„Mit der Nummer drei – Kevin McClain.“ Durch die Lautsprecher ertönt die Stimme des Kommentators, der die Spieler des heutigen Spiels ankündigt. Darauf folgt ein tosender Applaus aus den Zuschauerrängen. Schallende Hip-Hop-, Pop- und RnB-Sounds bringen das Parkett zum Beben und das Publikum in Stimmung. Die Menschen sind mit blau-weißen Trikots und Fahnen ausgestattet und führen angeregt Gespräche – wie die letzte Saison ausging und Spekulationen, wie sich die neue Saison wohl entwickeln wird. Im Mai stieg das Team von der Basketball-Bundesliga (BBL) in die zweitklassige ProA ab. Nun steht das erste Testspiel vor Saisonbeginn für die Academics Heidelberg bevor. Pure Emotionen für viermal zehn Minuten. Für einen der Spieler ist es das erste Spiel seit Mitte der letzten Saison – für den US-amerikanisch-deutschen Basketballer Kevin. Eine Sprunggelenksverletzung sorgte dafür, dass er die Mannschaft seit April nicht mehr aktiv unterstützen konnte. Nach Monaten nun der erste Schritt aufs Parkett. Anspannung und Vorfreude steigen in Kevin auf. Ein Pfiff hallt durch den Raum. Jetzt heißt es, alles geben und das Team zum Sieg führen.
Der Körper auf dem Prüfstand
Ein paar Wochen zuvor: Im Sportolab mitten in der Heidelberger Innenstadt findet für Kevin und zwei seiner Teamkollegen der Medizincheck statt. Philipp Schray ist Physiotherapeut in Stuttgart und auf Verletzungen im Basketball spezialisiert. Er erklärt, dass es bei der Rehabilitation nach einer Verletzung darauf ankommt, den Spieler Schritt für Schritt wieder an die Anforderungen des Basketballs heranzuführen. „Ein Profi muss wieder hohe Kräfte produzieren, abbremsen, springen, landen, die Richtung wechseln und wiederholt hochintensive Aktionen ausführen können.“
„Ich bin manchmal so unempfindlich gegenüber Schmerzen, dass ich mir einfach sage, dass es schon besser wird und ich weitermachen kann.“ Kurze Zeit später dann die Diagnose: ein Knochensplitter, der entfernt werden muss. Kevin fällt aufgrund dieser Sprunggelenksverletzung aus und kann die Saison mit dem Team nicht beenden. Laut Angaben des Sportreports der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) 2026 zählen Sprunggelenksverletzungen zu den häufigsten Verletzungen im Basketball. „Als ich von der Verletzung erfahren habe, war ich frustriert. Ich fragte mich: „Warum passiert das?“, reflektiert er. Für Kevin folgten drei intensive Monate der Regeneration, um seine Teamkollegen wieder auf dem Spielfeld unterstützen zu können. „In meinem Kopf dachte ich, dass ich schnell gesund werde. Die Genesung hat lange gedauert und war, ehrlich gesagt, ziemlich anstrengend.“
Deswegen soll nun im Sportolab die Sporttauglichkeit und der Gesundheitszustand überprüft werden. „Hey, how are you doin‘?“, begrüßt Kevin seine neuen Mitspieler Frank Champion und Cantia Rahming. Obwohl die beiden erst seit dieser Saison bei den Academics spielen, herrscht sofort eine lockere Atmosphäre, als würden die drei schon seit Jahren gemeinsam für das Team auflaufen. Die Mannschaft setzt sich aus vielen internationalen Spielern zusammen. Die meiste Zeit unterhält sich Kevin daher auf Englisch.
