil das eh keine Bedeutung mehr hat. So ein bisschen dieser nihilistische Gedanke, aber nicht in einem negativen Sinn. Auch diese Figur des Baphomet, halb Mensch, halb Ziege ist ja das Symbol: ‘Hey wir sind eigentlich Tiere’. Manchmal besser, oftmals schlechter als Tiere und du bist dein eigener Gott. Du allein hast die Entscheidungsgewalt über dein Leben. Und da hat dir niemand was reinzusagen.

Baphomet ist das Symbol der Church of Satan. | Bild: Church of Satan

Das klingt jetzt sehr nach Atheismus. Wie weit ist der Schritt vom Atheismus zum Satanismus?

Gar nicht weit. Es ist mehr wie eine verstärkte atheistische Philosophie. Jeder Satanist ist ein Atheist, aber nicht jeder Atheist ist ein Satanist.

Ihr betet Satan nicht an, trotzdem heißt es ‘Satanismus’. Findest du da die Begriffsbezeichnung irreführend?

Nö. In meinen Augen ist Satanismus das und nichts Anderes. Christen glauben ja an einen Teufel. Satanisten eben nicht. Menschen, die sich als Satanisten sehen und dann eine Ziege schlachten, das sind in meinen Augen Christen. Die glauben schon an diese ganze christliche Welt, dass es einen Gott gibt, dass es einen Teufel gibt, nur anstatt Gott anzubeten, beten sie halt den Teufel an und opfern dem eine Ziege. Ist für mich was Christliches und nichts Satanisches. Deswegen ist da in meinen Augen keine Verwirrung.

Woher kommt dann die Bezeichnung ‘Satanismus'?

Der Begriff “Satan” kommt ja aus dem Althebräischen und bedeutet sowas wie Opposition, also Gegenspieler zu etwas. Und wir sind der Satan zu dieser christlich geprägten, westlichen Welt, wo dieser Herdengedanke vorherrschend ist. Das Paradebeispiel: Auf dem Land, da lässt man halt sein Kind taufen, weil ‘das macht man eben so’ – ob man jetzt dran glaubt oder nicht. Das ist für mich Bullshit: Einer macht’s und alle machen es nach. Und dagegen sind wir eben der Satan. Gegen diese Herdenmentalität, diese Trendmentalität. Wir versuchen rational über Dinge nachzudenken.

Du beschreibst den Satanismus jetzt als sehr rational. Wie geht ihr mit Emotionen um?

Im Satanismus geht’s ja auch viel drum, das auszuleben und nicht irgendwie aufzustauen. Es gibt ja viele Serienmörder oder -vergewaltiger, die aus stark christlichen Haushalten kommen, keusch leben und ihren Trieb unterdrücken und dann irgendwann platzt das aus einem raus und dann begehen sie Straftaten und sehr viele unschuldige Menschen werden da mit reingezogen. Um das zu verhindern, weil wir eben Tiere sind und unseren Trieb ausleben müssen - manche haben den mehr, manche weniger – gibt es solche Rituale, die eine Basis geben, wo man das wie ein Theaterstück machen kann. Das ist sowohl rational geprägt, als auch mit dem Gedanken des Auslebens.

Wie sieht so ein Ritual aus?

Die Rituale bei uns fokussieren sich auf drei emotionale Aspekte, die dich als Mensch einschränken können, dein eigener Gott zu sein. Es gibt Wut und Zornrituale. Das kann man sich vorstellen wie so Voodoopuppen und dann stichst du da deine Nadeln rein, während du jemanden verfluchst. Wir glauben ja nicht daran, dass der dann verflucht ist, aber in unseren Gedanken ist er das für uns. Man kann sich da auch schwarze Roben anziehen oder normale Sachen. Eben in der Kleidung, in der du dich wohl fühlst.

Gibt es da auch Grenzen?

Ja. Du bist dein eigener Gott, aber das war’s dann auch. Du bist nicht der Gott für andere. Du sollst all deine Freiheiten haben, die du hast, aber sobald es an die Freiheiten von anderen Menschen geht, ist die Grenze erreicht. Das hat auch was mit Respekt zu tun, das sagt auch eine Regel von uns.

Ihr habt eine Bibel und ihr habt Regeln. Habt ihr eine hierarchische Ordnung wie auch die christliche Kirche?

Es gibt insgesamt fünf Ränge. Der erste Rang ist quasi das aktive Mitglied, der zweite Rang wäre dann als Mann ein Warlock und als Frau eine Witch. Dritter Rang wäre dann Priest und Priestess. Vierter Rang ist dann Magister und Magistra. Und fünfter Rang – oberster Rang – ist Magus und Maga. Wenn du nachfragst, was du tun musst, um diesen Rang zu erreichen, dann kannst du es dir nicht erlauben. Dann kannst du es dir schlichtweg nicht leisten. Das wird aber meistens gemessen an persönlichen Errungenschaften. Also wenn man sieht, du hast die Philosophie für dich angewandt und hast wirklich Erfolg damit. Wir leben in einer westlichen Welt, wir haben westliche Werte, Materielles wird da großgeschrieben. Du hast deine Gottesmacht, die du über dich selbst hast, in Anspruch genommen und du hast das wirklich für dich erreicht und dann ist das eine Errungenschaft und das wird dann dementsprechend mit Titeln honoriert.

Das bekannteste Ehrenmitglied der Church of Satan ist wohl Marilyn Manson. Was hat er getan, um Ehrenmitglied zu werden?

Ich wusste, dass das kommt. (lacht) Er war sehr gut mit Anton LaVey befreundet, als er noch gelebt hat. Man hat bei ihm anscheinend gesehen, dass sich diese Philosophie wirklich wiederspiegelt... wie er persönlich mit sich umgeht, wie er für sich lebt. Ich denke auch der Aspekt, dass er so ein bisschen abschreckend wirkt, dass er sein eigener Gott ist und sein eigenes Ding macht. Er macht das, es ist Kunst und das zieht er konsequent durch und das ist definitiv was Satanisches. Ich glaub, das hat ihn zum Ehrenmitglied gemacht. Das hat LaVey veranlasst.

Wie kam LaVey auf die Idee, die satanische Bibel zu schreiben?

Er hat lange, lange Zeit im Zirkus gearbeitet, zuerst Orgelspieler und dann Löwenzähmer, hatte auch lange, lange Zeit bei sich im Haus einen Löwen als Haustier. Der hat sogar bei ihm im Bett geschlafen, also der war da knallhart. Weil er im Zirkus gearbeitet hat, konnte er auch viel beobachten, grade auch christliche Menschen, die vermeintlich stark danach gelebt haben, immer schön sonntags in die Kirche gegangen sind, sich aber auch Huren zugelegt und getrunken haben, was ja überhaupt nichts Christliches ist und das hat ihm zu denken gegeben.

Was sollte man deiner Meinung nach noch über den Satanismus wissen?

Satanismus ist die weltweit einzige Religion, die Homosexualität nicht nur toleriert, sondern wirklich akzeptiert und auch respektiert. Wir sind alle animalisch, wir haben alle unsere Triebe und solang die zwischen zwei oder auch drei oder vier oder egal wie vielen Erwachsenen,die ihr Einverständnis gegeben haben, ausgelebt werden, ist das sehr gut. Die wissen ja alle, was sie machen, die leben sich aus und das ist super.

 

*Name geändert