Geboren wurde Kevin in Orlando in den USA als eines von acht Kindern. Schon von klein auf war Basketball ein Teil seines Lebens. „Ich war noch klein, also habe ich nur zugeschaut. Als ich dann größer wurde, durfte ich ein bisschen mitspielen. Später, als ich etwa 12 Jahre alt war, gab es Basketball in der Schule. Und damit hat alles angefangen.“
Profibasketballkarrieren kannte Kevin zunächst nur aus Filmen. „Ich hatte einfach den Wunsch, Basketball zu spielen und solche Momente zu erleben, wie sie in den Filmen zu sehen sind.“ Erst war es nur das Spielen im Park. Irgendwann setzte sich Kevin das Ziel, der beste Spieler in der Nachbarschaft zu werden. Ehrgeiz und viel Training machten ihn von da an besser und besser. Kevin berichtet, dass ihn die Menschen in seinem Umfeld motiviert haben, weiterzumachen, bis sein Traum schließlich Wirklichkeit wurde. „Ein Typ aus einer Nachbarstadt sagte, er kenne ein Team, bei dem ich vorspielen solle. Während des Probetrainings habe ich einen Dunk hingelegt, den in meinem Alter nicht viele Leute geschafft haben – ab da wurde Basketball für mich plötzlich eine ernstere Angelegenheit.“ Nachdem er vier Jahre an der Belmont University in Nashville, Tennessee, Grafikdesign studiert hat, besuchte Kevin die Summer School der National Basketball Association (NBA). Im letzten Spiel stellte er sein Können bei den Golden State Warriors unter Beweis. „Ich habe in diesem Spiel ziemlich gut abgeschnitten. Das war eine große Sache. Ich war überall in den sozialen Medien. So sind viele Vereine in Deutschland auf mich aufmerksam geworden.“ Darauf folgt eine Karriere mit vielen Ups und Downs. Verletzungen erschwerten Kevin immer wieder seinen sportlichen Weg – so auch die letzte Sprunggelenksverletzung. Gerade deshalb hat er für die kommende Basketballsaison hohe Ziele: „Das Hauptziel ist es, die Mannschaft wieder in die BBL zu bringen.“
Das Zusammenspiel von Kopf und Körper
Die erste Übung steht an. Dazu sitzt Kevin in einem Stuhl, an welchem er durch Gurte befestigt wird. Eines seiner Beine wird in das Gerät eingespannt und ebenfalls mit einem Gurt fixiert. Durch die sogenannte isokinetische Muskelfunktionsanalyse wird die maximale Streck- und Beugkraft in den Oberschenkeln der Spielenden miteinander verglichen. Die Stärke wird zuerst auf der linken Seite und dann auf der rechten Seite überprüft.
Wie wichtig Unterstützung gerade nach Sportverletzungen ist, macht Danijela Bradfisch, Sportpsychologin, deutlich. Sie erklärt, dass jeder Körper verschieden ist und man sich für die Regeneration je nach Person und Verletzung unterschiedlich lange Zeit nehmen muss. Es wird unterschieden zwischen der Rückkehr zum Sport, also dem Ausüben der Sportart, und der Rückkehr zur Competition, also dem Antreten von Wettkämpfen. Um sowohl bei dem einen als auch bei dem anderen performen zu können, muss man als Spieler*in selbstreflektiert sein und erkennen, was einem guttut. Dieser Schritt bedeutet aktives Handeln und Mut, die Verletzung nicht nur körperlich, sondern auch mental anzugehen. Philipp Schray bestätigt, dass die Spielenden irgendwann wieder an dem Punkt sein sollten, an dem sie beim Spielen nicht mehr über ihre Verletzung nachdenken. Ein gesundes Umfeld und Zeit, um wieder Selbstvertrauen zu gewinnen, seien dafür essenziell.
Ein Monitor stoppt die Zeit, die die Spieler brauchen. „Quick, quick, quick“, ertönt es von den Coaches. Das Quietschen der Sportschuhe durch das Abbremsen am Boden hallt durch den ganzen Raum. Vier Sekunden zeigt der Monitor bei Kevin an. Ein kurzes High Five mit allen Anwesenden im Raum, ein kurzer Applaus und ein Foto der Spieler. Nach einer Stunde ist der Medizincheck beendet.
Der unsichtbare Gegenspieler
Bei der Regeneration kommt es aber nicht nur auf die physische Wiederherstellung an. Ängste, mangelndes Selbstvertrauen und zunehmend negative Gedanken können den Heilungsprozess verlangsamen und dazu führen, dass Sportler*innen nicht mehr zu einem hohen Leistungsniveau zurückkehren können. Danijela Bradfisch erlebt in diesem Prozess häufig Ungeduld und Zweifel. Sie erklärt, dass es darauf ankommt, mit den Spielenden gemeinsam herauszufinden, worin die Ängste und Bedenken liegen. „Dann kannst du wirklich in die Details gehen und daran auch arbeiten.“ Die Psyche ist auf dem Weg zurück aufs Spielfeld ein unverzichtbarer Baustein. Philipp Schray sieht in einer Verletzungszeit die Chance, den eigenen Körper besser kennenzulernen und so gezielt an Defiziten zu arbeiten. Er rät daher, diesen Teil des Lebens als Profisportler*in anzunehmen und den Weg zurück aufs Spielfeld mit Geduld anzugehen.
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Kevin berichtet, dass er nach einer Verletzung eine zwei Jahre lange Auszeit in den USA genommen hat. Dabei hat er einiges gelernt: „Ich musste mich nicht beweisen. (…) Die Leute wollen einen immer anfeuern, wenn man aufsteigt. Aber wenn man hinfällt, wenden sie einem den Rücken zu. Das war eine gute Erfahrung, bei der ich viel über menschliches Verhalten gelernt habe – vor allem im Sport.“ Während dieser Zeit hat sich Kevin viel mit dem Glauben an Gott beschäftigt, welcher ihm auch bei der aktuellen Verletzung Halt gibt. Darin findet er Antrieb und Motivation, es auch aus dieser schweren Zeit zu schaffen. „Alles passiert aus einem Grund – das ist der Schlüssel zum Leben.“ Ups und Downs gehören für Kevin dazu. Er probiert, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und so zu wachsen. Kevin erzählt mit einem Lachen, dass ihn zum Beispiel auch einfache Gespräche mit Leuten an der Tankstelle zum Nachdenken anregen und antreiben können. Mit positiver Energie soll es auch in die bevorstehende Saison gehen.
Kevin geht mit diesem Mindset in das erste Testspiel der Heidelberger. Bereits nach zwei Minuten wird er eingewechselt. Er ist der Shooting Guard der Academics. Seine Stärke sind die Distanzwürfe, die die meisten Punkte – drei Punkte – bringen. Eine Studie im Rahmen der NBA zeigt, dass Shooting Guards am häufigsten von Verletzungen des Sprunggelenks betroffen sind.
Insgesamt gibt es im Basketball fünf aktive Feldspieler pro Team:
Point Guard („Einser“) = der kleinste, aber schnellste Spieler der Mannschaft; ausgezeichneter Passgeber und Dribbler
Shooting Guard („Zweier“) = spezialisiert auf Distanzwürfe; bildet mit dem Point Guard den Backcourt; nutzt Blocks des Teams für Drei-Punkte-Würfe; offensivere Spielweise als der Point Guard
Small Forward („Dreier“) = Allrounder der Mannschaft; verfügt über eine gute Kombination von physischer Stärke und Sprintschnelligkeit; schnelle Dribblings; punktet unter dem Korb; holt Rebounds; sollte gute Pass- und Defense-Qualitäten besitzen
Power Forward („Vierer“) = muss harte Pässe fangen können, Rebounds holen können und Chancen für den Point Guard schaffen
Center („Fünfer“) = wichtig im Angriff; kreiert Chancen durch schnelle Drehungen; ist Teil des Frontcourts
Quelle: Würzburg Baskets
In allen vier Vierteln kommt Kevin zum Einsatz. Er macht im Spiel insgesamt zwölf Punkte und kann sein Können auch nach der Verletzung unter Beweis stellen. Am Ende gewinnen die Academics schließlich mit einem Ergebnis von 109 zu 70. „Ich war ein bisschen nervös, aber ich war vor allem gespannt darauf, Spaß zu haben und den Fans zu zeigen, was ich wirklich kann – und ich konnte auch ein paar spektakuläre Aktionen zeigen“, berichtet Kevin nach dem Testspiel.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Ein paar Tage später trifft sich das Team zum Training am Olympiastützpunkt in Heidelberg. Kommendes Wochenende steht schon das nächste Spiel an. Begonnen wird mit dem Warm-up. Laute Musik wird durch die JBL-Box gespielt, während nach und nach alle Spieler eintreffen – darunter auch Kevin. Nur noch schnell umziehen und dann werden auch schon die ersten Körbe nach Anweisung der Coaches geworfen. Dabei müssen sie versuchen, an einem Mitspieler vorbeizukommen und den Wurf als Treffer zu verwandeln. Nach einer halben Stunde rufen die Trainer die Mannschaft zusammen – Spielbesprechung vom vergangenen Wochenende. Gemeinsam sieht sich das Team verschiedene Spielszenen aus dem Game gegen Reutlingen an, um sich so auf den neuen Gegner vorzubereiten. Headcoach Carlo Finetti analysiert mit kräftiger Stimme und bestimmender Gestik die gut und schlecht ausgeführten Aktionen. Kevin und die anderen Spieler sitzen im Halbkreis um den Monitor auf dem Boden und hören zu. Im Anschluss folgen Dehnübungen, um den Körper so auf das darauffolgende Training vorzubereiten.
Es ist 17:20 Uhr, als die Basketballer die Halle verlassen. Für heute haben sie es geschafft. Kevin läuft über den Parkplatz zu seinem Auto und startet nach ein paar Sekunden den Motor. Auf die vergangenen Monate blickt er positiv. „Es ist eine Achterbahnfahrt, aber ich habe das Gefühl, dass ich zu viele gute Dinge gelernt habe, um es zu bereuen. Ich hätte bis ganz nach oben kommen können. Dann hätte ich aber bestimmte Lektionen fürs Leben nie gelernt.“ Mit den Zielen im Kopf und der Motivation für die neue Saison fährt er nach Hause.